Gernulf Olzheimer kommentiert (CDIV): Heimat

2 03 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Rrt wusste nicht viel, aber immerhin, wo er zu Hause war. Dass sich das nicht änderte, lag an seiner ausgeprägten Lethargie: alles zog in das neue Dörfchen an der westlichen Felswand, jeder in eine hübsche Zweiraumhöhle mit stehend Wasser und Mammutschutz, nur nicht der Heckenpenner mit der chronischen Adipositas. Was sich in sein Hirn einbrannte, war nicht der Drang zur Evolution, nicht der Fortschrittstrieb, sondern nur der Überblick mit dem Radius null. Alles bleibt, was und wo und wie es ist, warum auch immer. Nichts, was da nicht war, wird da nicht sein. Sich damit auseinanderzusetzen, war nie Phase. Der Monolith heißt Heimat.

Was anfänglich nichts anderes ist als eine Wohnanschrift, im engeren Sinne ein ersessenes Gefühl, das sich damit verbindet: wer längere Zeit in einer neuen Umgebung verbracht hat, findet in ihr Heimat. Ubi bene, ibi patria. Wie eng umrissen der Heimatbegriff in den odelumwölkten Löchern der bäuerlichen Brut-und-Boden-Kultur einst war, er findet sein treues Abbild in den Scheuklappen des völkischen Mistgabelmobs, der Teutschland zur Not mit Wehrmachtsbeteiligung vergrößern will, um es dann hinterher mit Stacheldraht gegen die fremdrassigen Invasoren zu schützen.

Denn das weiß der freudlose Hohlpflock auch nach erfolgreich überlebter analer Phase: Was Du ererbt von Deinen Vätern, klatsch jedem eine rein, der es auch nur anschaut. Weimernde Winselbuben, die ihrem Rückenmarksamputat nachgreinen, hocken unterm Tisch, weil draußen Welt ist. Nach biologisch-dynamisch rücksichtlosen Maßstäben, wie sie Mammi-bitte-bitte-nicht-zu-warm-Duscher als Existenzentschuldigung rausflennen, wäre diese Spielart längst von der Bildfläche getilgt worden. So klammern sich sozial sonderbegabte Äffchen an die wirre Vorstellung von Sein als persönlichem Besitz. Es darf gelächelt werden.

Das nächste Problem ist, dass die Grützbirnen Heimat für ein zeitlich verankertes Phänomen halten; alles, was je in irgendeinem von Geröll und Gerümpel vermüllten Tal, dessen Exportschlager sich auf schlechte Wurst und Inzucht beschränken, über dem Zaun gehangen hat, ist ein integraler Bestandteil jener guten, alten Zeit, eine komplett updateresistente Hölle voller Postkutschen aus der Kaiserzeit, Mädels mit Zöpfen, jodelndem Personal und Brötchen für einen Pfennig. Heimatliebe blendet alles aus, was nicht ins konsistente Bild passen würde, als Elektrizität und Flugzeuge noch nicht erfunden worden waren, und verengen die Sicht, wie es eine Demenz täte: alles wird neu sortiert, bekommt eine Bedeutung übergestülpt, die es vorher nie gab, und die Sicherheit einer eigenen Identität besteht zunehmend daraus, sich die Phantasmagorien zu Wirklichkeit zu schwiemeln, mit Greif- und Stehhilfen und Leitplanken, falls die Logik doch mal um die Ecke grinst.

Die solide Beklopptheit der braun getünchten Bettnässer sorgt nun für ein Vollbild an finaler Realitätsresistenz. Aus der schieren Zuhandenheit von Heimat schließt der selbst ernannte Gesichtsschnitzelverein, dass sie keinem anderen gehört als dem, der sie für sich beansprucht mit dem Alleinvertretungsanspruch des militanten Tiefstbegabten, als sei der Hominide ein besonders beschränktes Exemplar einer Alge, die nur in eng begrenzter Wassertemperatur bei klar definiertem Salzgehalt am Leben bleiben kann. Was die Intelligenz der Alge angeht, trifft dies auf die Deppen mit der chronischen Opferlitanei, die ab Geburt Heimatvertriebenen, auch zu. Offenbar ist der Bodensatz der Klötenkönige nur in Watte gepackt handlungsfähig. Dementsprechend werden die Heulsusen auch von Staat und Justiz behandelt.

Ein Volk ohne Raum, das sich offensichtlich wie der afrikanische Ausbreitungstyp verhält, kann ja gar nicht anders, als sich in seinem miefenden Loch zu verkriechen, schon deshalb, weil es sich sonst einnässte. Gut, wenn man für diese Kniffe immer noch Religion als argumentative Krücke in den Schritt kneifen kann.

Schließlich und endlich mündet alles, was sich mit dem konzeptfreien Begriff einlässt, in einer Klischeegrütze, hauteng an der intellektuellen Nahtoderfahrung eines durch und durch bigotten Geschwalls von Das-war-schon-immer-so. Der von und für Dummdeppen peristaltisch beförderte Brei aus Kunst und Handwerk, Brauch- und Sauftum entschuldigt auch den beknacktesten Atavismus, den eine Hälfte des Volks bedenkenlos nachturnt, da die andere Hälfte noch auf allen Vieren kriecht. Spätestens an der Heimatfront, dem begehbaren Areal innerhalb des Stacheldrahts, kapiert dann der dummstolz stinkende Endsiegrhetoriker, dass es nur noch außen Zukunft zu holen gibt. Ihre Ehre heißt Treuepunkte, sie wollen lieber reich ins Heim als heim ins Reich – zwar erledigt sich der Dreck nur für eine Generation, aber er erledigt sich erstmal. Mit sehr viel Glück.

Advertisements