Selbstzerstörungsmodus

7 03 2018

Luzie wedelte mit den Ellenbogen, dann wischte sie sich mit der Hand über das Gesicht, vielmehr: sie vollführte die international bekannte Geste für Dinge und Menschen, die nicht alle Tassen im Schrank haben. Mit einem säuerlichen Lächeln zeigte sie auf den Würfel, der den Tresen zierte. „Das ist sie.“ So klein, und doch brachte sie die ganze Kanzlei durcheinander.

„Eigentlich sollte das Gerät vieles einfacher machen“, überlegte ich, „aber danach sieht es nun nicht gerade aus.“ Die Lämpchen begannen leicht zu leuchten. „Ich verstehe Deine Besorgnis“, säuselte der Kubus. „Aber wenn Du Dich an meine Funktionen gewöhnt hast, kann ich vieles für Dich leichter machen.“ Genau das hatte ich erwartet. „Sie hält einfach nicht die Klappe“, knirschte Luzie zwischen den Zähnen hervor, „immer muss das Ding das letzte Wort…“ „Ich wusste ja nicht, dass Du nichts mehr sagen wolltest.“ „Und patzig ist das Blechteil auch noch!“ Zwischen Luzie und Lexi war das Tischtuch offenbar gründlich zerschnitten. „Dabei wollte Anne sicher alles nur ein bisschen moderner gestalten.“ Aber sie blickte immer noch skeptisch.

Die Rechnungen waren erklecklich. „Das war der Mandant mit den vielen Strafzetteln.“ Er, ein durchaus lauter Zeitgenosse, hatte das Büro mehrmals aufgesucht, Unterlagen eingereicht, kurz nach dem Befinden gefragt, und jedes Mal hatte er Lexi in Betrieb genommen, wenn auch ungewollt. „Einmal wollte er mit dem Taxi nach Hause fahren, zack: Taxi bestellt, und zwar zur Sicherheit gleich mehrfach. Und dann meinte er: ‚Ach, jetzt eine schöne große Pizza!‘. Noch Fragen?“ „Du wolltest eine schöne große Pizza“, schnarrte Lexi, „ich habe Dir schon eine bestellt, wie Du sie in der letzten Woche haben wolltest.“ Luzie stöhnte auf. „Ich wusste es.“ Ich kratzte mich am Kinn. „Hat das Ding eigentlich einen Selbstzerstörungsmodus?“ Luzie schüttelte den Kopf. „Nein, aber unsere Kanzlei.“

Sollte es eine Bedienungsanleitung geben für die Kiste, so hatte Anne sie sehr gut versteckt. Überhaupt hielt sie sich gerade recht bedeckt, kam nicht mehr aus ihrem Beratungszimmer und schwieg auch sonst auf eine Art, die geradezu unheimlich wirkte, umso unheimlicher, wenn man sie sonst kannte. „Das muss sein“, erklärte sie kurz angebunden. „Ich muss den Mandanten ja schützen, schließlich sind unsere Gespräche streng vertraulich. Stell Dir mal vor, jemand legt bei mir ein Geständnis ab, das Gerät hört es und überträgt es direkt an den Staatsanwalt!“ „Das wäre für Dich als Strafverteidigerin doch eine enorme Motivation, den Mandanten trotzdme herauszuhauen.“ Lexi konnte mit ihrer Schimpfkanonade nicht wirklich etwas anfangen.

Immerhin wusste das Gerät, wo Anne auf die Schnelle Kopfschmerztabletten herbekommen könnte. „Dabei hat sie noch nicht einmal gesagt, dass sie Kopfschmerzen hat?“ Wir hatten den Feind ins Boot geholt. „Das Ding ist imstande und…“ Luzie hielt ihr dem Mund zu. „Nicht aussprechen“, knurrte sie. „Vermutlich ist es genau das, wozu die Mafia das gebaut hat: wir wünschen jemandem die Pest an den Hals, und die Maschine schickt sie uns vorbei.“ „Die Pest ist bei Ihrem Versand als Taschenausgabe und elektronisch verfügbar, der Preis liegt zwischen…“ „Keiner mag Streber“, schrie Anne. „Wie wär’s mit einer geschlossenen Gesellschaft?“

„Vielleicht muss man sie nur besser einstellen?“ Anne hatte nicht einmal eine Bedienungsanleitung für den Kasten, was aber nichts machte; sie hätte sie ohnehin nicht gelesen. „Oder man nimmt sie als Navigationsgerät?“ Luzie schnaufte. „Ich würde sie aus dem Fenster schmeißen.“ „Sie läuft sowieso nicht mit Batteriebetrieb“, beschwichtigte Anne. Das änderte jedoch nichts daran, dass der metallene Quader ruhig lauernd auf dem Tresen thronte, als wolle eine finstere Fürstin alle Geheimnisse der Kanzlei ausforschen. Was den Verbrauch an Kaffee und Pizza anging, es wäre nachvollziehbar gewesen, aber auch nur in wirtschaftlicher Hinsicht. „Das Mikrofon müsste man irgendwie verlöten können“, mutmaßte Luzie. „Oder man probiert etwas mit Sekundenkleber.“ „Nagellack“, meinte Anne. „Nagellackentferner?“ „Oder einfach einen Nagel?“ Die unverhohlene Brutalität der beiden Frauen machte mir schon ein wenig Angst, obgleich ich kaum etwas zu befürchten hatte. „Oder Du lässt Sie rein zufällig in den Geschirrspüler fallen, wenn Du abwäschst?“ „Ein Eimer Wasser dürfte bei ihr doch reichen, oder?“ „Haarspray!“ „Ich habe noch Sprühkleber.“ Luzies Augen begannen gefährlich zu funkeln. „Klarlack, und danach in Sand wälzen.“ „Also erst den Sprühkleber, dann Sand und danach den Klarlack?“ Sie wäre wie eine Furie auf den Quatschkasten losgegangen, hätte ich sie nicht im letzten Augenblick daran gehindert. „Ich bitte Euch“, rief ich sie zur Ordnung. „Das kann man doch zivilisiert lösen.“

Im ausgeschalteten Zustand sah sie sogar recht stylish aus. Schwarz eloxiertes Aluminium, der Standfuß war von einer silbernen Leiste umgeben, die wenigen Anschlüsse lagen dezent an der unteren Kante verborgen. „Es gibt immer Abnehmer“, sagte ich. „Gebt eine Kleinanzeige auf, und innerhalb von drei Tagen seid Ihr das Biest garantiert los.“ Anne klatschte in die Hände. „Perfekt! Jetzt müssten wir nur noch…“ Luzie biss sich auf die Lippe. „Lexi, wo verkaufen wir Dich?“

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