Gernulf Olzheimer kommentiert (CDV): Die Arroganz der Kulturtechnik

9 03 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Während die anderen noch über das vermooste Geröll am westlichen Tümpelhang glitschten, hatte sich Rrt aus zwei ausrangierten Beutelratten etwas Neues genäht. Sogar Ugas dritte Nebenfrau, eher an Putz und Pofel interessiert denn mit Haushalt und Hege vertraut, sogar dieses aufgedonnerte Weib sandte ihm einen lasziven Augenaufschlag von Höhle zu Höhle. Schuhe! Der Siegeszug einer ganz neuen Produktgruppe hatte begonnen, mehr noch: in den Neid der anderen mischte sich die hochnäsig zur Schau gestellte Überlegenheit, dass man auch ohne diese Dinger auf die Kinnlade kippen konnte. Denn es ging um nicht weniger als die dem Troglodyten eigene Gangart, über Generationen in den Feinheiten verbessert, die nun plötzlich von ein paar Hipstern über den Haufen gekickt werden sollte. Was war das schon wert gegenüber einer erprobten Kulturtechnik?

Abakus und Rechenschieber waren schon fast aus der Mode gekommen, da feierten sie noch einmal fröhliche Urständ, als die kleinen Verräter auf den Markt kamen, elektrische Maschinen, die jeder Knalltüte das Addieren erlaubten. Wer jedoch auf sich hielt, zog seine Wurzel noch mit Bleistift und Papier. Es waren dieselben Bürohengste, die sich noch für die mechanische Schreibmaschine verwendet hatten, obwohl eine Ecke vor ihnen die Kontoristen verbittert am Tintenfass festhielten. Während die Söhne wie selbstverständlich in Nieten- und Schlaghosen in die Oper gingen, zogen die Väter auch auf dem Schlagerkonzert Schlipse um den Hals. Vermutlich haben bald die ersten keine Zettelchen mehr geschrieben, sondern mit ihren ersten Mobilknochen kryptische Zeichen ins Funknetz geschwiemelt, dieweil in der anderen Etage einer noch den Fernschreiber fütterte, ohne den es in der ordentlichen Firma eben nicht ging.

Doch kaum war der SMS-Daumen als pathogenes Bewegungsmuster etabliert, da wuchsen die Endgeräte zu Taschentoastern, auf denen man mit zwei Händen tippte. Inzwischen wischt der Nutzer sich den Kram auf und über das digitale Brettchen. Ein Ende ist nicht abzusehen, wahrscheinlich plinkert der zukünftige Nappel direkt auf die Datenbrille, schnalzt eine Mail aus dem Gebiss heraus und zupft sich zum Umschalten rhythmisch an den Ohren. Die Kunst funktioniert in stetiger Abhängigkeit vom Ding, und je höher der Grad der Abstraktion ist für die mehr oder weniger lernfähigen Hominiden, desto schneller muss er einen Weg finden, sich das Objekt anzueignen. Ansonsten steht er selbst als Bewohner des intellektuellen Standstreifens in der Gegend.

Wenig verstanden hat das Gehirngestrüpp, wenn man nicht begreifen kann, dass Papierdruckbuch und elektronisches Pendant nebeneinander bestehen können und die körperlose Literatur keinesfalls den Niedergang der Wissensgesellschaft einläutet – die Postkutsche hatte erst dann ausgedient, als es eine technisch und wirtschaftlich befriedigende Lösung gab, und auch hier wollten ein paar Nostalgiker den Abschied nicht wahrhaben. So müsste sich letztlich jeder kulturelle Krempel irgendwann überholen, der Walzer in Vergessenheit geraten, das Sonett, Weinbau und Liebesbrief. Waren die Gummistiefel früher aus Holz, wie es uns die Verkalkten sungen, so war’s nur die gute alte Zeit, die überwiegend nicht einmal gut war, sondern nur mit anderen Umgebungsvariablen ausgestattet. Flaschenbier muss billig gewesen sein, die Bundeskanzler hatten noch eine Vergangenheit und das Wetter war im Sommer als solches erkennbar, aber für ein Hemd arbeitete man fünf Stunden, und wenn der Kragen durchgescheuert war, trug man’s im Schrebergarten auf. Dafür gab es Ofenheizung, die Leute hatten Pocken und offene Tuberkulose, Datenverarbeitung bestand aus fettigen Karteikarten und Lochstreifen, und das Gemüse klebte grau gekocht im Mehlpapp. Wie arrogant kann man sein, diese Epoche en bloc als überlegen anzusehen?

Am Verbrennungsmotor merkt der Bescheuerte, dass eine ganze Schicht nichts Besseres zu jammern hat als den Untergang der westlichen Welt, sobald die Kraftwagen mit Strom fahren. Es liegt wohl auf der Hand, wir heizen nur mit Kohlen, weil es sie noch gibt, was ist auf einem endlichen Planeten in Relation zur Gesamtdauer zwischen Genesis und Verglühen in der finalen Massenaufblähung unseres Zentralgestirns ein putziger Wimpernschlag ist – die Generation, die nur noch Windräder kennt, so wie der heute Geborene Telefone mit Wählscheibe nur verstört anschaut, höchstens noch belustigt ob der bizarren Anmutung jenseits des Praktischen, sie wird sich abwenden, wenn die Greise vom Krieg erzählen, in dem alles besser klappte.

Alternativ könnte man annehmen, dass es sich um reinen Snobismus handelt, wer den Oldtimer mit dem Holzofen zum Bäcker fährt, der auf Biogas umgestellt hat, bevor es Mainstream wurde. Doch auch offensiv heraushängende Geltungsneurose ist kaum geeignet, sich eine bleibende Statt in der Gesellschaft zu erobern, es sei denn, man möchte auffallen, wenn auch unangenehm, so doch um jeden Preis. Und das scheint manchen auch schon zu reichen, um in Erinnerung zu bleiben.

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