Schutzausrüstung

15 03 2018

„Vorsicht!“ Unter heftigem Geklapper stieß ein Blecheimer an die Tür. „Da ist frisch gewischt!“ Ich trat einen Schritt zurück. Schnaufend trat Herr Breschke aus der Küche. „Immerhin kann man den Rest der Wohnung saugen. Sonst würde ich diesen Hausputz nicht aushalten.“

Ein intensiver Duft von Zitrone, Ammoniak und brennenden Autoreifen durchwehte den frühlingshaften Morgen. Der Hausherr wienerte mit dem Spülschwamm, immerhin noch mit der glatten Seite, die Türzarge. „Meine Frau lässt sich neue Dauerwellen drehen“, informierte er mich. „Und wir machen den Hausputz immer in dieser Woche, das heißt: in dieser Kalenderwoche. Da muss ich eben ran.“ Er wrang das Schwämmchen über dem Putzeimer aus; viel tropfte nicht herunter, das meiste auch noch daneben, aber das war nicht so erheblich. Der Küchenfußboden glänzte wie nach einem Wasserrohrbruch. „Das meiste lässt sich mit dieser grünen Flasche erledigen“, erklärte er, „nur für manche Anwendungen braucht es halt einen speziellen Reiniger.“ Ich guckte skeptisch, und er verstand sogleich. Die ganze Batterie stand auf der Anrichte aufgereiht, ein Mittelchen neben dem anderen, und voller Zufriedenheit sah ich, dass es handelsübliche Reiniger waren, alles aus dem Verbrauchermarkt besorgt und keine Tinkturen von fragwürdiger Rezeptur und Herkunft. „Besonders mit dem Flächenreiniger kann man sehr gut die Scheiben putzen.“ „Ich hatte auch schon einmal den Gedanken gehabt“, bekannte ich. „Leider besitze ich kein Auto, sonst hätte ich es längst einmal ausprobiert.“

Er rieb noch immer an der Tür herum, die sich langsam von ihrem eierschalenfarbig gemusterten Edelfurnier in eine weißlichgraue Fläche wandelte. „Ich würde es nicht übertreiben“, riet ich dem Alten. „Wie Sie vielleicht schon geahnt haben, die Maserung ist hier lediglich aufgedruckt und hält dem kraftvollen Einsatz von Lösungsmitteln nur begrenzt Stand.“ Irritiert ließ er das Schwämmchen sinken; tatsächlich war dort, wo Horst Breschke geputzt hatte, ein heller Streifen sichtbar, der in aufreizendem Kontrast zum restlichen Ensemble stand. „Kriegt man das wieder hin?“ Verzweifelt besah er das Ergebnis seiner heftigen Reinlichkeit. „Natürlich“, tröstete ich ihn. „Aber ich würde dazu kein chlorhaltiges Präparat mehr nehmen, es ist einfach zu scharf.“

Herr Breschke rieb sich die Finger, vielmehr: er knetete die Hände, die bis fast zu den Ellenbogen in langstulpigen Gummihandschuhen steckten. „Mit der Küche werde ich heute sicher noch fertig.“ Er griff nach einem Geschirrhandtuch, um sich die schweißnasse Stirn abzutupfen. „Sollte ich bis Donnerstag das Bad im ersten Stock nicht geschafft haben, kann ich wenigstens mit Hilfe rechnen, weil meine Frau in der Zwischenzeit sicher Apfelkuchen backt.“ Er legte das Handtuch sorgfältig zusammen drapierte es über der Lehne des Küchenstuhls und griff wieder nach dem Reiniger. „Herr Doktor Klengel würde mir zu Hand gehen.“

Vor meinem geistigen Auge erschien der pensionierte Finanzbeamte in einer Kittelschürze von geblümter Scheußlichkeit, ein Tuch über dem schütteren Haarkranz zusammengebunden, hinter ihm der langjährige Hausarzt, Schwammtücher und Bürsten anreichend. Hinterher war das Haus der Breschkes klinisch rein, hatte aber einen Nachteil: niemand würde es mehr betreten dürfen. Aber auch dafür würde dem Senior eine Lösung einfallen.

„Die Arbeitsplatte habe ich bereits zweimal gründlich geschrubbt“, berichtete er, „meinen Sie, dass das reicht?“ „Das kommt darauf an“, überlegte ich, „ob Sie zwischendurch frisch geschlachtete Hasen zerlegen und den Abwasch danach mehrere Tage lang stehenlassen.“ Er grübelte; schließlich gab er mir Antwort. „Nein, ich kann mich nicht erinnern. Meine Frau würde mir das ganz sicher sagen, aber sie ist sowieso nicht für Wild.“ Und wieder knetete er seine Hände. Offenbar juckte es in den Stulpen. „Haben Sie vielleicht irgendetwas zusammengepanscht?“ Ich roch an dem Eimer; eine strenge Kopfnote von Essig und ein erheblicher Anteil an alkoholischen Bestandteilen ließ sich ausmachen, aber gefährlich war das sicher noch nicht. Außerdem hatte Herr Breschke seine gummierte Schutzausrüstung zwischendurch auch nicht abgelegt. Es musste also einen anderen Grund dafür geben.

Rein zufällig blickte ich in die Mülltüte, die auf dem Küchenstuhl lag. Asiatische Schriftzeichen ließen mich instinktiv zugreifen, doch hatte ein mutiger Zeitgenosse seine letzten Brocken Deutsch in den Ring geworfen und ein Kauderwelsch zu Beschaffenheit und Benutzung hinterlassen. „Wenn ich das richtig verstehe“, entzifferte ich die blassen Buchstaben, „dann warnt der Hersteller vor der Berührung der Innenseiten.“ Breschke riss die Augen auf. „Das hatte ich doch nicht ahnen können“, keuchte er, „das muss man doch deutlich auf die Verpackung schreiben!“ Flugs waren die aus Taiwan importieren Fingerdinger – seine Tochter musste wieder einmal in der Region zu tun gehabt haben, ich fragte gar nicht mehr nach – ausgezogen und entsorgt. Seine Finger waren stark gerötet und geschwollen, nur mit Mühe ließ sich der Hausherr überreden, eine Pause zu machen. „Danach“, riet ich ihm, „versuchen Sie es einfach mal mit den Haushaltshandschuhen, die Ihre Frau auch nimmt.“ Er kratzte sich die gereizten Finger. „Ich mische mich nicht mehr ein, sie putzt viel besser.“ Schon tauchte er wieder das Schwämmchen in den Eimer. „Nur noch diese eine Stelle. Versprochen!“

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