Gesetzman

28 03 2018

„Ich möchte nicht darüber reden.“ Luzie zog die Stirn in bedenkliche Falten und ließ sich auf ihrem Drehsessel nieder. „Nur eins noch: wenn diese Knalltüte noch einmal die Kanzlei betritt, dann wird er sie mit den Füßen voran wieder verlassen.“ Wie zur Bestätigung hieb sie auf den Locher.

„Brennicke ist wirklich ein schwerer Fall“, stöhnte Anne und schob mir die Akte herüber. „Er geht grundsätzlich durch alle Instanzen, überlebt jeden Nachbarn, legt immer irgendeine Art von Beweismaterial vor und, das ist das Schlimmste, er kennt nur Freund oder Feind.“ Ich blätterte die Akte durch. „Die Unterschiede scheinen fließend zu sein, richtig?“ „Wie gesagt“, tönte es hinter dem Tresen hervor, „ich möchte nicht darüber reden.“ „Er hat wegen eines zwanzig Zentimeter über die Mauer ragenden Zweiges Klage einzureichen versucht“, berichtete Anne. „Und er hat vorsorglich seinem Nachbarn Hausverbot erteilt, damit er nicht auf den Gedanken kommen könnte, das bisschen Holz vom anderen Grundstück aus abzusägen.“ Sie vollführte das international gebräuchliche Zeichen für einen Scheibenwischer vor dem Gesicht; alle bisherigen Erfahrungen waren wohl geeignet gewesen, das Verhältnis zwischen Mandant und Anwältin als reine Nervensache zu gestalten. „Das Schlimmste ist ja, er weiß alles besser.“ Als ausgewiesen gute Strafverteidigerin hatte sich Anne gerade noch vor einer Karriere auf der anderen Seite gedrückt, sehr zum Bedauern von Oberstaatsanwalt Husenkirchen; allerdings blieb er ihr weiterhin gewogen und sah die Gründung der eigenen Kanzlei mit Wohlwollen.

Im jüngsten Fall nun handelte es sich um Handtücher, zwei an der Zahl, die nicht mehr auf die Wäscheleine im Keller des nachbarlichen Hauses gepasst hatten. So trockneten sie im Garten, und zwar bis fünf Minuten nach zwölf Uhr am Samstag, fünf Minuten, in denen der hiesigen Gemeindesatzung nicht Genüge getan wurde. „Dieser Brennicke verlangt ernsthaft, dass ich ihn dafür vertrete.“ „Und Du machst es?“ Anne rollte vielsagend mit den Augen. „Ich verstehe“, sagte ich, „Du möchtest nicht darüber reden.“ „Ich kann ihn doch nicht einfach dazu bringen, sein Mandat einem anderen Anwalt zu übertragen?“ Einen kleinen Moment grübelte ich. „Warum eigentlich nicht?“ Und schon war ich verschwunden.

Mit quietschenden Reifen hielt Anne in der Tetenbüller Straße, unweit des besagten Bungalows. „Im Ernst“, knurrte sie, „ich kann Dich so nicht auf die Straße lassen.“ „Es war im Schaufenster, es ist meine Größe, und ja, es ist ziemlich figurbetont geschnitten, aber…“ „Du siehst aus wie in einer Wurstpelle“, ereiferte sie sich. „Die Hälfte des Juristenballs sieht so aus“, gab ich zurück, „also die weibliche.“ Vielleicht wollte sie es auch einfach nicht gehört haben, jedenfalls ließ sie mich aussteigen und folgte mir mit einigem Abstand. Ich hatte die Adresse, und ich hatte Glück. Brennicke bearbeitete seinen Buchsbaum mit der Schere. „Halt“, rief ich donnernd, „ich verbiete es Ihnen!“

Möglicherweise war dieser Anzug doch ein bisschen eng, der Kostümverleih jedenfalls hatte die richtige Größe herausgesucht, und es waren sicher nur die etwas auffälligen Farben, die ihn so irritierten. Man sah nicht jeden Tag einen Mann in einer schwarz-pink-grünen Pelle und silbernen Stiefeln, der durch eine Riesenbrille guckte. „Und Sie sind…?“ „Gesetzman“, erwiderte ich mit einer leichten Verbeugung, „ich verbiete Ihnen hiermit den Beschnitt dieses Buxus sempervivens, da er sonst keine Stecklinge ausbildet.“ „Entschuldigen Sie mal, das ist doch…“ „Paragraf 7 Absatz 3 Satz 3 Landesverordnung über Grünbewuchs“, schnurrte ich ab. Er hob schuldbewusst die Schultern. „Ja, das mag sein, aber es ist mein Garten.“ „Ach so“, zischte ich, „in unserem Garten gelten also keine Landesgesetze, wie!?“ Ich scharrte wild mit den Stiefeln, was angesichts der hohen Absätze nicht den gewünschten Effekt hatte.

Die Landesfensterinstandhaltungsverordnung nahm er mir noch ab, zwar skeptisch, aber gegen den Paragrafen 9 konnte auch er nichts ausrichten. Beim Gesetz über die Statistik an der Grenze zum öffentlichen Raum jedoch wurde er laut. „Das sind keine zwei Millimeter“, schrie er, „und überhaupt, was geht Sie meine Hecke an?“ „Es sind zwei Millimeter“, beharrte ich, maß mit dem Daumen und einem zusammengekniffenen Auge nach und fand mein Urteil bestätigt. „Und wenn wir den Paragrafen 20 der Ersten Durchführungsverordnung zum Gesetz über die Gestaltung der Grünflächen in geschlossenen Ortschaften hinzuziehen, haben wir hier Zweige, die ganz deutlich über die Schnittlinie hinausragen.“ „Sie haben doch nicht mehr alle Latten am Zaun!“ Brennicke machte Anstalten, mit dem Rechen auf mich loszugehen. „Wo wir gerade beim Thema sind, der Zaun.“ Er blickte mich lauernd an. „Sie wissen schon, dass gemäß Paragraf 33 des Bundesgesetzes über den…“ „Raus hier!“ Er stolperte über den Rasen auf mich zu, die Harke bedrohlich über dem Kopf schwenkend. „Ich werde Sie verklagen! Verklagen!“ Wie aus dem Boden gewachsen stand Anne vor ihm. „Sie kommen mir gerade recht“, brüllte er und wedelte mit dem Finger. „Sie müssen ihn verklagen! Erstes Gesetz über Verordnungen zur Grünflächendurchführung!“ Irritiert blickte Anne ihn an. „Und wen soll ich jetzt verklagen?“ „Da!“ Sie sah durch mich hindurch. „Gesetzman!“ „Lieber Herr Brennicke“, sprach sie langsam, „brauchen Sie einen Arzt?“ Da schmiss er die Forke auf den Boden. „Unverschämtheit“, kreischte er. „Sie hören von meinem Anwalt!“ „Von wem?“ „Ich nehme mir einen anderen Anwalt! Und der wird Sie verklagen! Und Gesetzman! Ich verklage Euch alle! Alle!“

„Das Ding kneift“, konstatierte Anne und legte den Gang ein. „Offenbar muss ich einen bleibenden Eindruck bei ihm hinterlassen haben“, antwortete ich. „Erste Durchführungsverordnung zum Gesetz über die Gestaltung der Grünflächen in geschlossenen Ortschaften“, kicherte sie. „Wir kommt man nur auf so einen Blödsinn?“ Ich suchte an den Stiefeln nach dem Reißverschluss. „Ich möchte nicht darüber reden.“

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