Vor den Feiertagen

30 04 2018

„Margarine.“ Hildegard schlug die Tür des Kühlschranks mit Verve zu und setzte sich wieder an den Küchentisch. „Wir könnten das durchstehen, aber wenn wir sowieso bei Supikauf sind, dann ist es am besten, wenn wir auch Margarine holen.“ Die Vorstellung, mit ihr am Feiertag zu frühstücken, warf dunkle Schatten voraus. Die Vorstellung, dass sie keine Margarine haben würde, ließ mich sofort erschauern. Es war Gefahr im Anzug.

„Gar nicht mal so leer“, bemerkte ich. In der Tat hatte ich bereits draußen vor dem Verbrauchermarkt eine leise Ahnung, denn es gab noch einen Wagen. Genau einen. Der Weg zur Gemüseabteilung war noch passierbar, was aber verhältnismäßig sinnlos schien. Ein paar eingedellte grüne Gurken, wenige Säckchen Zwiebeln sowie Restrüben zierten die Auslage. Vermutlich hatte der führende europäische Vegetarierverband sich hier verabredet, um alles zu sichern für den kommenden Monat; irgendeine EU-Richtlinie, die Besitz und Konsum von Radieschen unter Strafe stellt, musste das ausgelöst haben. „Wir haben noch eine Dose Mischpilze im Schrank“, wies mich Hildegard streng zurecht. „Hier müssen wir gar nicht weiter gucken.“ Sie hatte recht, viel gab es auch nicht zu sehen. Dass in Gegensatz auch die Kaffeeregale geräubert waren, wunderte sie nicht, machte ihr aber wenig aus. Sie trank ohnehin lieber Tee zum Frühstück.

„Wo wir sowieso gerade hier sind“, sagte sie und drehte sich einmal um die eigene Achse, „sie haben gerade diesen kalorienreduzierten Joghurt im Angebot.“ Ich aß ab und zu Joghurt, sie aß hin und wieder Kalorienreduziertes – doch, die Anschaffung würde sich rentieren. Leider war auch hier eine Hürde zwischen Wunsch und Kauf. Es gab keinen Joghurt mehr, das heißt, es gab zwar noch Joghurt, Magerjoghurt sogar, aber keinen im Angebot. „Aber Schokolade, die kann man immer gebrauchen“, schnaufte sie und hievte zwei Kartons Vollmilch neben die Batterie mit den Putztüchern und den abgepackten Käse, den ich noch nie gemocht hatte. „Dann schau Dir doch mal das Regal mit den Milchprodukten an – wollen wir solange warten, bis es gar keinen Käse mehr gibt?“ Es war, wie gesagt, alles etwas verwirrend.

Auch der Honig, den Hildegard gleich in drei Sorten herantrug, war Aktionsware. „Wir haben keinen Honig im Haus“, keuchte sie. Das war die reine Wahrheit. „Wir haben keinen Honig im Haus, weil Du Pollenallergikerin bist und meine Küche nach dem Öffnen eines Honigglases für komplett kontaminiert hältst.“ „Das sind Kunststofflaschen“, informierte sie mich. „Man kann sie auf den Kopf stellen.“ „Gläser kann man zuschrauben“, wandte ich ein. Ich überschlug kurz Kosten und Nutzen, die drei Kilo Honig mit sich brachten, und fand eine geringe, aber nicht zu leugnende Chance, dass sie nach der ersten geöffneten Honigflasche nie wieder meine Küche würde betreten wollen. Es bestand also noch Hoffnung.

„Sonnenmilch!“ Mit glasigen Augen stand sie vor dem Tischchen mit den vielen Tuben. „Drei Lichtschutzfaktoren – wo ist die mit den 30?“ „Es ist noch nicht einmal richtig Sommer“, protestierte ich, „und ich kann mich an einen einzigen Ausflug an die See erinnern, bei dem eine gewisse Dame in der brütenden Hitze unbedingt eine Strickjacke mit langen Ärmeln tragen musste.“ „Es war windig“, verteidigte sie sich. „Aber irgendwas brauche ich auch fürs Gesicht.“ „Wir haben Sonnencreme im Bad stehen, von denen ist eine Tube nicht einmal angebrochen.“ „Das ist Sonnenmilch“, korrigierte sie mich, „und was kann ich denn dafür, dass Du in Deinem Bad immer alte Tuben ansammelst?“

Der stämmige junge Mann, der in Begleitung einer ebensolchen Gattin mit schweren Knochen in Richtung Kosmetik schritt, versetzte sie in Alarm. „Finger weg“, zischte sie, „wenn hier eine Tube mit 30 ist, ist das meine!“ „Lass Dir das nicht gefallen“, keifte die andere Frau. „Wehr Dich, Hubsi!“ Sie schubste den verstörten Mann nach vorne. „Wehe!“ Hildegard hatte nach einer Familienflasche mit Haarshampoo gegriffen. Verängstigt zog er sich zurück. Beruhigend, dass sie gerade nicht an der Gefriertruhe gestanden hatte; einer polnischen Hafermastgans im Zielanflug hätte der arme Kerl sicher nicht so gut ausweichen können.

Zwischen die beiden Lagen Vollkornspaghetti und Zahnpasta passte eine Schicht Haushaltstücher, die Hildegard sorgfältig in den leicht gekippten Wagen einstapelte. „Brauchen wir Hundekekse?“ Ich überlegte kurz. „Wir haben keinen Hund.“ Sie nickte. „Deshalb frage ich ja. Es geht so ins Geld, wenn man ungeplant Sachen kauft, für die man gar keine Verwendung hat.“ Irgendetwas musste sie mit dem beutellosen Staubsauger und den reduzierten Staubsaugerbeuteln vorhaben, ich war mir nur nicht sicher, was genau. Aber man soll ja nicht immer so kleinlich sein, erst recht nicht vor den Feiertagen.

Das mitgeführte Bargeld reichte nicht ganz; Hildegards Besoldung als Oberstudienrätin ließ ihr nicht die Freiheiten, die die moderne Konsumwelt von uns mündigen Wirtschaftsteilnehmern fordert. Wir erwogen kurz den Verkauf einer Niere – meiner Niere, so viel stand fest – und einigten uns dann darauf, dass ich und mein Bankkonto den Betrag zu gleichen Teilen auslegen würden. Die zehn Helfer, die den immerzu nach rechts ziehenden Wagen auf den Parkplatz bugsierten, freuten sich dann auch über ein fürstliches Pourboire.

Das Auto rollte mit knirschenden Stoßdämpfern auf die Straße. Angestrengt blickte Hildegard zur Tankanzeige; wir würden es nach Hause schaffen, trotz Traglast. „Aber wir müssten noch kurz zum Spätkauf“, teilte sie mir mit. „Die haben ja eine Stunde länger auf. Und es geht auch ganz schnell. Wir brauchen ja nur Margarine.“

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Flugverbotszone

29 04 2018

Ja, darauf hätte man auch selbst kommen können. Immer vorausgesetzt, das mit dem Denken funktioniert noch, weil man etwas hat, mit dem das mit dem Denken überhaupt funktionieren könnte. Andreas Scheuer, einer der Sonderbegabungen, die regelmäßig an die Rampe geschoben werden, um ein bisschen Speichel loszuwerden, akzeptiert nicht, dass die Außenwelt über die Baustelle BER lacht. Also die Außenwelt jenseits der deutschen Grenzen. Da, wo man diese Knalltüte nicht einmal kennt, geschweige denn sich die Mühe machte, irgendeine seiner Äußerungen für belächelnswürdig zu halten. Er will jetzt nämlich aufräumen. Gute Idee, darauf wäre jetzt keiner gekommen. Und vielleicht erklärt ihm mal einer, welche Partei in den letzten Jahren das Verkehrsressort geleitet hat. Und warum. Alle weiteren Anzeichen für erbbedingte Demenz in der Bundespolitik wie immer in den Suchmaschinentreffern der vergangenen 14 Tage.

  • ungeziefer: Hat Höcke schon wieder in den Spiegel geguckt?
  • spd asylrecht: Sobald sich dieser Staat erledigt hat, weiß die SPD, was sie falsch gemacht haben.
  • afd parellelebene: Paralleluniversum scheint es eher zu treffen.
  • afd volksverhetzung: Eine Partei gewordene Straftat.
  • bombe bau nazi: Man kann sie aber auch einzeln beseitigen.
  • bundesamt: Ein Wort, das einem in jeglicher Hinsicht die Hoffnung nimmt, es könnte sich etwas bewegen.




In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (CCCXC)

28 04 2018

Da Grażyna sich in Weydicken
Versandhandelspäckchen ließ schicken,
beschloss sie, ein Drittel
entsprach ihrem Mittel.
Vom Rest will sie gar nichts erblicken.

Da Nūrs Aufzucht in al-Husun
auf Truthähne ging, fand sie nun
mit wenig Entzücken
die Ware als Küken.
Ihr Businessplan geht nun auf Huhn.

Da Mikołaj schrubbte in Teschen
der Grafschaft gar schöne Kaleschen,
macht er manches reinlich
und säuberte peinlich
die Kutsche nach dutzenden Wäschen.

Es fragte sich Christophe in Kandi,
wen sucht man sich nur als Mann, die
Mannschaft zu stärken
mit sportlichen Werken –
am Ende des Tages gewann die.

Alicja, die pflegte in Tiege
beim Bauern die einzige Ziege.
Das Tier war gesellig,
die Pflege gesellig,
doch machte die Geiß schnell die Biege.

Taaneti dient in Aobike
im Gasthaus sich hoch von der Pieke
und findet, die Gäste
sind daran das beste,
die Uniform jedenfalls: schnieke!

Martyna, die putzte in Willenberg.
„Was ich hier schon mal in den Rillen berg,
ist fürchterlich dreckig
und fein. Aber speckig,
und deshalb brauch ich einen Rillenzwerg.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXI): Flohmarkt

27 04 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Irgendwann, und es muss ein sehr großes Haus gewesen sein, hinterließ ein sorgloser, durchaus wohlhabender Adliger, wahrscheinlich eher ein Erbe, und er wird einer heruntergekommenen Sippe entstammt gewesen sein, kein Geldadel jedenfalls, eine Wagenladung, eher eine bis zwanzig davon, mit Krempel im engeren Sinne, Hinterlassenschaft eines müßigen Lebens, wie es keiner geführt haben will, auch wenn die Zivilisation voll ist mit derart Überbleibseln in ungeordneter Form und Farbe, und es gibt nur eine halbwegs logische Erklärung für die kulturhistorischen Implikationen: so entstand der Flohmarkt.

Die Veranstaltung heißt erwiesenermaßen so, da man sich neben der Kleidung auch antiquarisches Ungeziefer ins Haus holte – aus zweiter Hand gekauftes Wams war meist belebt und aristokratisch ungewaschen, was für die ganze Idee des Getrödels steht: was die Besitzenden ennuyiert, darf das gemeine Volk entzücken, bis auch dies sich im Ekel gepackt abwendet und die Ware unter ihresgleichen distribuiert. Unter dem Vorwand sozialen Konsums, der die Ressourcen schont, erscheint es den gemeinen Nachtjacken bequem, Rost und Schmodder zum vermeintlichen Schleuderpreis zu erstehen, wenn nur der Händler dabei freundlich grient. Ein kapitalistisch schlechtes Gewissen will beim Konsum gar nicht erst aufkommen, und also wird die Recyclingveranstaltung zum alternativen Event aufgeschwiemelt, krisensicher gegen alle konsumkritischen Sprechchöre aus der Linkskurve gepolstert. Aber das täuscht.

Die Ansammlung an Krims und Krams bringt die zusammen, die längst jede Kontrolle über ihr Leben verloren haben. Regelmäßige Undercover-Veranstaltungen für aktiv praktizierende Messies geben der Sucht ein Gesicht, sich den schlechten Geschmack in Gestalt von nostalgischem Müll ins Haus zu tragen, als würde eine gesamte Gemeinde von Staubfetischisten sich gegenseitig den Kruscht in die Bude kübeln. Der rituelle Charakter des Auf- und Ausstellens von Töpfen, Tiegeln, Glas und Spitze ist noch nicht hinreichend erforscht, doch entsteht bereits beim flüchtigen Anblick des mit der Schaufel auf Tapeziertisch und Stellage gekloppten Geklumps der Eindruck: genau das ist es. Kein Arrangement ist nötig, die Ware west flächig vor sich hin; vermutlich würde bei unsachgemäßer Umschichtung jene feine Schicht aus Patina und Flusen verlustig gehen, die dem Fetischisten jenes Geruchserlebnis in die Schleimhaut zaubert, über das er mit den harmloseren Vertretern der Zunft nur hinter vorgehaltener Hand sprechen kann.

Nur mangelhafte Befriedigung verschaffen dem Vergangenheitsfreund jene blitzblank polierten Spiegel, Löffel und Schuhe, denen man nicht sofort ihren Alterungsprozess und den damit dialektisch eingeschriebenen Wertgewinn ansieht; geputztes Silber lässt ihn noch milde aufstöhnen, eine mit Stahlwolle zum Reflektor umfunktionierte Kanne versetzt ihn in Angstzustände, dass die aus fernen Tagen auf uns gekommene anorganische Materie eher den Verjüngungsprozess schafft als er selbst. So hat er sich das nicht vorgestellt – damals.

Längst sind Handeln und Feilschen, ist quasi sinnfreies Kaufen zur Freizeitbeschäftigung geraten, ein mit dem Zielobjekt gar nicht mehr ernsthaft assoziierter Vorgang der sozialen Interaktion, ein metaphysisch aufgepumpter Grabbeltisch des mikroökonomischen Grauens – offenbar ist die ritualisierte Komponente nicht aus der Luft gegriffen, da der absichtlose Besitz des Dings an sich bar jeder rationalen Überlegung noch jeden Preis für den beklopptesten Kruscht gefordert und dann erhalten hätte. Die Vorstellung, auf der Parallelebene das Traumgeborene in Gestalt eines zerbogenen Zuckerdösleins zu erhaschen, ist Balsam für die geschundene Seele des Verbrauchers und hilft über zeitgenössisches Industriedesign hinweg, Damenmode oder schwer abbaubares Spielzeug aus schlagfestem Kunststoff. Was lange währt, liegt irgendwann auf den Tapeziertischen des Vorortes, gammelt unter graublauem Himmel vor sich hin, wird von glubschenden Fetzensammlern in Augenschein genommen und eingetütet.

Nein, es sind nicht die Neuwaren, die die Flohmärkte erobern, fabrikneu zum Schlussverkauf georderter Killefit, der neben Grillwurst und Bier feilgeboten wird und der Idee des Ramschens mit geballter Gehässigkeit zuwiderläuft. Es ist mühsam auf alt getrimmter Schund und Plunder aus der vergessenen Welt, Teetassen aus den hinteren Karpaten, denen zwanzig Maschinenwäschen den Goldrand weggeätzt und die Blümchen ausgedünnt haben, bis sie wie Vorkriegsware aussahen, die mit dem Bollerwagen aus dieser Region gescheppert kam. Die Altwarenkonzentration ist das Sinnbild für Konsum und Religion, zu gleichen Teilen und gehässig verquickt, damit man den Gewinn der interessierten Parteien im Hintergrund auch recht versteht: hinter einer Lüge muss sich nicht die grausame Wahrheit verbergen. Meist steckt eine weitere Lüge dahinter.





Posttraumatische Störung

26 04 2018

„… eine Erneuerung der Partei erst dann gelingen könne, wenn sie sich endlich auf ihre alten Werte zurückbesinnen könne. Die inhaltliche und vor allem programmatische Ausrichtung der SPD werde in einem längerfristigen Prozess des…“

„… aber vorerst nicht durch konkrete Reformvorhaben zu gefährden, die sich in der Abstimmung mit dem Koalitionspartner beim Scheitern zu einem schwierigen…“

„… erfahrene Kräfte erfordere, die die SPD aber in großer Zahl und mit durchaus beeindruckender Qualifikation aufbieten könne. Nicht einmal die Union sei in der Lage, eine Garde ausgezeichneter Krisenmanager zu liefern, die die Partei nach jeder Bundestagswahl vor dem Schlimmsten…“

„… bereits erste gravierende Missverständnisse ausgelöst habe. So sei das Präsidium größtenteils davon überzeugt gewesen, dass die Werte der SPD auf den Hartz-Gesetzen und der Agenda 2010…“

„… erst in der Oppositionsrolle zu einer richtigen Erneuerung käme. Dennoch sei die Neigung der Führungspersonen, unter der Last schwerer und schwerster Gehälter mit Ansprüchen auf Übergangsgelder und Pensionen einen sicher dereinst auch historisch wichtigen Anspruch auf die nationale…“

„… ob eine Erneuerung durch kleinere Arbeitsgruppen innerhalb der Bundestagsfraktion oder eher auf Länderebene diskutiert werden könne. Dagegen habe man auch die Möglichkeit, einen Beauftragten in der…“

„… man wesentliche Verschärfungen des Asylrechts und den Abbau des verfassungsmäßig garantierten Schutzes mitgetragen habe. Die SPD könne sich aber zu diesen aus Sorge um das Vaterland getanen Schritten nur bekennen, wenn man diese auch weiterhin, gerade vor der drohenden Überflutung Europas durch muslimische und anderweitig unerwünschte…“

„… aber viel für den Schutz des Borkenkäfers getan habe. Die Allianz der Nach-Kohl-Ära habe auch in diesem biologisch-dynamischen Grund, den man gemeinsam mit den Bündnisgrünen nun verlassen werde, eine wirkmächtige und…“

„… zeitgleich mit der Wahl der Vorsitzenden auch die Möglichkeit gehabt hätte, eine Beauftragte für Parteierneuerung zu wählen. Es sei jedoch zu kompliziert gewesen, alle Delegierten einer doppelten Abstimmung zu unterziehen, weshalb man sich für die personelle Einheit von…“

„… sich möglicherweise negativ ausgewirkt habe, aber für den Wirtschaftsstandort Deutschland wichtig gewesen sei. Man könne daher den Wiederaufstieg der SPD durchaus mit der Genesung der Industrienation, die in näherer Zukunft bereits die ersten Schritte zur Digitalisierung und…“

„… sich nicht bei den Erwerbslosen und anderen Angehängten entschuldigen dürfe, die laut Staatsdoktrin der SPD mehr Eigenverantwortung hätten zeigen müssen, um die…“

„… dementiert habe. Nahles sei nicht die Erneuerungsbeauftragte, da dieses Amt erst nach einer Abstimmung mit den Ländern und dem Seeheimer Kreis in der kommenden…“

„… fast alles tun werde. Scholz, Maas und Lauterbach hätten sich lediglich verbeten, mit Stricknadeln vor die…“

„… sonst auch die Reichsten des Landes eine Entschuldigung erwarten könnten, dass die Rendite sich nicht auf zwanzig Prozent pro…“

„… den Beweis sofort antreten wolle. Da dies jedoch allen anderen Wortführern nie gelungen sei, habe die SPD keine Bedenken, dass Nahles innerhalb weniger Monate wieder in der…“

„… für das Erneuerungsprogramm eine Agenda 2030 zu früh komme. Bisher habe es von Seiten der Jungsozialisten nur Anträge gegeben, man werde also einen vorherigen…“

„… erst psychisch auffangen müsse. Die Wahlverluste seit 2005 stellten für die SPD eine sich steigernde posttraumatische Störung dar, die in einer fortwährenden Rückkoppelung mit den Ergebnissen von Landtagswahlen und…“

„… zunächst über strukturelle Defizite forschen müsse. Eventuell seien auch die Gehälter der Spitzenpolitiker zu niedrig, so dass nur gering qualifiziertes Personal im…“

„… die Tagesgagen des Dalai Lama zwar hoch, aber steuerfinanzierbar seien. Man plane die notwendige Erleuchtung für das Ende der Sommerpause, spätestens jedoch im…“

„… Wetten abschlösse. Der neu gewählten Parteivorsitzenden sei diese spezielle Form des Misstrauensvotums von erheblicher…“

„… die Aufbauorganisation in der SPD einer systematischen Erforschung bedürfe. Erst dann könne überhaupt mit Begriffen wie Modernisierung oder…“

„… sehr zögerlich gegenüber ausländischen Vorschlägen zeige. Nur bei den britischen Kollegen habe sich die Partei spontan aufgeschlossen und…“

„… erst nach einer erneuten Bundestagswahl entschieden werden könne, ob das Konzept zur innerparteilichen Erneuerung allgemeine Zustimmung erhalten habe. Man könne dann in einem zweiten Schritt auch programmatische…“





Seit an Seit

25 04 2018

„Dann haben wir ein Seminar unter saudischer Leitung, es geht um Antisemitismusförderung, und die anschließende Diskussion wird von einem echten Bundestagsabgeordneten moderiert. Wie Sie sehen, ist die Kooperation lebendig und produktiv. Ich würde sie sogar staatstragend nennen, wenn Sie wissen, was ich meine.

Das wurde doch in der Presse immer wieder geschrieben, dass wir Nationalsozialisten und diese Islamisten im Grunde zwei Seiten einer Medaille sind. Stimmt. Aber das ist wie bei anderen großen Koalitionen auch, man bekriegt sich ein bisschen für die Öffentlichkeit, man greift sich an und baut sich aus dem anderen ein Feindbild, aber intern sind die organisatorischen Verflechtungen viel größer als angenommen. Wir haben festgestellt, dass wir gut zusammenpassen, und wir haben beschlossen, dass wir aneinander wachsen.

Dabei ist das gar nicht als Gefangenenaustausch zu verstehen, wir haben ja dieselbe Ideologie: für irgendeine Wahnidee, die man einem geistig schwer zurückgebliebenen Fußvolk unterjubeln kann, die Weltherrschaft anstreben und alle, die man als Schädlinge ansieht, systematisch auslöschen. Das hat in der Geschichte nicht immer geklappt, und das hatte auch technische Gründe. An mangelnder Akzeptanz für die Ideologie hat es schon mal nicht gelegen, mit Menschenverachtung haben sich ganz andere Staaten und Systeme arrangiert. Wenn man seine Wirtschaft nicht dafür aufs Spiel setzen muss, wozu will man dann Freiheit, die anderen dient?

Beispiel Bombenbau. Wir können durch das Nutzen bereichsübergreifender Synergieeffekte eine viel effektivere Destabilisierung der westlichen Demokratien erreichen. Von einer derartigen Wirkmacht hätten die Linksterroristen der Siebziger geträumt, glauben Sie mir. Gut, die haben sich auch von den Palästinensern ausbilden lassen, aber das Konzept Stadtguerilla hatte eben auch zu wenig Öffentlichkeitsarbeit. Erinnern Sie sich an eine linksradikale Veranstaltung, die unter Polizeischutz den Tod von Helmut Schmidt gefördert hätte?

Wichtig ist ja, dass wir nicht die technischen Mittel kopieren. Wenn einer unserer Kameraden mit dem Lieferwagen in eine Gruppe Asylbetrüger fährt, dann ist das natürlich kontraproduktiv. Es geht eher um Logistik, um die Kooperation mit den Behörden im Vorfeld des Anschlags – Sie wissen, der Verfassungsschutz ist so gut konstruiert, da weiß die eine Abteilung nicht, was die anderen tun, und wenn Sie da mit einem gemeinsamen Team die Einsätze planen, bekommen Sie Unterstützung von allen Seiten. Das bedeutet nicht nur finanzielle Sicherheit. Damit haben wir erheblich mehr Schlagkraft. Dagegen war der NSU ein Witz.

Übrigens, Feindbild – natürlich braucht man ein Feindbild, zum Beispiel für die Rekrutierung. Das werden Sie in Parteien finden, in Sekten, überall. Je größer die Idee, desto größer müssen die Feinde sein. Dass man sich dann mit ihnen verbündet, um den Rest der Welt zu zerstören, müssen Sie nicht mehr mit Logik erklären. Wenn Sie anfangen, Ihre Ideologie mit Argumenten zu verteidigen, haben Sie sowieso schon versagt. Wir bauen ein Feindbild auf, und im Gegenzug verhalten wir uns so, dass wir auch für die anderen zum Feindbild taugen. Es geht ja um das gemeinsame Narrativ, die Apokalypse. Wenn das Ihre Anhänger fressen, sind Sie auf einem guten Weg.

Sie dürfen die internationalen Verbindungen aber nicht überbewerten. Wenn Sie den Nachwuchs nach Ungarn schicken, lernen die vielleicht ein wenig Landessprache oder können sich vorstellen, wie es 1936 in Deutschland gewesen sein muss. Bei den Identitären lernen Sie etwas über Inkontinenz. Vielleicht haben die auch noch ein paar antiquierte Vorstellungen über Selbstmordattentate, die sie zum besten geben. Aber sonst bringt Ihnen so eine internationale Verflechtung von Kameraden mit derselben Ideologie doch nicht viel. Höchstens noch für die Freizeitgestaltung. Unsere arabischen Kollegen trinken ja nichts.

Viel wichtiger sind uns die Kanäle nach drinnen. Also in die aktuellen Regierungsapparate. Bei manchen haben wir schon mehr erreicht, bei manchen müssen wir in der Opposition warten, aber das ist nicht der Punkt. Es geht um den Aufbau der notwendigen Strukturen. Unsere islamistischen Kollegen profitieren eher von der Zusammenarbeit mit den regierenden Sicherheitsbehörden, aber das muss nichts heißen. Der Regierung ist klar, dass wir gekommen sind, um zu bleiben, und je mehr sie jetzt an Überwachungs- und Repressionsapparat aufbaut, um dem Islamismus zu stoppen, desto weniger müssen wir dann später noch nacharbeiten. Wir sehen das als Investition in die Zukunft. Wir bringen da gerne gemeinsame Opfer. Es müssen ja nicht zwingend Leute aus den eigenen Reihen sein.

Wie gesagt, Antisemitismusförderung. Die bösen Flüchtlinge haben wir jetzt zum Staatsfeind aufgeblasen, da können wir in deren Windschatten ganz bequem Anschläge auf Synagogen vorbereiten und unser nationales Notwehrprogramm weiter ausarbeiten. Demnächst sind Landtagswahlen in Bayern, da haben die Linken wieder genug Plakate, die man entfernen kann. Oder Kandidaten. Ach ja, und demnächst ist wieder einer aus unserer Fraktion in Syrien. Kommen Sie mit?“





Wiener Blut

24 04 2018

Es sah ein bisschen aus wie kreislaufbedingter Drehschwindel. Oder Schwierigkeiten nach zu viel Schnaps. Nur die Musik, die aus dem Wohnzimmer drang, ließ recht schnell erkennen, dass Herr Breschke mit ganz anderen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte.

„Das muss vierzig Jahre her sein“, murmelte der Alte. „Ich meine, nach vierzig Jahren – wer hätte denn ahnen können, dass man das heutzutage noch braucht?“ So beschwingt wie majestätisch kontrastierten die Klänge von Johann Strauss Sohn die Klage des Hausherrn, der ausgerechnet in der Küche, in Pantoffeln und alleine etwas probierte, was nicht sofort als Wiener Walzer zu identifizieren war. „Sie haben es Ihrer Frau versprochen“, mahnte ich. „Und Sie wussten schon ein wenig länger, dass dieser Tag kommen würde.“ Die Goldene Hochzeit rückte näher, und noch immer war nicht vergessen, wie sich Breschke während der Hochzeit seines Patenkindes, der einzigen Tochter von Staatsanwalt Husenkirchen, eine schwere Knöchelverletzung zugezogen hatte (es war glücklicherweise im Sitzen gewesen, er musste den Tisch für dieses kleine Malheur nicht einmal verlassen) und für den Ehrentanz mit der Braut ausgefallen war. Jetzt aber war die laue Frühlingsluft von schmelzigen Geigen satt, während sich Breschke an der Lehne des Küchenstuhl festklammerte und verhältnismäßig unrhythmisch hin und her wippte. Wie Walzer sah das nicht aus, wie ein Kaiserwalzer schon gar nicht.

„Sie können das bestimmt“, wandte er sich an mich. „Meinen Sie nicht, Sie könnten mir in ein paar Stunden ein bisschen Tanzunterricht geben?“ „Sie können die Damenschritte üben“, antwortete ich skeptisch, „ich glaube aber nicht, dass Ihnen das viel nützen wird.“ Er blieb hilflos. „Damenschritte, nein – ich wollte eigentlich nur Walzer. Ganz normalen Wiener Walzer.“ Das Problem offenbarte sich Stück für Stück; er hatte nicht nur wenig mit dem Walzer am Hut, er musste auch so gut wie alles verdrängt haben, was er in der Tanzstunde jemals gelernt hatte. Ich zeigte auf seine Füße. „Zunächst mal sollten Sie sich ordentliche Schuhe anziehen.“ Er nickte. „Die sind vielleicht ein bisschen zu rutschig. Oder etwa zuwenig?“

Die Couchgarnitur hatte ohnehin schon an der Wand gestanden, den Tisch schob Anne mit einem Ruck hinterher. „Das dürfte reichen“, sagte sie und maß den Abstand zur Schrankwand. „Mehr Platz werden Sie auf dem Tanzboden im Festsaal auch nicht haben.“ Gut, dass sie so schnell hatte kommen können. Der pensionierte Finanzbeamte nestelte an seinem Hemdkragen. „Und Sie meinen, Sie können es schaffen?“ Sie nickte mir zu. Ich setzte die Nadel auf die Schallplatte. Schmissig schmetterte das Orchester los, Anne stand mit verschränkten Armen vor dem massiven Mahagonimöbel. „Auffordern“, soufflierte ich. „Ach so“, stotterte er, „ich äääh…“ „Herr Breschke“, empörte sich Anne. „Ich muss doch sehr bitten!“ Er verbeugte sich. „Gerne, wenn Sie möchten?“

Etwas steifbeinig stand er vor ihr und suchte irgendwo Halt mit seinen Händen. „Man muss da irgendwo anfassen“, grübelte er, „aber ich habe vergessen, wo.“ „Denken Sie einfach, Ihre Frau würde zugucken.“ Jetzt traute er sich gar nicht mehr. Anne legte beherzte seine Hände auf ihre Schultern. „Das sollte für den Anfang reichen. Und bitte!“ Ansatzlos schritt Anne aus, ihr Partner mit der braunen Strickjacke stolperte irritiert hinterher. Der Sessel, genauer: seine Rückseite hielt die beiden gerade noch von einem Sturz auf die Couch zurück. „Ein bisschen weniger stürmisch“, rief sie. „Sie wollten Wiener Walzer, der ist nun mal mit einer halben Drehung verbunden. Sonst bleibt uns nur der normale Tanzstundenwalzer.“ „Machen Sie nur“, stöhnte Horst Breschke, „Hauptsache, ich lerne es irgendwann.“

Ich hatte die Platte umgedreht. „Wiener Blut“, las ich vor. „Kommen Sie, wenn Sie dazu nichts aufs Parkett kriegen, dann sehe ich für Ihre Frau aber schwarz!“ „Und… links!“ Erwartungsgemäß verwechselte Breschke die Beine. Beim dritten Versuch hatte er dann wenigstens den Bogen raus. „Sie wissen, woran man einen Gentleman erkennt?“ Der Hausherr stellte das Tanzen ein und schüttelte den Kopf. „Er guckt auf die eigenen Schuhe“, bemerkte Anne spitz. „Hier oben spiel die Musik, klar?“ Ruckartig hob er den Kopf und hing sich wieder in ihre Arme. „Noch drei Takte, zwei, und…“ Los walzte das Paar, in einem Dreieck schräg gegeneinander verkeilter Schritte, die die Musik nur sporadisch zur Kenntnis nahmen. „Meine Güte“, schnaufte Anne, „jetzt stellen Sie sich halt einen Bierkasten vor.“ Er blickte sie fragend an. „Die Seiten stehen in einem Winkel von neunzig Grad zueinander, und wir bewegen uns auf dem Rand. Links fängt an. Drei, zwei, und…“

Ganz überraschend dynamisch und aus der Hüfte wiegte sich Breschke im Karree, das mehr und mehr die Fläche des Wohnzimmerteppichs einnahm. Zwei ganze Walzer lang blieb er so gut im Takt, dass Anne ihm schließlich bescheinigte, was er hören wollte: die Goldene Hochzeit war gerettet. „Ich werde heute Nachmittag noch ein bisschen in der Küche üben“, verkündete er und schob den Tisch wieder an seinen angestammten Platz. Anne griff nach ihrem Mantel und öffnete die Hautür. „Wie hast Du das nur so schnell hingekriegt“, sagte ich verwundert. Sie lächelte. „Er kann nicht tanzen. Dazu hat er zwei linke Füße. Aber seine Frau kann führen. Wir müssen uns keine Sorgen machen.“ Und sie öffnete die Wagentür. „Vertrau mir, es wird ein rauschendes Fest.“