Erinnerungslücken

5 04 2018

Natürlich hatte ich an meinen Ausweis gedacht. „Sie würden sonst nicht wieder aus der Station kommen“, bemerkte die Schwester am Empfang. „Jedenfalls nicht so einfach.“

Verwirrte saßen auf den Bänken im Innenhof. Verwirrte standen in den Umgängen, die auf den Hof hinausgingen. „Sie sind schon fast fertig“, erklärte die Leiterin. „Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen das gerne mal demonstrieren.“ Ich verneinte. „Üblicherweise arbeitet die Medizin in die andere Richtung.“ Sie zog eine Augenbraue in die Höhe. „Wir sind ja auch Psychologen. Und wir haben diesen Ansatz so gut wie perfektioniert. Schauen Sie sich mal diesen Mann an.“ Ich sah auf den Umgang gegenüber. „Er weiß ab und zu, wer er ist und was er hier macht. Noch eine Woche, und er wird sogar das gezielt verdrängen können.“

Es handelte sich dabei um einen jungen, aufstrebenden Berufspolitiker, der gerade als Landrat Karriere machen wollte. „Vor der Wahl hat er sieben neue Kindertagesstätten, den Bau eines neuen Krankenhauses und die Umgehungsstraße am Plunderbusch versprochen.“ „Natürlich vor Zeugen?“ Sie grinste etwas schief. „Wie lange beschäftigen Sie sich jetzt schon mit Politik? Es geht gar nicht um die Zeugen, es geht um das Versprechen an sich. Er konnte sich eine Woche nach der Wahl noch an jede Einzelheit erinnern.“ Das erschreckte mich. „An jede?“ Die Leiterin seufzte. „Jede. Ein schwerer Fall, wie Sie sehen. Außerordentlich schwer.“ „Das wird das Bild des Berufspolitikers in der Öffentlichkeit massiv beschädigen.“ „Quatsch“, schnaubte sie. „Haben Sie eine ungefähre Vorstellung, was das alles kosten wird?“ Die Partei hatte ihn zügig auf die Station gebracht und sofort der Obhut des psychologischen Personals unterstellt. „Wir bringen ihm grundlegendes Vergessensmanagement bei. Wissen ist bekanntlich Macht, wenn Sie nichts wissen – macht nichts.“

Langsam begriff ich, worum es hier ging. Je mehr wir wissen, desto mehr denken wir nach, je mehr wir über uns reflektieren, desto eher geraten wir in Zweifel – ich denke, also spinn ich. Das Glück der Menschen besteht nicht in der Erkenntnis ihrer selbst. Es lässt sich nur in ihrer vollkommenen Abwesenheit fassen, und selbst hier nicht mit der gewünschten Sicherheit. Wer sich nicht erinnert, dem kann die Erinnerung auch nicht getrübt, verfälscht, genommen werden. Und er stellt keine Gefahr dar für andere, denen diese Erinnerung im Falle eines Falles gefährlich werden könnte. Der erinnerungslose Mensch ist ein idealer Zeitgenosse, leicht zu verwenden, quasi abwaschbar, vollendet gutartig, da zu keiner Schlechtigkeit intellektuell in der Lage, und keiner würde es ihm als Fehler ankreiden. Die meisten hätten wohl ihre Gründe.

„Bei manchen haben wir eine Menge Arbeit“, erklärte sie. „Sie sind zu begriffsstutzig und wissen gar nicht, was sie vergessen sollen. Bei manchen haben wir einfach nur eine Menge Arbeit.“ Mir kam dieses Gesicht gleich so bekannt vor. „Ist das nicht…“ „Doch“, antwortete sie trocken. „Sonst sehen Sie den Mann aus den Abendnachrichten, er ist jetzt schließlich Bundesminister, aber sonst hat sich nicht viel geändert.“ Wie normal das aus ein paar Metern Entfernung aussah; geistig war er nicht mehr in der Lage, seine Schuhe vernünftig zuzubinden, aber er erzählte noch immer denselben Unsinn, den er seit Jahren erzählte. „Er macht meist das Amt für sein Versagen verantwortlich, dem er einige Jahre lang vorgestanden hatte.“ Die Leiterin schob gelangweilt ihre Brille zurecht. „Außerdem hat er vollkommen vergessen, was er in dieser Position von der Führung seines jetzigen Ministeriums verlangt hatte.“ Der Mann hatte leichte Gleichgewichtsstörungen und hielt sich an der Brüstung des Umlaufs fest; immerhin wusste er noch genau, dass er Bundesminister war, und so trat er nach den Pflegern, spuckte sie an und schrie, sie sollten gefälligst arbeiten gehen, statt sich im Krankenhaus auszuruhen.

„Wenn Sie wüssten, wen wir hier haben, Sie wären entzückt.“ Ich konnte mir schon vorstellen, wer sich in Behandlung begab, höhere Beamte, eine Menge Würdenträger aus allerhand Parteien und anderen Kirchen, wahrscheinlich auch Künstler mit verdrängungswürdigem Vorleben. „Und sie haben alle ein Bedürfnis nach Vergessen.“ „Wie man’s nimmt.“ Wieder schob sie sich die Brille zurecht. „Ein paar von ihnen leben sowieso schon längst im Wolkenkuckucksheim, denen kann man nicht mehr viel ausreden, die nehmen keine Art von Realität wahr. Da muss man höchstens daran arbeiten, die Mauern noch ein bisschen höher zu ziehen.“ Offenbar hielt sie nicht viel von den Patienten, auf die das zutraf. „Aber einige von ihnen haben doch das Bedürfnis nach Verdrängung, weil sie sonst nicht mehr leben könnten. Sie müssen ausschalten, was sie dazu bringen könnte, ihr ganzes bisheriges Leben noch einmal neu zu überdenken. Oder etwas anders zu machen. Oder überhaupt einmal zu handeln, statt immer nur zuzuschauen, wie etwas geschieht, das sie nicht begreifen.“ Die kleine Gruppe von Verwirrten kam wieder aus dem Hof zurück. Einer von ihnen blieb stehen und sah mich aus leeren Augen an. „Autoindustrie“, sagte sie. „Seit gestern weiß er nicht einmal mehr, was ein Dieselmotor ist.“

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