Parallelgesellschaft

9 04 2018

„Und es gibt da keine Anhaltspunkte?“ „Nein.“ „Verdammt, wie soll man denn so eine vernünftige Innenpolitik machen, wenn wir über den Täter gar keine verwertbaren Erkenntnisse haben?“ „Ist das nicht öfter der Fall?“ „Ja, aber das ist doch genau der Punkt: wenn wir eine vernünftige Innenpolitik machen könnten, dann hätten wir über jeden die Erkenntnisse, die wir brauchen.“

„Es handelt sich den Ermittlungen nach um einen deutschen Staatsbürger, der bereits psychisch auffällig geworden sein soll.“ „Was heißt denn das, ich brauche mehr Einzelheiten!“ „Naja, er war halt mehrmals durch psychisch bedingte…“ „Mann, das ist mir doch scheißegal, ich will wissen, was das für ein Deutscher war!“ „Wie, was für ein Deutscher?“ „Mehr Merkmale halt. Welche Religion, war er arbeitslos, schwul, war das eine linke Bazille – Merkmale halt. Verwertbare Merkmale!“ „Ist das erheblich, ob jemand arbeitslos ist?“ „Dann können wir uns rechtzeitig auf die Neiddebatte vorbereiten, dass Erwerblose den ganzen Tag lang Zeit haben, solche Terroranschläge zu planen, weil sie vom Steuerzahler in seiner Hängematte durchgefüttert werden.“ „Was trägt denn das zur Lösung des Falls bei?“ „Nichts. Aber können Sie ruhig schlafen, wenn sich herausstellt, dass wir mit jedem Euro Hartz IV Terroristen im eigenen Volk züchten?“

„Und mit Verlaub, diese Anspielung auf eine sexuelle Orientierung, das ist doch nicht Ihr Ernst.“ „Wir müssen die einzelnen Merkmale erkennen, dann können wir aus der Kombination sehen, ob es sich bereits um den Ansatz zur Bildung einer Parallelgesellschaft handelt.“ „Dann sind also dänische Erwerbslose schon wegen ihrer sexuellen Orientierung eher an Attentaten beteiligt?“ „Warum dänisch?“ „Warum erwerbslos?“ „Als Däne sind Sie ja noch nicht generell eine Randgruppe, das muss man schon unterscheiden.“ „Als Deutscher auch nicht.“ „Dann müssen wir eben noch viel mehr Erkenntnisse über die einzelnen Personen haben.“ „Um sie im Vorfeld eines Attentates bereits als Täter zu identifizieren?“ „Das sollte irgendwann möglich sein.“ „Bei den bisherigen Attentätern hat man nicht nur die Gefahr erkannt, man hat sie auch überwacht.“ „Das musste halt sein, es gibt immer irgendwelche Auslöser, die man schon im Vorfeld erkennen kann. Dann muss man die gefährlichen Personen nur…“ „Zum Beispiel, indem man ihnen Waffen besorgt hat.“ „Das war manchmal nötig, sonst hätten wir danach nie alle Helfer ermittelt. Unsere Ermittlungsmethoden werden ja vor allem nach den einzelnen Anschlägen verbessert.“

„Und wenn es sich wirklich nur um einen psychisch kranken Mann gehandelt hat?“ „Dann muss man eben herausfinden, woran das gelegen hat. Wir können doch nicht abwarten und so tun, als ginge uns das alles nichts an – das sind tickende Zeitbomben, die muss man frühzeitig aus dem Verkehr ziehen, Sie sehen doch, was sonst passiert.“ „Also müsste man rein theoretisch alle Ärzte, die mit diesen Patienten zu tun haben, im Vorfeld von der Schweigepflicht entbinden.“ „Sehr richtig!“ „Und dann wären psychische Erkrankungen auch grundsätzlich meldepflichtig.“ „Ganz meine Meinung!“ „Was machen Sie dann, wenn jemand mit einer psychischen Erkrankung gar nicht zum Arzt geht?“ „Das können Sie mir doch nicht erzählen – jeder geht zum Arzt, wenn er krank ist. Das ist ja das Problem, die Leute gehen mit jedem Scheißdreck zum Arzt, sogar die Arbeitslosen!“ „Nur dass man eine psychische Erkrankung selbst nicht immer bemerkt.“ „Deshalb brauchen wir mehr Erkenntnisse. Was meinen Sie, die vielen Opfer von diesem Flugzeugabsturz hätten noch leben können, wenn wir mehr Erkenntnisse gehabt hätten!“

„Wenn nur die kontinuierliche Ausweitung der Überwachung noch Erkenntnisse bringt, welches Rechtsgut wollen Sie dann eigentlich schützen?“ „Die innere Sicherheit natürlich. Wir können doch nicht zusehen, wie die Bevölkerung immer neue Parallelgesellschaften ausbildet, die sich dann bis aufs Messer bekriegen. In Deutschland gilt Recht und Ordnung!“ „Und das Grundgesetz?“ „Im Ausnahmefall sicher auch das, aber wir können hier keine Straftaten dulden, die andere durch den Nachahmungseffekt zu Tätern machen könnten.“ „Und deshalb brauchen wir mehr Erkenntnisse, um Menschen in immer mehr Schubladen zu stecken.“ „Es handelt sich um Personen, aber sonst: ja.“ „Weil es sonst Parallelgesellschaften gibt.“ „Eben.“

„Dann machen Sie doch mal an den Merkmalen, die Sie jetzt genannt haben, fest, welche Erkenntnis Sie aus dem Täterprofil ziehen würden.“ „Also es ist zunächst mal ein deutscher Staatsbürger.“ „Das ist ja noch nicht erheblich.“ „Aber wenn Sie sich den Tathergang ansehen, stellen Sie fest, dass das eine hochgradig emotionale Tat war.“ „Aha.“ „Sie wurde in der Nähe eines bekannten Denkmals verübt, ein nationales Symbol, richtig?“ „Wenn Sie meinen?“ „Unterbrechen Sie mich jetzt nicht! Bei wem findet man diesen Hass auf historische deutsche Symbole?“ „Üblicherweise bei…“ „Sie sollen mir nicht immer ins Wort fallen! Es ist ein deutscher Staatsbürger, der eine antideutsche, also gegen das deutsche Volk, unsere Leitkultur, die nationale Identität – Antifa! ein links motivierter Anschlag! Das mit der psychischen Störung war natürlich nur ein Vorwand, wir haben es hier mit einem astreinen politischen Attentat zu tun! Die Autonomen wollen den Bürgerkrieg! So, und jetzt schreiben Sie den Scheiß für die Presse auf, wir haben noch mehr auf dem Zettel. In der Innenstadt waren schon wieder zwei Wohnungseinbrüche. Bestimmt wieder irgendwelche Polacken.“

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