Unter deutschen Dächern

11 04 2018

„Nachbarn, eins, die erste.“ Die Klappe klappte. Der Mikrofongalgen zitterte vor dem blassblauen Morgenhimmel, Siebels wippte in den Knien. „Ton läuft!“ „Und ab“, kratzte die TV-Legende, die graue Eminenz des deutschen Unterhaltungsprogramms, worauf sich alles in Bewegung setzte.

„Der Verfremdungseffekt“, erklärte Siebels und ließ den Zahnstocher vom linken zum rechten Mundwinkel wandern, „liegt ja im sozialen Sujet, und das wollen wir deutlich herausarbeiten.“ Ich begriff; zumindest hatte ich den Eindruck, etwas begriffen zu haben. „Sie wollen die Handlung auch zeigen, aber die eigentliche Bedeutung hat der Gang der Handlung.“ Er runzelte nur eben die Stirn. „Sie mögen sich mit Brecht auskennen, aber nicht mit seinen Voraussetzungen. Stellen Sie sich am besten da hinten hin, da sehen Sie gut.“ Nicht, dass er verärgert gewesen wäre. Aber er war noch eine kleine Spur kaltschnäuziger als sonst.

Zwei neugierige Mieter hatten den Bürgersteig vor der Wohnhauskolonne betreten, ein mittelalter, leicht verschlafener Herr in Sportkleidung, eine dickliche, in einen Wollmantel gehüllte Matrone mit fettig blondiertem Haar. „Weinsteins?“ Sie musste einen Moment überlegen. „Ja, das ist eine nette Familie. Er ist, glaube ich, Installateur, und sie ist zu Hause. Aber die Kinder, immer adrett und sauber, sehr angenehm.“ „Die haben kein Auto“, blubberte der unrasierte Mann in der Fußballkluft dazwischen. „Normalerweise wäscht man hier in der Siedlung am Samstag sein Auto. Die haben aber kein Auto.“ „Aber nett“, ließ sich die Blondierte wieder vernehmen, „vor allem die Kinder sind ja immer sehr nett angezogen, die Tochter hat so ein rotes Kostüm, ich glaube, es ist eine Schuluniform, aber sehr nett.“

Der mittelältere Mieter war schon zum Büdchen gezogen, das gleich öffnen musste – sicher war es die Bierflasche, die er umtauschen musste – da wandte sich die Dame an Siebels. „Die geht immer erst nach acht aus dem Haus“, zischte sie. „Die denkt wohl, wir merken das nicht, aber Holzauge!“ Sie klopfte sich geräuschvoll auf die umfangreiche Brust. „Der ist auch nur Klempner, da verdient man nicht genug, um seinen Kindern elegante Kleidung zu kaufen. Aber ich will nichts gesagt haben!“ Wie zur Abwehr hob sie die Hände. Das hatte die beiden älteren Anwohnerinnen im Hintergrund nicht gestört, bereits Aufmerksamkeit heischend in die Kamera zu winken, als müssten sie einem Unfall die passende Note verleihen. Aber vielleicht war es auch genau das.

„Sie haben den ersten Durchgang gesehen“, flüsterte Siebels, „weiter geht’s.“ „Neger“, keifte die eine, worauf die andere zusammengezuckt war. „Wir haben ja nichts gegen Neger – also im Prinzip, es muss ja jeder selbst wissen. Aber dass die hier in unserem Viertel wohnen, das ist schon schlimm. Es gibt doch so viele, die sind negerfeindlich – wenn jetzt ein Anschlag auf unsere Siedlung ausgeübt wird, dann heißt es doch gleich…“ „Vor allem“, fiel ihr die erste ins Wort, „wer kommt dann für die Schäden auf?“

Auch hier herrschte Einigkeit, dass es an den wesentlichen integrativen Maßnahmen mangelte. Man wusch seinen Wagen am Wochenende. Auf dem Balkon war augenscheinlich mehrmals eine größere Menge Wäsche getrocknet worden. „Das macht man doch nicht!“ „Aber Sie haben doch da auch einen…“ Das Gespräch war rasch beendet; es war wohl nicht nur das Gespräch am Ende.

„Nein“, erläuterte der burschikos gekleidete Jungspund, „sie passen nicht in diese Gemeinschaft. Wir haben nichts gegen sie, aber ihr Verhalten ist integrationsunfähig.“ Er sah den Kameramann provozierend an. Der blickte über den Rand seiner Brille zurück, bis unser Nachwuchsnazi begriff: die Kamera lief. Unter wüsten Verschwörungen ließ er die Szenerie zurück. „Wie gesagt“, dozierte Siebels, „wir verfremden. Es muss dazu aber klar sein, dass es für den Zuschauer auch erkennbar bleibt.“ Eine resolute Endvierzigerin mit Einkaufstasche hatte sich in den Vordergrund gedrängt, wahrscheinlich war ein Filmteam in dieser Gegend die Ausnahme und weckte ein enormes Mitteilungsbedürfnis. „Die haben diesen großen schwarzen Wagen da an der Straßenecke.“ Sie konnte sich gar nicht beruhigen. „Und das von Sozialhilfe – das weiß doch jeder, dass da keiner arbeitet!“ Jedenfalls hatte sie nie einen gesehen, der früh das Haus verlassen hat. „Sie führt erst mittags die Kampfhunde aus. Dass man das nicht verbietet!“ „Die mittags auszuführen?“ Siebels hatte sie irritiert. „Hunde? Das müssen wir von unseren Steuern bezahlen!“ „Und Sie gehen einkaufen, weil sie ansonsten berufstätig sind?“ Da mopste sie sich. „Rausschmeißen“, schrie sie noch, „diese Schmarotzer sollte man an der Grenze schon rausschmeißen.“

„Danke“, rief der Tonmann. „Sehr gut“, sagte Siebels mit tiefer Zufriedenheit. „Das reicht für heute auch aus.“ „Sie wollten doch einen Film drehen über diese Familie?“ Er schmunzelte. „Ja, auch das. Aber wie gesagt, mir reicht eine gewisse Verfremdung nicht aus.“ Er schritt auf den Eingang zu, riss den Namen vom Klingelschild und steckte das kleine Stück Folie in seine Rocktasche. „Seit Monaten schon ohne Mieter“, kommentierte er trocken. „Wer würde schon gerne hier leben – in dieser Nachbarschaft?“

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