Gernulf Olzheimer kommentiert (CDIX): Die Unterschreitung der Individualdistanz

13 04 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es muss nicht zwingend im Pleistozän begonnen haben, aber damals gab es halt noch keine Tram. Die Hominiden lagerten um das nach diesem Zweck benannte Feuer, beschützten sich gegenseitig und reihum, betrieben einen Großteil der Körperpflege in gemeinsamem Verbund und nahmen Mahlzeiten aus obskurem Krimskrams so gut wie aufeinander hockend ein, kurz: ein bisschen wie Japaner, nur ohne diese abstoßend süßliche Popmusik. Manchmal brach einer aus, rannte für ein paar Tage in die Steppe, um nicht komplett durchzudrehen, aber auch das war schnell erledigt. Die typischen Beutetiere waren daran gewöhnt, von mehr als einer mangelhaft behaarten Grützbirne angegriffen zu werden, und so war auch die Jagd fest verlötet im Programm des Nacktaffen: nicht allein, es sei denn, man hatte nichts gegen frühes Ableben mit Überraschungseffekt. Noch war die Unterschreitung der Individualdistanz fremd, denn sie blieb phylogenetisch ähnlich sinnlos wie ein Stimmzettel für Nazis.

Die Evolution hat uns zu Herdentieren gemacht, genauer: zu Kleinherdentieren, denen große Massen an ähnlich verdeppten Zweibeinern zutiefst suspekt sind, falls nicht neurologisch degenerative Zustände – Ecstasy, Krieg, CSU-Parteitage – für jähen Druckabfall unter der Schädeldecke führen. Wo die Hirnlappen plötzlich frei schwingen, wird ja keiner auf den Gedanken kommen, seine DNA sei für die Arterhaltung notwendig. Doch der gemeine Bürger auf durchschnittlicher Lebensbahn verteidigt sein Revier auch da, wo er keins mehr hat, weil es eben keins mehr gibt. Großraumbüros, Radwege, auf denen der Besserverdiener auch mit dem SUV parken kann, die Schnellbahn zwischen halb sieben und halb neun, wir sind förmlich in eine Büchse gepfercht, die durch die Fährnisse des Alltags flutscht, und zwar ohne jede Chance, dass jemand sie plötzlich von außen aufzöge, uns freizulassen – was die eigenverantwortlichen Maßnahmen wie Zen oder Nationalismus angeht, Sekundenschlaf oder gezieltes Weglasern von kognitiven Zentren, es ist noch nichts so gut erforscht, als dass man es als wirksam bezeichnen könnte, und wenn, so bleibt es doch nur Trost, der eine subjektive Parallelwelt ohne die Dummdeppen da draußen beschreibt, reine Einbildung, und nichts davon könnte den Nebenmann im Vorortzug vergessen machen, der einem ständig die Ellenbogen in die Rippen drischt, um kostenlos einen neuen Gesichtsschädel zu ergattern.

Denn es handelt sich gerade hier um die am wenigsten sozial befriedete Zone, die auch mit akustischer Verblendung unerträglich wird, weil immer noch Geruch und Anblick beleidigend wirken durch ihre physische Präsenz, während sich der Normalnappel an die Vorstellung klammert, in drei Haltestellen spätestens wieder alleine zu sein. Man ist bisweilen von Idioten umgeben, ab und an von beängstigendem Volk, aber meistens verursacht einem die Umgebung einfach nur Widerwillen. Wie klug hat es die Natur eingerichtet, dass man von den Knalltüten hier und da eine Armlänge Abstand halten kann. Keiner muss sich Gründe häkeln, es ist ein Menschenrecht und gesetzlich geregelt, dass niemand uns zu nah auf die Pelle rückt.

Dennoch schwiemeln einem kulturspezifische Ausnahmen eben diese Verhältnisse entgegen. Es mag nicht besser sein, wenn man sich die Intimzone durch niedrigen Status oder Geburt in einer eher komplizierten Kultur verrammelt, um dann Abwehrmaßnahmen zu ergreifen – die Verspannung löst sich danach meist in einer unglücklichen Bewegung am Abzug, beim nächsten Kontakt mit dem Schlagring oder in der Wahlkabine, wo einem das Fremde noch einmal überdimensional auf die Zehen latscht. Warum wohl brauchen Vorgesetzte, die vor nichts Angst haben, einen monströsen Schreibtisch, patschen aber jedem Handwerker auf die Pranke auf die Schulter?

Am einfachsten, auch im Sinne der Hygiene, wäre es freilich, wir ließen einander alle los. Man kann noch einen fernen Punkt fixieren, den Dreck auf der Omnibusscheibe oder die die zweitunterste Kachelreihe in der Warteschlange vor dem Dreimeterbrett, was kein kontemplativer Ersatz ist für den Akt zwischen Flucht und Vertreibung, aber es wäre gesellschaftlich sicher besser aufgenommen als eine Massenschlägerei um die Entscheidung, wessen Fuß wann wo oben stand.

So wie man dem Bürger nicht einfach in die Bude einbricht, traumtisiert man ihn nicht wissentlich durch die moderne Zivilisation. Es sei denn, Die Folgeabschätzung kam zustande, wie sie immer entstanden ist bisher: man nahm an, es würde schon nicht so schlimm werden. Vermutlich wird die geschundene Menschheit ihre seelischen Bedürfnisse demnächst mit einer Demonstration einfordern. Massenhaft, Seit an Seit. Was verdammt eng werden könnte.

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