Erbsünde

18 04 2018

„Reichen denn Fingerabdrücke überhaupt?“ „Ich würde Blutproben nehmen.“ „DNA-Proben reichen auf jeden Fall.“ „Und das geht?“ „Wenn man in Deutschland geboren wurde oder hier dauerhaft seinen Lebensmittelpunkt hat, schon.“ „Und wie genau kann man die DNA-Probe in den Ausweis integrieren?“ „Kann man diese genetischen Sequenzen nicht irgendwie klein schneiden?“ „Sie meinen, damit die auf den Ausweis raufpassen?“ „Zum Beispiel, aber so genau kenne ich mich damit auch nicht aus.“

„Wir hatten damals Geruchsproben.“ „Und wo bewahrt man das auf?“ „Das wird ja ’ne Menge.“ „Jetzt, wo die langsam kapieren, dass man den Atommüll doch nicht so einfach endlagern kann, wird da unten einiges an Platz frei.“ „Aber man muss doch auch wieder ran an die Dinger.“ „Nö.“ „Wie, nö?“ „Naja, ob man die Verdächtigen jetzt zwei Tage oder ein Jahr in Untersuchungshaft lässt, bis man die richtige Probe gezogen hat, das ist doch verhältnismäßig egal.“ „Egal ja, aber eben nicht verhältnismäßig.“ „Siehste, gleich fängt er wieder an mit dem Rechtsstaat.“ „Nein, aber…“ „Siehste?“

„Wir sollten vielleicht eher die technischen Lösungen bevorzugen.“ „Weil Deutschland dank unserer geliebten Bundesregierung ein derart unglaublich hoch technisierter Staat geworden ist?“ „Um die Funklöcher herum soll’s inzwischen ja regelrecht Internet geben.“ „Woah!“ „Jedenfalls wäre es möglich, die Personen, auch wenn sie eben nicht schon durch Geburt straffällig geworden sind, dann später durch eine vorbeugende Maßnahme mit technischen Geräten auszustatten, mit deren Hilfe wir sie eines Verbrechens überführen können.“ „Auch im präventiven Fall?“ „Also vor dem Verbrechen?“ „Zum Beispiel.“ „Eher nicht.“ „Warum macht man es dann?“ „Weil’s geht.“

„Wir implantieren allen Deutschen einen…“ „Das geht nicht.“ „Da macht dann Seehofer nicht mehr mit?“ „Klar, man kann doch Bayern nicht wie normale Bundesbürger behandelt.“ „Weil das keine Bundesbürger sind?“ „Schon, aber wer mehrheitlich etwas wie Seehofer wählt, legt vermutlich größten Wert darauf, als nicht ganz normal bezeichnet zu werden.“ „Jedenfalls ist das eine Diskriminierung von Ausländern.“ „Die werden doch von dieser Maßnahme gar nicht betroffen.“ „Eben.“ „Wieso denn…“ „Weil es auch positive Diskriminierung gibt.“ „Die fühlen sich diskriminiert, weil man ihnen keine Peilsender einpflanzt?“ „Nein, aber es ist dann halt umgekehrt. Oder in der Wirkung eben das Gegenteil.“ „Aber Seehofer macht nicht mit?“ „Ja.“ „Dann ist das ja gar nicht so anders.“ „Aber es ist ein rechtliches Problem. Deutsche Gesetze gelten für alle, die sich in Deutschland aufhalten.“ „Und man darf Ausländern keine Chips in die Haut hauen?“ „Das wäre dann freiwillig.“ „Klar, man kommt ja auch freiwillig.“ „Es sei denn, man ist Flüchtling.“ „Und woanders hin kann man nicht fliehen?“

„Es käme hier auf den Aspekt der Freiwilligkeit an.“ „Bisher können Deutsche die Fingerabdrücke ja auch freiwillig abgeben.“ „Weil ihnen bis auf die Staatsangehörigkeit keine weiteren Straftaten nachgewiesen werden können.“ „Gut, aber es müsste dann eine Erklärung im Sinne der Abwehr von konkreten Gefahren geben.“ „Erbsünde.“ „Wie, Erbsünde?“ „In einem christlichen Land, das von christlichen Parteien regiert wird, ist doch dieser Begriff hoffentlich nicht fremd?“ „Nein, aber wie kommen Sie denn jetzt darauf?“ „Wenn wir das als allgemeine Verfehlung deklarieren, die alle Bürger auf sich geladen haben, können wir auch eine Zwangsmaßnahme als freiwillig verkaufen.“ „Sie meinen, es gibt noch einen freien Willen?“ „Das würde ich jetzt so nicht sagen, aber…“ „Da müssen dann die Personen, die sich für längere Zeit in Deutschland aufhalten oder sich hier niederlassen wollen, eine Entscheidung treffen: sind sie freiwillig hier?“ „Und wenn ja?“ „Dann müssen sie auch mit den Konsequenzen leben.“ „Und wenn sie nicht freiwillig hier sind?“ „Dann handelt es sich möglicherweise um ein Verbrechen, und da sind alle Mittel recht, um das aufzuklären.“

„Man kann doch nicht von allen Touristen DNA-Proben nehmen.“ „Sie werden das schon freiwillig tun müssen, und das ist dann eben äääh… freiwillig.“ „Könnten wir nicht erst mal gucken, ob das mit den Fingerabdrücken überhaupt irgendwas bringt?“ „Was soll das denn bringen?“ „Dann bräuchten wir auch keine Speichelproben und keine DNA und sonst auch nichts.“ „Brauchen wir auch nicht, bringt ja auch nichts.“ „Aber warum macht man das dann?“ „Der Bürger gibt uns halt freiwillig eine Speichelprobe, damit er in seinem eigenen Land mit seinem eigenen Fahrrad in einen Supermarkt fahren und von seinem eigenen Geld Kartoffeln kaufen kann.“ „Klingt ein bisschen wie Schutzgelderpressung.“ „Ist aber freiwillig.“

„Das wahre Problem sind doch nicht die Fingerabdrücke.“ „Sondern?“ „Vermutlich, dass wir nicht alle freiwillig unsere Geruchsproben aus dem Stasi-Archiv mitgenommen haben.“ „Sie etwa?“ „Ach was. Biometrische Fotos.“ „Gibt’s die nicht schon?“ „Eben.“ „Ach so.“ „Na, ist ja interessant.“ „Eben, finde ich auch.“ „Obwohl…“ „Was denn?“ „Wenn biometrische Fotos viel gefährlicher sind, dann können die Leute doch eigentlich auch noch ihre Fingerabdrücke abgeben.“

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