Wiener Blut

24 04 2018

Es sah ein bisschen aus wie kreislaufbedingter Drehschwindel. Oder Schwierigkeiten nach zu viel Schnaps. Nur die Musik, die aus dem Wohnzimmer drang, ließ recht schnell erkennen, dass Herr Breschke mit ganz anderen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte.

„Das muss vierzig Jahre her sein“, murmelte der Alte. „Ich meine, nach vierzig Jahren – wer hätte denn ahnen können, dass man das heutzutage noch braucht?“ So beschwingt wie majestätisch kontrastierten die Klänge von Johann Strauss Sohn die Klage des Hausherrn, der ausgerechnet in der Küche, in Pantoffeln und alleine etwas probierte, was nicht sofort als Wiener Walzer zu identifizieren war. „Sie haben es Ihrer Frau versprochen“, mahnte ich. „Und Sie wussten schon ein wenig länger, dass dieser Tag kommen würde.“ Die Goldene Hochzeit rückte näher, und noch immer war nicht vergessen, wie sich Breschke während der Hochzeit seines Patenkindes, der einzigen Tochter von Staatsanwalt Husenkirchen, eine schwere Knöchelverletzung zugezogen hatte (es war glücklicherweise im Sitzen gewesen, er musste den Tisch für dieses kleine Malheur nicht einmal verlassen) und für den Ehrentanz mit der Braut ausgefallen war. Jetzt aber war die laue Frühlingsluft von schmelzigen Geigen satt, während sich Breschke an der Lehne des Küchenstuhl festklammerte und verhältnismäßig unrhythmisch hin und her wippte. Wie Walzer sah das nicht aus, wie ein Kaiserwalzer schon gar nicht.

„Sie können das bestimmt“, wandte er sich an mich. „Meinen Sie nicht, Sie könnten mir in ein paar Stunden ein bisschen Tanzunterricht geben?“ „Sie können die Damenschritte üben“, antwortete ich skeptisch, „ich glaube aber nicht, dass Ihnen das viel nützen wird.“ Er blieb hilflos. „Damenschritte, nein – ich wollte eigentlich nur Walzer. Ganz normalen Wiener Walzer.“ Das Problem offenbarte sich Stück für Stück; er hatte nicht nur wenig mit dem Walzer am Hut, er musste auch so gut wie alles verdrängt haben, was er in der Tanzstunde jemals gelernt hatte. Ich zeigte auf seine Füße. „Zunächst mal sollten Sie sich ordentliche Schuhe anziehen.“ Er nickte. „Die sind vielleicht ein bisschen zu rutschig. Oder etwa zuwenig?“

Die Couchgarnitur hatte ohnehin schon an der Wand gestanden, den Tisch schob Anne mit einem Ruck hinterher. „Das dürfte reichen“, sagte sie und maß den Abstand zur Schrankwand. „Mehr Platz werden Sie auf dem Tanzboden im Festsaal auch nicht haben.“ Gut, dass sie so schnell hatte kommen können. Der pensionierte Finanzbeamte nestelte an seinem Hemdkragen. „Und Sie meinen, Sie können es schaffen?“ Sie nickte mir zu. Ich setzte die Nadel auf die Schallplatte. Schmissig schmetterte das Orchester los, Anne stand mit verschränkten Armen vor dem massiven Mahagonimöbel. „Auffordern“, soufflierte ich. „Ach so“, stotterte er, „ich äääh…“ „Herr Breschke“, empörte sich Anne. „Ich muss doch sehr bitten!“ Er verbeugte sich. „Gerne, wenn Sie möchten?“

Etwas steifbeinig stand er vor ihr und suchte irgendwo Halt mit seinen Händen. „Man muss da irgendwo anfassen“, grübelte er, „aber ich habe vergessen, wo.“ „Denken Sie einfach, Ihre Frau würde zugucken.“ Jetzt traute er sich gar nicht mehr. Anne legte beherzte seine Hände auf ihre Schultern. „Das sollte für den Anfang reichen. Und bitte!“ Ansatzlos schritt Anne aus, ihr Partner mit der braunen Strickjacke stolperte irritiert hinterher. Der Sessel, genauer: seine Rückseite hielt die beiden gerade noch von einem Sturz auf die Couch zurück. „Ein bisschen weniger stürmisch“, rief sie. „Sie wollten Wiener Walzer, der ist nun mal mit einer halben Drehung verbunden. Sonst bleibt uns nur der normale Tanzstundenwalzer.“ „Machen Sie nur“, stöhnte Horst Breschke, „Hauptsache, ich lerne es irgendwann.“

Ich hatte die Platte umgedreht. „Wiener Blut“, las ich vor. „Kommen Sie, wenn Sie dazu nichts aufs Parkett kriegen, dann sehe ich für Ihre Frau aber schwarz!“ „Und… links!“ Erwartungsgemäß verwechselte Breschke die Beine. Beim dritten Versuch hatte er dann wenigstens den Bogen raus. „Sie wissen, woran man einen Gentleman erkennt?“ Der Hausherr stellte das Tanzen ein und schüttelte den Kopf. „Er guckt auf die eigenen Schuhe“, bemerkte Anne spitz. „Hier oben spiel die Musik, klar?“ Ruckartig hob er den Kopf und hing sich wieder in ihre Arme. „Noch drei Takte, zwei, und…“ Los walzte das Paar, in einem Dreieck schräg gegeneinander verkeilter Schritte, die die Musik nur sporadisch zur Kenntnis nahmen. „Meine Güte“, schnaufte Anne, „jetzt stellen Sie sich halt einen Bierkasten vor.“ Er blickte sie fragend an. „Die Seiten stehen in einem Winkel von neunzig Grad zueinander, und wir bewegen uns auf dem Rand. Links fängt an. Drei, zwei, und…“

Ganz überraschend dynamisch und aus der Hüfte wiegte sich Breschke im Karree, das mehr und mehr die Fläche des Wohnzimmerteppichs einnahm. Zwei ganze Walzer lang blieb er so gut im Takt, dass Anne ihm schließlich bescheinigte, was er hören wollte: die Goldene Hochzeit war gerettet. „Ich werde heute Nachmittag noch ein bisschen in der Küche üben“, verkündete er und schob den Tisch wieder an seinen angestammten Platz. Anne griff nach ihrem Mantel und öffnete die Hautür. „Wie hast Du das nur so schnell hingekriegt“, sagte ich verwundert. Sie lächelte. „Er kann nicht tanzen. Dazu hat er zwei linke Füße. Aber seine Frau kann führen. Wir müssen uns keine Sorgen machen.“ Und sie öffnete die Wagentür. „Vertrau mir, es wird ein rauschendes Fest.“