Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXI): Flohmarkt

27 04 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Irgendwann, und es muss ein sehr großes Haus gewesen sein, hinterließ ein sorgloser, durchaus wohlhabender Adliger, wahrscheinlich eher ein Erbe, und er wird einer heruntergekommenen Sippe entstammt gewesen sein, kein Geldadel jedenfalls, eine Wagenladung, eher eine bis zwanzig davon, mit Krempel im engeren Sinne, Hinterlassenschaft eines müßigen Lebens, wie es keiner geführt haben will, auch wenn die Zivilisation voll ist mit derart Überbleibseln in ungeordneter Form und Farbe, und es gibt nur eine halbwegs logische Erklärung für die kulturhistorischen Implikationen: so entstand der Flohmarkt.

Die Veranstaltung heißt erwiesenermaßen so, da man sich neben der Kleidung auch antiquarisches Ungeziefer ins Haus holte – aus zweiter Hand gekauftes Wams war meist belebt und aristokratisch ungewaschen, was für die ganze Idee des Getrödels steht: was die Besitzenden ennuyiert, darf das gemeine Volk entzücken, bis auch dies sich im Ekel gepackt abwendet und die Ware unter ihresgleichen distribuiert. Unter dem Vorwand sozialen Konsums, der die Ressourcen schont, erscheint es den gemeinen Nachtjacken bequem, Rost und Schmodder zum vermeintlichen Schleuderpreis zu erstehen, wenn nur der Händler dabei freundlich grient. Ein kapitalistisch schlechtes Gewissen will beim Konsum gar nicht erst aufkommen, und also wird die Recyclingveranstaltung zum alternativen Event aufgeschwiemelt, krisensicher gegen alle konsumkritischen Sprechchöre aus der Linkskurve gepolstert. Aber das täuscht.

Die Ansammlung an Krims und Krams bringt die zusammen, die längst jede Kontrolle über ihr Leben verloren haben. Regelmäßige Undercover-Veranstaltungen für aktiv praktizierende Messies geben der Sucht ein Gesicht, sich den schlechten Geschmack in Gestalt von nostalgischem Müll ins Haus zu tragen, als würde eine gesamte Gemeinde von Staubfetischisten sich gegenseitig den Kruscht in die Bude kübeln. Der rituelle Charakter des Auf- und Ausstellens von Töpfen, Tiegeln, Glas und Spitze ist noch nicht hinreichend erforscht, doch entsteht bereits beim flüchtigen Anblick des mit der Schaufel auf Tapeziertisch und Stellage gekloppten Geklumps der Eindruck: genau das ist es. Kein Arrangement ist nötig, die Ware west flächig vor sich hin; vermutlich würde bei unsachgemäßer Umschichtung jene feine Schicht aus Patina und Flusen verlustig gehen, die dem Fetischisten jenes Geruchserlebnis in die Schleimhaut zaubert, über das er mit den harmloseren Vertretern der Zunft nur hinter vorgehaltener Hand sprechen kann.

Nur mangelhafte Befriedigung verschaffen dem Vergangenheitsfreund jene blitzblank polierten Spiegel, Löffel und Schuhe, denen man nicht sofort ihren Alterungsprozess und den damit dialektisch eingeschriebenen Wertgewinn ansieht; geputztes Silber lässt ihn noch milde aufstöhnen, eine mit Stahlwolle zum Reflektor umfunktionierte Kanne versetzt ihn in Angstzustände, dass die aus fernen Tagen auf uns gekommene anorganische Materie eher den Verjüngungsprozess schafft als er selbst. So hat er sich das nicht vorgestellt – damals.

Längst sind Handeln und Feilschen, ist quasi sinnfreies Kaufen zur Freizeitbeschäftigung geraten, ein mit dem Zielobjekt gar nicht mehr ernsthaft assoziierter Vorgang der sozialen Interaktion, ein metaphysisch aufgepumpter Grabbeltisch des mikroökonomischen Grauens – offenbar ist die ritualisierte Komponente nicht aus der Luft gegriffen, da der absichtlose Besitz des Dings an sich bar jeder rationalen Überlegung noch jeden Preis für den beklopptesten Kruscht gefordert und dann erhalten hätte. Die Vorstellung, auf der Parallelebene das Traumgeborene in Gestalt eines zerbogenen Zuckerdösleins zu erhaschen, ist Balsam für die geschundene Seele des Verbrauchers und hilft über zeitgenössisches Industriedesign hinweg, Damenmode oder schwer abbaubares Spielzeug aus schlagfestem Kunststoff. Was lange währt, liegt irgendwann auf den Tapeziertischen des Vorortes, gammelt unter graublauem Himmel vor sich hin, wird von glubschenden Fetzensammlern in Augenschein genommen und eingetütet.

Nein, es sind nicht die Neuwaren, die die Flohmärkte erobern, fabrikneu zum Schlussverkauf georderter Killefit, der neben Grillwurst und Bier feilgeboten wird und der Idee des Ramschens mit geballter Gehässigkeit zuwiderläuft. Es ist mühsam auf alt getrimmter Schund und Plunder aus der vergessenen Welt, Teetassen aus den hinteren Karpaten, denen zwanzig Maschinenwäschen den Goldrand weggeätzt und die Blümchen ausgedünnt haben, bis sie wie Vorkriegsware aussahen, die mit dem Bollerwagen aus dieser Region gescheppert kam. Die Altwarenkonzentration ist das Sinnbild für Konsum und Religion, zu gleichen Teilen und gehässig verquickt, damit man den Gewinn der interessierten Parteien im Hintergrund auch recht versteht: hinter einer Lüge muss sich nicht die grausame Wahrheit verbergen. Meist steckt eine weitere Lüge dahinter.

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