Vor den Feiertagen

30 04 2018

„Margarine.“ Hildegard schlug die Tür des Kühlschranks mit Verve zu und setzte sich wieder an den Küchentisch. „Wir könnten das durchstehen, aber wenn wir sowieso bei Supikauf sind, dann ist es am besten, wenn wir auch Margarine holen.“ Die Vorstellung, mit ihr am Feiertag zu frühstücken, warf dunkle Schatten voraus. Die Vorstellung, dass sie keine Margarine haben würde, ließ mich sofort erschauern. Es war Gefahr im Anzug.

„Gar nicht mal so leer“, bemerkte ich. In der Tat hatte ich bereits draußen vor dem Verbrauchermarkt eine leise Ahnung, denn es gab noch einen Wagen. Genau einen. Der Weg zur Gemüseabteilung war noch passierbar, was aber verhältnismäßig sinnlos schien. Ein paar eingedellte grüne Gurken, wenige Säckchen Zwiebeln sowie Restrüben zierten die Auslage. Vermutlich hatte der führende europäische Vegetarierverband sich hier verabredet, um alles zu sichern für den kommenden Monat; irgendeine EU-Richtlinie, die Besitz und Konsum von Radieschen unter Strafe stellt, musste das ausgelöst haben. „Wir haben noch eine Dose Mischpilze im Schrank“, wies mich Hildegard streng zurecht. „Hier müssen wir gar nicht weiter gucken.“ Sie hatte recht, viel gab es auch nicht zu sehen. Dass in Gegensatz auch die Kaffeeregale geräubert waren, wunderte sie nicht, machte ihr aber wenig aus. Sie trank ohnehin lieber Tee zum Frühstück.

„Wo wir sowieso gerade hier sind“, sagte sie und drehte sich einmal um die eigene Achse, „sie haben gerade diesen kalorienreduzierten Joghurt im Angebot.“ Ich aß ab und zu Joghurt, sie aß hin und wieder Kalorienreduziertes – doch, die Anschaffung würde sich rentieren. Leider war auch hier eine Hürde zwischen Wunsch und Kauf. Es gab keinen Joghurt mehr, das heißt, es gab zwar noch Joghurt, Magerjoghurt sogar, aber keinen im Angebot. „Aber Schokolade, die kann man immer gebrauchen“, schnaufte sie und hievte zwei Kartons Vollmilch neben die Batterie mit den Putztüchern und den abgepackten Käse, den ich noch nie gemocht hatte. „Dann schau Dir doch mal das Regal mit den Milchprodukten an – wollen wir solange warten, bis es gar keinen Käse mehr gibt?“ Es war, wie gesagt, alles etwas verwirrend.

Auch der Honig, den Hildegard gleich in drei Sorten herantrug, war Aktionsware. „Wir haben keinen Honig im Haus“, keuchte sie. Das war die reine Wahrheit. „Wir haben keinen Honig im Haus, weil Du Pollenallergikerin bist und meine Küche nach dem Öffnen eines Honigglases für komplett kontaminiert hältst.“ „Das sind Kunststofflaschen“, informierte sie mich. „Man kann sie auf den Kopf stellen.“ „Gläser kann man zuschrauben“, wandte ich ein. Ich überschlug kurz Kosten und Nutzen, die drei Kilo Honig mit sich brachten, und fand eine geringe, aber nicht zu leugnende Chance, dass sie nach der ersten geöffneten Honigflasche nie wieder meine Küche würde betreten wollen. Es bestand also noch Hoffnung.

„Sonnenmilch!“ Mit glasigen Augen stand sie vor dem Tischchen mit den vielen Tuben. „Drei Lichtschutzfaktoren – wo ist die mit den 30?“ „Es ist noch nicht einmal richtig Sommer“, protestierte ich, „und ich kann mich an einen einzigen Ausflug an die See erinnern, bei dem eine gewisse Dame in der brütenden Hitze unbedingt eine Strickjacke mit langen Ärmeln tragen musste.“ „Es war windig“, verteidigte sie sich. „Aber irgendwas brauche ich auch fürs Gesicht.“ „Wir haben Sonnencreme im Bad stehen, von denen ist eine Tube nicht einmal angebrochen.“ „Das ist Sonnenmilch“, korrigierte sie mich, „und was kann ich denn dafür, dass Du in Deinem Bad immer alte Tuben ansammelst?“

Der stämmige junge Mann, der in Begleitung einer ebensolchen Gattin mit schweren Knochen in Richtung Kosmetik schritt, versetzte sie in Alarm. „Finger weg“, zischte sie, „wenn hier eine Tube mit 30 ist, ist das meine!“ „Lass Dir das nicht gefallen“, keifte die andere Frau. „Wehr Dich, Hubsi!“ Sie schubste den verstörten Mann nach vorne. „Wehe!“ Hildegard hatte nach einer Familienflasche mit Haarshampoo gegriffen. Verängstigt zog er sich zurück. Beruhigend, dass sie gerade nicht an der Gefriertruhe gestanden hatte; einer polnischen Hafermastgans im Zielanflug hätte der arme Kerl sicher nicht so gut ausweichen können.

Zwischen die beiden Lagen Vollkornspaghetti und Zahnpasta passte eine Schicht Haushaltstücher, die Hildegard sorgfältig in den leicht gekippten Wagen einstapelte. „Brauchen wir Hundekekse?“ Ich überlegte kurz. „Wir haben keinen Hund.“ Sie nickte. „Deshalb frage ich ja. Es geht so ins Geld, wenn man ungeplant Sachen kauft, für die man gar keine Verwendung hat.“ Irgendetwas musste sie mit dem beutellosen Staubsauger und den reduzierten Staubsaugerbeuteln vorhaben, ich war mir nur nicht sicher, was genau. Aber man soll ja nicht immer so kleinlich sein, erst recht nicht vor den Feiertagen.

Das mitgeführte Bargeld reichte nicht ganz; Hildegards Besoldung als Oberstudienrätin ließ ihr nicht die Freiheiten, die die moderne Konsumwelt von uns mündigen Wirtschaftsteilnehmern fordert. Wir erwogen kurz den Verkauf einer Niere – meiner Niere, so viel stand fest – und einigten uns dann darauf, dass ich und mein Bankkonto den Betrag zu gleichen Teilen auslegen würden. Die zehn Helfer, die den immerzu nach rechts ziehenden Wagen auf den Parkplatz bugsierten, freuten sich dann auch über ein fürstliches Pourboire.

Das Auto rollte mit knirschenden Stoßdämpfern auf die Straße. Angestrengt blickte Hildegard zur Tankanzeige; wir würden es nach Hause schaffen, trotz Traglast. „Aber wir müssten noch kurz zum Spätkauf“, teilte sie mir mit. „Die haben ja eine Stunde länger auf. Und es geht auch ganz schnell. Wir brauchen ja nur Margarine.“

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