Gernulf Olzheimer kommentiert (CDX): Die Helden der Arbeit

20 04 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Früher war es der Typ, der das Klo repariert hat. Kurz danach wurde das Klo erfunden und der Typ hier Klempner. Dann der Sanitärinstallateur. In der Spätphase des Kapitalismus etablierte sich dann der Anlagenmechaniker Gas Wasser Biomasse. Eine Rohrzange können sie alle nicht halten. Manche wissen nicht, wie ein Klo aussieht. Aber sie sind als Klimafachingenieure längst die dickste Hose von Doktor Haus und seinen Kellerasseln. Es folgt in Kürze der Senior Rohranflansching Master of Metal Science, wenn es nicht schon ein Executive Leader Ausguss Management ist. Mit nur einer Promotion wird’s langsam eng, da kann man höchstens noch Neurochirurg werden. Oder Astrophysiker. Aber den Leuten die Brühe aus der Schüssel pümpeln? Nix da. Die Helden der Arbeit wissen, wie das geht.

Vor allem, wie sich der Schmodder halbwegs professionell anhört. War man früher noch geneigt, die Qualifikationen eines Hand- oder Kopfwerkers ins Kalkül zu ziehen, zählen heute dank der rapide absinkenden Wertschätzung für so manche Berufe allein die Schildchen an der Tür, die Aufsteller auf dem Tresen, die kryptische Stickerei auf Blaumann und Kittel, um dem Kartoffelschäler ein halbwegs ehrenvolles Dasein zurechtzuschwiemeln, wie es ohne preziösen Verbalschaum kaum ginge. Sie sind Glücklichmacher, Pizzaspeedy oder Quasselbacken, auch wenn sie Reklamationen bearbeiten, seifigen Teig in minderwertiger Pappe schichtbedingt über die rote Ampel jubeln oder dementen Rentnern im Callcenter Lebensversicherungen andrehen. Nur zu Superhelden aufgebrezelt scheinen sie ihr eigenes Elend zu ertragen, das sich in der kompletten Sinnlosigkeit ihres täglichen Tuns ergießt – fiele ihr Beruf durchs Raster, man würde sie vermissen wie Nagelpilz oder Investmentbanker.

Obwohl, nein – es hat ja nichts mit ihrem Tun zu tun. In den Arbeitsverträgen steht immer noch, dass sie subalterne Mitglieder einer Drückerkolonne sind, die wöchentlich die halbe Nation der komplett verdeppten Dämlacks mit Ziervogelhaftpflicht und ähnlichen Perlen der Versicherungsproduktion zu beglücken haben. In der Stellenanzeige hatte es noch Kommunikationskings und Rhetorikrambos gebraucht, Vertriebstennos und Supermänner der angewandten Beschisstechnik. Und Helden, vor allem: Helden. Weil ein derart beknackter Dreckjob nur dann zu überleben ist, wenn man sich nach dem psychisch bedingten Rauswurf in die nächste Runde stürzt und die Spirale einmal weiterdreht. Es geht nur noch um Superduper und Professionals, Genies und Götter, wo in Wahrheit Monster, Mumien und Mutationen sich die Klinke in die Pfote drücken.

Neben der grassierenden Verachtung für die Zielgruppe, die von einer insolventen Pissbude – neudeutsch: Start-up – zur nächsten tippelt, wird alles ab dem gesetzteren Alter aus der Schusslinie getreten. Wer würde sich als Silversmurf schon mit einer degenerierten Horde von TV-Glotzern messen im Superkräfte ablabern, als Media Information System Accountant der Cultural Approach Group? Ob letztere die Abreißkärtchen zum Museum locht oder soziologische Literatur abstaubt, will letztlich keiner mehr wissen. Solange das Branding stimmt, die von den Junior Pillpalle & Killefit Supervision Heroes in die Frontallappen tätowierten Muster des öffentlichen Drucks, jeden Scheißjob anzunehmen, um sich nicht mit dem gelangweilten Sadisten auf der anderen Seite des Arbeitsamtsschimmels zu belasten, solange wird der Wahnsinn als Methode gefeiert und die intellektuelle Nahtoderfahrung des Stellenmarktes als Normalzustand in einer Welt, die schon deshalb Roboter nicht als Arbeitnehmer für einfache Tätigkeiten nehmen könnte, weil sie dann niemanden mehr hätte, auf den sie angewidert herabschauen könnte.

Während es die Putzfrau über die Raumpflegerin bis zur Gebäudeunterhaltsreinigerin gebracht hat, dreht der Luftdruck ins Negative: die Schmutzfachkraft wird als wischendes Gewerbe an den Rand des öffentlichen Interesses gedrängt, als Junk & Trash Removal Assistant Manager gemoppt und gefeudelt, aber keiner wundert sich, warum er fürderhin seinen Mist selbst aufharken kann. Sie sind alle längst Social Media Consultants, die zu drölfzig Mann Bilder posten, wie ein Klempner das Rohr verdengelt, einer haut’s in WhatsApp, einer schmiert bei Facebook, einer twittert und einer weint, weil es allen anderen gewaltig an der Sitzfläche vorbeigeht. Sie verdienen alle nicht ansatzweise so viel wie der Anlagenmechaniker, werden nicht nach drei Tagen durch ein krähendes Jüngelchen ersetzt, das noch keine Kündigung für möglich hält, und sind trotzdem froh, trotz ihres makellosen Studienergebnisses in BWL und des Motorsägenscheins ab sofort im Kundencenter zu hocken. Tag für Tag. Um Langzeitarbeitslosen unter Abschlussdruck goldene Uhren zu verticken. Als Lieferhelden. Jippie.





Nazi!

19 04 2018

„… noch ‚Nazi‘ sagen dürfe. Die Sendung wolle klären, ob eine politisch korrekte Bezeichnung auch für Minderheiten im Bereich des…“

„… von den Hörern begrüßt worden sei. Dies könne laut Intendantin Wille jedoch kein Grund sein, eine einmal angesetzte Sendung auch ins Programm zu…“

„… auch ein Recht hätten, als national gesinnte und besorgte Bürger wahrgenommen zu werden. Zum Ausgleich schlage Petry vor, den Begriff ‚völkisch‘ nicht mehr negativ zu…“

„… wenigstens einen freundlichen Umgangston angemahnt habe. Dass ein gewisser Personenkreis die Verbrechen der Zeit des Nationalsozialismus leugne, verharmlose oder wiederholen wolle, sei noch kein Grund, sie als…“

„… die politische Korrektheit laut Weidel auf den Müllhaufen der Geschichte gehöre. Das heiße jedoch nicht, dass plötzlich jede zugewanderte Muselsau das deutsche Volk mit aggressiver…“

„… zunächst ein Gegengutachten einholen wolle, ob die Aussprache des Wortes ‚Nazi‘ im Rundfunk auch phonetisch korrekt sei. Eine fehlerhafte Vokalqualität sei durchaus geeignet, sich nachhaltig auf das Verhältnis der Deutschen zu ihren eigenen Landsleuten am rechten Rand zu…“

„… die Diskurshoheit nicht dem führenden linksversifften Mainstream überlassen, der zu 87 Prozent Deutschland an den Islam verkaufen wolle. Nur die wirklich mit der Materie politisch und historisch vertrauten Experten seien in der Lage, eine Diskussion auf Augenhöhe zu…“

„… es andererseits nicht nur eine negative Bedeutung des Wortes gebe. Wer beispielsweise an den Holocaust denke, so Höcke, könne auch ein…“

„… man in einer Radiosendung nicht gerne mit Betroffenen diskutieren wolle. Als Insassen von in Brand gesteckten Asylbewerberheimen oder linke Landtagsabgeordnete könne man sicher nicht objektiv beurteilen, ob die deutsche…“

„… dass es keinen ‚Nazikuss‘ gebe. Damit sei das deutsche Volk noch weniger vor rassistischen Anfeindungen geschützt als ausgerechnet die afrikanischen…“

„… überhaupt ein linker Begriff sei, wie Steinbach nochmals betont habe. Der sozialistische Anteil an der Nazi-Ideologie habe erst zu den menschenverachtenden Entartungen geführt, wie sie Stalin, Mao, Willy Brandt und die…“

„… posttraumatische Belastungsstörungen zu erdulden habe. Viele nationalkonservative Teil der deutschen Bevölkerung hätten nach einer sehr schwierig verlaufenden Bildungskarriere und zahlreichen Kontakten mit Drogen, Justiz und Gewalt eine geistig eher nicht so…“

„… nachgewiesen habe, dass das Wort nachträglich von der Antifa mit dem Einverständnis der Weisen von Zion in die historischen Dokumente eingefügt worden sei. Steinbach habe selbst alle…“

„… nur innerhalb der historisch relevanten Periode zutreffe. Danach habe man sie nur noch als Neonazis, allenfalls als Neofaschisten zu bezeichnen, da jeder andere Tatbestand nicht korrekt im Sinne der…“

„… dass die Bezeichnung als ‚Deutsche mit nationalistischem Hintergrund‘ nicht mit den Zielen der Bewegung zu vereinbaren sei. Höcke sei der Ansicht, dass jeder echte Deutsche einen…“

„… nicht darum gehe, politische Korrektheit als Kampfbegriff gegen die Vaterlandszersetzer zu etablieren, die schon längst eine Zerstörung des jüdisch-christlichen…“

„… als Volksverhetzung bezeichnet habe. Die AfD wolle einen Gesetzentwurf in den Deutschen Bundestag einbringen, der die Begriffe ‚Nazi‘ und ‚rechts‘ für in vierter Generation deutschblütig arische, weißhäutige und in den Grenzen des Reiches von…“

„… das Konzept der Sendung keine Nazis berücksichtigt habe, um der öffentlichen Meinung keine Möglichkeit zur Kritik zu geben. Meuthen habe angekündigt, den verantwortlichen Redakteuren der demokratieversifften Hetzpresse nach der Machtergreifung ihre Judendreckfressen mit der ganzen Härte des…“

„… eine ausgewogene Diskussionsrunde angekündigt habe, die aus zwei bekennenden Holocaustleugnern bestehe und zwei Kämpfern für die Reinheit des rassischen…“

„… dass viele gewaltbereite Deutsche mit geistiger Behinderung, Störung der Impulskontrolle und Alkoholproblemen keine Schwierigkeiten damit hätten, als Nazis bezeichnet zu werden. Man könne eine Maßnahme aus politischer Korrektheit aber nicht außer Acht lassen, da diese Personen aus eigenen Mitteln nicht in der Lage seien, ihre…“

„… nur als rhetorisch überspitzte Einstiegsfrage gemeint sei. Keiner wolle anständige Deutsche als Nazis bezeichnen, man wolle nur darüber kritisch diskutieren, ob der linksvegane Mainstream, der seinen Stolz, Deutscher zu sein, noch nicht an den Islam…“

„… müsse auch auf diskriminierende Prägungen wie ‚Halbnazi‘ angewendet werden dürfen. Die sächsische Justiz wolle auf jeden Fall die…“

„… Ausnahmen geben solle. Die Bezeichnung ‚Linksfaschist‘ etwa beruhe immer auf Tatsachen und dürfe daher nicht als strafrechtlich…“





Erbsünde

18 04 2018

„Reichen denn Fingerabdrücke überhaupt?“ „Ich würde Blutproben nehmen.“ „DNA-Proben reichen auf jeden Fall.“ „Und das geht?“ „Wenn man in Deutschland geboren wurde oder hier dauerhaft seinen Lebensmittelpunkt hat, schon.“ „Und wie genau kann man die DNA-Probe in den Ausweis integrieren?“ „Kann man diese genetischen Sequenzen nicht irgendwie klein schneiden?“ „Sie meinen, damit die auf den Ausweis raufpassen?“ „Zum Beispiel, aber so genau kenne ich mich damit auch nicht aus.“

„Wir hatten damals Geruchsproben.“ „Und wo bewahrt man das auf?“ „Das wird ja ’ne Menge.“ „Jetzt, wo die langsam kapieren, dass man den Atommüll doch nicht so einfach endlagern kann, wird da unten einiges an Platz frei.“ „Aber man muss doch auch wieder ran an die Dinger.“ „Nö.“ „Wie, nö?“ „Naja, ob man die Verdächtigen jetzt zwei Tage oder ein Jahr in Untersuchungshaft lässt, bis man die richtige Probe gezogen hat, das ist doch verhältnismäßig egal.“ „Egal ja, aber eben nicht verhältnismäßig.“ „Siehste, gleich fängt er wieder an mit dem Rechtsstaat.“ „Nein, aber…“ „Siehste?“

„Wir sollten vielleicht eher die technischen Lösungen bevorzugen.“ „Weil Deutschland dank unserer geliebten Bundesregierung ein derart unglaublich hoch technisierter Staat geworden ist?“ „Um die Funklöcher herum soll’s inzwischen ja regelrecht Internet geben.“ „Woah!“ „Jedenfalls wäre es möglich, die Personen, auch wenn sie eben nicht schon durch Geburt straffällig geworden sind, dann später durch eine vorbeugende Maßnahme mit technischen Geräten auszustatten, mit deren Hilfe wir sie eines Verbrechens überführen können.“ „Auch im präventiven Fall?“ „Also vor dem Verbrechen?“ „Zum Beispiel.“ „Eher nicht.“ „Warum macht man es dann?“ „Weil’s geht.“

„Wir implantieren allen Deutschen einen…“ „Das geht nicht.“ „Da macht dann Seehofer nicht mehr mit?“ „Klar, man kann doch Bayern nicht wie normale Bundesbürger behandelt.“ „Weil das keine Bundesbürger sind?“ „Schon, aber wer mehrheitlich etwas wie Seehofer wählt, legt vermutlich größten Wert darauf, als nicht ganz normal bezeichnet zu werden.“ „Jedenfalls ist das eine Diskriminierung von Ausländern.“ „Die werden doch von dieser Maßnahme gar nicht betroffen.“ „Eben.“ „Wieso denn…“ „Weil es auch positive Diskriminierung gibt.“ „Die fühlen sich diskriminiert, weil man ihnen keine Peilsender einpflanzt?“ „Nein, aber es ist dann halt umgekehrt. Oder in der Wirkung eben das Gegenteil.“ „Aber Seehofer macht nicht mit?“ „Ja.“ „Dann ist das ja gar nicht so anders.“ „Aber es ist ein rechtliches Problem. Deutsche Gesetze gelten für alle, die sich in Deutschland aufhalten.“ „Und man darf Ausländern keine Chips in die Haut hauen?“ „Das wäre dann freiwillig.“ „Klar, man kommt ja auch freiwillig.“ „Es sei denn, man ist Flüchtling.“ „Und woanders hin kann man nicht fliehen?“

„Es käme hier auf den Aspekt der Freiwilligkeit an.“ „Bisher können Deutsche die Fingerabdrücke ja auch freiwillig abgeben.“ „Weil ihnen bis auf die Staatsangehörigkeit keine weiteren Straftaten nachgewiesen werden können.“ „Gut, aber es müsste dann eine Erklärung im Sinne der Abwehr von konkreten Gefahren geben.“ „Erbsünde.“ „Wie, Erbsünde?“ „In einem christlichen Land, das von christlichen Parteien regiert wird, ist doch dieser Begriff hoffentlich nicht fremd?“ „Nein, aber wie kommen Sie denn jetzt darauf?“ „Wenn wir das als allgemeine Verfehlung deklarieren, die alle Bürger auf sich geladen haben, können wir auch eine Zwangsmaßnahme als freiwillig verkaufen.“ „Sie meinen, es gibt noch einen freien Willen?“ „Das würde ich jetzt so nicht sagen, aber…“ „Da müssen dann die Personen, die sich für längere Zeit in Deutschland aufhalten oder sich hier niederlassen wollen, eine Entscheidung treffen: sind sie freiwillig hier?“ „Und wenn ja?“ „Dann müssen sie auch mit den Konsequenzen leben.“ „Und wenn sie nicht freiwillig hier sind?“ „Dann handelt es sich möglicherweise um ein Verbrechen, und da sind alle Mittel recht, um das aufzuklären.“

„Man kann doch nicht von allen Touristen DNA-Proben nehmen.“ „Sie werden das schon freiwillig tun müssen, und das ist dann eben äääh… freiwillig.“ „Könnten wir nicht erst mal gucken, ob das mit den Fingerabdrücken überhaupt irgendwas bringt?“ „Was soll das denn bringen?“ „Dann bräuchten wir auch keine Speichelproben und keine DNA und sonst auch nichts.“ „Brauchen wir auch nicht, bringt ja auch nichts.“ „Aber warum macht man das dann?“ „Der Bürger gibt uns halt freiwillig eine Speichelprobe, damit er in seinem eigenen Land mit seinem eigenen Fahrrad in einen Supermarkt fahren und von seinem eigenen Geld Kartoffeln kaufen kann.“ „Klingt ein bisschen wie Schutzgelderpressung.“ „Ist aber freiwillig.“

„Das wahre Problem sind doch nicht die Fingerabdrücke.“ „Sondern?“ „Vermutlich, dass wir nicht alle freiwillig unsere Geruchsproben aus dem Stasi-Archiv mitgenommen haben.“ „Sie etwa?“ „Ach was. Biometrische Fotos.“ „Gibt’s die nicht schon?“ „Eben.“ „Ach so.“ „Na, ist ja interessant.“ „Eben, finde ich auch.“ „Obwohl…“ „Was denn?“ „Wenn biometrische Fotos viel gefährlicher sind, dann können die Leute doch eigentlich auch noch ihre Fingerabdrücke abgeben.“





Verstörungsstelle

17 04 2018

„… ein Hilfegesetz einführen wolle, nach dem alle Patienten psychiatrischer Einrichtungen erfasst werden sollten, um keine weiteren…“

„… nur für Bayern gelte. Da im Freistaat eine andere Definition von geistiger Gesundheit gelte, müsse man keine schlimmeren Folgen als den…“

„… als niederschwelliges Serviceangebot angesehen werde. Bereits eine Erstberatung bei der psychosozialen Hilfe könne mit einem Eintrag in die Liste unterstützt werden, die ihrerseits dann an die anderen Überwachungsbehörden Im…“

„… klar sein müsse, dass die Eintragung in der Liste der Verstörungsstelle nicht kostenlos sei. Ein offizieller Gebührenbescheid werde daher umgehend an die Verdächtigen geschickt, es sei aber nicht geplant, damit auch Ansprüche auf therapeutische Leistungen gemäß des…“

„… von einer schweren psychischen Störung befallen würden, wenn sie bereits vorher eine ausgeprägt antisoziale Persönlichkeit besäßen. Die CSU-Spitze sei geradezu mustergültig für diese Kombination, die im Zusammenspiel mit Drogen eine weitere…“

„… bekannt sei, dass zahlreiche Gewalttäter zuvor vergeblich in therapeutischer Behandlung gewesen seien. Eine Katalogisierung der geistig und seelisch auffälligen Personen diene daher ausschließlich der öffentlichen…“

„… in einer weiteren Stufe des Gesetzes auch Verdachtsfälle aufgenommen werden könnten. Diese seien jedoch zunächst nur von autorisierten Personen aus den Behörden sowie den zuständigen Abschnittsbevollmächtigten zu erstatten, die Nachbarschaft der betroffenen Personen könne erst nach einer Übergangsfrist im nächsten…“

„… dass es bei der Sicherheitsfrage vorwiegend darum gehe, die Patienten vor sich selbst zu schützen. So wolle man Suizid damit zwar nicht verhindern, könne aber im Nachgang eine leichtere Einordnung des…“

„… nur fünf Jahre lang gespeichert werden sollten. Danach habe sich das Problem in den meisten Fällen…“

„… die gesetzlichen Krankenversicherungen nicht freiwillig herausgeben würden. Da sie aber durch das Gesetz gezwungen würden, die Daten an den Freistaat Bayern zu überlassen, würden sie dies auch mit einem gewissen Betrag für die…“

„… sofort den Führerschein zu entziehen habe. So dies den Verlust des Arbeitsplatzes zur Folge habe, müsse man direkt mit einer Schutzhaft des…“

„… nicht jeder, der gewalttätig sei, auch unter einer psychischen Störung leide, was man daran sehen könne, dass die meisten Gewalttäter vorher nicht in einer psychiatrischen…“

„… die Liste der Diagnosekriterien dringend überdacht werden müsse. So seien endogene Depressionen und Burnout-Syndrom enthalten, nicht aber vorsätzlich linke Gesinnung, absichtliches Fernbleiben von der Heiligen Messe und eine…“

„… zu einem spürbaren Rückgang gekommen sei. Allein in München hätten drei Fachärzte für klinische Psychiatrie ihr Praxen verloren, da es keine diagnostizierten…“

„… das Gesetz rechtfertigen könne. Der fehlende Vorrat an Patienten in den kommunalen und Landeskrankenhäusern sei jedoch durch die Vereinfachung von Zwangseinweisungen mehr als ausreichend und könne sich wirtschaftlich sehr positiv auf die…“

„… den Straftatbestand der vorsätzlichen oder fahrlässigen Selbstgefährdung schaffen wolle, der aber nur auf Landesebene gelte. Damit sei es möglich, volksschädliche Elemente auch ohne geheimdienstliche…“

„… vereinzelt nachgewiesen habe, dass sich bayerische Patienten wegen einer depressiven Störung in Baden-Württemberg hätten therapieren lassen. Dies widerspreche natürlich der sicherheitstechnischen Grundausrichtung des…“

„… psychisch auffällige Kinder bereits vor der Strafmündigkeit in den Jugendmaßregelvollzug überführen könne. Da dies nicht als Haftstrafe gelte, sondern der Erhaltung der psychischen Gesundheit diene, sei ein unbegrenzter Aufenthalt bereits im Alter von…“

„… noch zu klären sein solle, ob eine freiwillige Einweisung sich positiv oder strafverschärfend auf die…“

„… nur für Alkoholabhängige gelte. Anderer Substanzmissbrauch, der verboten sei, da es sich um illegale Substanzen handele, müsse auch in der Neuregelung als…“

„… diene die Aufzeichnung auch der Erstellung von belastbarem Forschungsmaterial über die Auswirkungen psychischer Erkrankungen. So sei ein Zusammenhang zwischen Autismus und Bankraub noch vollkommen unerforscht, auch etwaige Korrelationen von Multipler Sklerose, Atheismus und…“

„… ein Abgleich der Listen mit Facebook und Amazon nicht vorgesehen sei. Lediglich die Bundesagentur für Arbeit könne sich eine regelmäßige…“





Nicht pflegeleicht

16 04 2018

„So, dann kommen wir mal zur Prüfungsfrage. Der Patient hat sich in den Finger geschnitten, Sie haben drei Dinge zur Auswahl. Ein Pflaster, ein Glas Essiggurken, eine Zahnbürste. Was tun Sie?

Jetzt machen Sie hier mal nicht auf dicke Hose, das ist doch eine klare Sache. Sie haben mit voller Absicht auf die Zahnbürste gezeigt, da darf man doch von einer gesellschaftsschädlichen Absicht ausgehen, oder? Also im Sinne eines bedingten Vorsatzes, wenn Sie es genau wissen wollen. Sie müssen sich immer klar machen, als Erwerblose sind Sie in Deutschland nicht so gerne gesehen, wenn Sie zu viel wissen. Wenn Sie zu wenig wissen oder so tun, fallen Sie nicht weiter auf, aber diese Tour, das System absichtlich zu torpedieren, das kommt gar nicht gut an.

Wir hatten ja schon diverse Bewerber hier, und wir hatten auch schon diverse Durchgänge. Bei der jetzigen Verteidigungsministerin, die war ja eher auf Kanonenfutter eingestellt, aber das kann auch sein, weil sie vorher Soziales und Familie gemacht hat, als Konservative kriegt man da gerne mal einen Hau, also im Klartext: da kriegten Arbeitsscheue vorher noch einen Kurs, wie man sich den Kittel anzieht. Den Scheiß können wir uns angesichts der aktuellen Personalunterbesetzung natürlich nicht mehr erlauben. Sie sollten sich also ein bisschen sensibilisieren für unsere finanziellen Ziele.

Natürlich ist das ein gesamtgesellschaftliches Problem, da haben Sie durchaus Recht. Als Bürgerin, die eine Transferleistung für Abgehängte kassiert – nehmen Sie mir das nicht übel, wir wissen schließlich beide, wovon wir sprechen, der Kostenträger hält Sie für ein asoziales Stück Scheiße, der Arbeitsmarkt hält Sie für ein asoziales Stück Scheiße, die Sozialversicherungen halten Sie für ein asoziales Stück Scheiße, und ich halte Sie auch für ein asoziales Stück Scheiße, so ein Arbeitsunfall ist nie selbst verschuldet, schließlich haben Sie mit Ihrer langjährigen Beschäftigung mehr als einem Dutzend Erwerblosen den Job weggenommen, da sollten Sie einfach mal demütig sein und die Fresse halten – also wie gesagt, wir sind ein Rechtsstaat, und das heißt im Klartext: wir haben einen Ermessensspielraum, Sie haben ein Problem. Soweit klar?

Das gesellschaftliche Problem besteht darin, dass wir Ihnen rein theoretisch sogar die Pflege Ihrer Angehörigen bezahlen müssten, wenn Sie die denn auf Grund eines gesetzlich garantierten Anspruchs durchsetzen wollten. Also noch mal im Klartext: Sie liegen zu Hause auf der faulen Haut, und nur weil Ihre demente Alte plötzlich gaga wird, wollen Sie auch noch Kohle dafür, was Sie für den Rest der anständigen Menschen in diesem Land, die Ihnen Ihre Miete zahlen, umsonst leisten könnten. Ich meine, das ist natürlich nicht durchzusetzen, wir haben mittlerweile eine Kuschelrepublik, wo jeder mit seiner Qualifikation sagen darf, was er gerne machen will, Streichelzoo, Ponyhof, Supermodel, und dann kommen auch noch diese Arschlöcher vom Bundesverfassungsgericht und geben denen Recht – wir sind ja wirklich bald in der DDR, wo jeder machen konnte, was er wollte, solange es der Führer nicht mitkriegte. Nerven Sie mich nicht mit historischen Details, Fräuleinchen, das zieht bei mir nicht. Ich bin auch Biodeutscher, und das hängt mir langsam zum Hals raus. Die Leute in diesem Land werden zusehends wie Menschen behandelt, das kann nicht mehr lange gut gehen.

Dass Sie im Transferbezug Pflegegeld kriegen, ist zwar skandalös, aber das lässt sich leichter in den Griff kriegen. Wir stellen einfach die Zahlung ein, obwohl wir wissen, dass Sie ein schweres Problem haben. Es ist auch nur eine Teilzahlung, die auf Ihre Bezüge angerechnet wird, und wir wissen, dass Sie in einem gesundheitlichen Zustand sind, in dem jede willkürliche Sanktion Ihre Existenz gefährden kann. Das ist wie Lotterie, nur viel aufregender.

Wie gesagt, Sie hatten sich auf Anraten der Bundesagentur freiwillig gemeldet, um einen Platz in der Pflegedienstleistung der Bundesagentur… – Das wussten Sie nicht? Schauen Sie mal, Leiharbeit ist out, wir machen das direkt, der Kostenträger ist beteiligt an den öffentlichen Pflegeeinrichtungen, und dadurch sparen wir eine Menge Geld. Sie arbeiten zwölf Stunden pro Monat und kriegen dafür genau die hundert Euro, die wir Ihnen wegen dieser linken Meinungsdiktatur in der Regierung und in Karlsruhe leider nicht mehr wegnehmen dürfen, im Klartext: Sie arbeiten, nehmen anderen qualifizierten Erwerbstätigen, die leider nur noch nicht ihren Arbeitsplatz verloren haben und auf diese Art der Volkswirtschaft einen erheblichen Schaden zufügen, denen nimmt ein asoziales Stück Scheiße – Sie haben es inzwischen wohl gemerkt, wir formulieren das geschlechtsneutral, damit wir einem asozialen Stück Scheiße wie Ihnen nicht auch noch einen Grund zur Klage bieten – denen nimmt ein asoziales Stück Scheiße natürlich immer einen Job weg. Gewöhnen Sie sich an die Denke. Das sind nur zwölf Stunden, da werden wir keine Vermittlungserfolge riskieren, auch nicht bei Ihnen, weil Sie nach dem Unfall und den…

Kauffrau im Gesundheitswesen? wollen Sie die Volkswirtschaft absichtlich zerstören, oder was!?“





Rechtsfreidrehend

15 04 2018

Jetzt haben wir es endlich begriffen: konservativ ist, wenn man nicht nur keine Ahnung hat, immer diese ganzen Zusammenhänge nicht kapiert und deshalb sowieso mal Recht hat. Markus Söder, die Antwort der CSU auf das Thema künstliche Intelligenz, löst das Problem mit den vielen rassefremden Kindern in Bayerns Bildungsanstalten – vermutlich eher auf den Pausenhöfen, im Klassenzimmer wird er sich seltener herumgetrieben haben – auf geniale Art. Er will nur bestimmten Zuwandererkindern regulären Unterricht erlauben. Etwa dann, wenn sie bereits die Deutschkenntnisse besitzen, die später sie erst erwerben sollen. Oder in der Flüchtlingsunterkunft schon das Werteverständnis erworben haben, das im Freistaat höchstes Bildungsziel ist. Dummerweise vergisst der Ministerpräsident, der seinen Kumpels Scheuer und Dobrindt gern den Lack wegsäuft, dass in der Bundesrepublik immer noch die allgemeine Schulpflicht gilt. Schade. Jetzt kann er gar nicht mehr gegen die bösen Flüchtlinge hetzen, die sich einfach nicht integrieren wollen und damit den Bildungsmangel, wie er sich in der CSU-Spitze geradezu exemplarisch auftürmt, aus reiner Bosheit verschärfen. Wenn Rechte freidrehen, drehen sie es halt so hin, dass es, was sie allen anderen stets vorwerfen, rechtsfreie Räume gibt. Alle weiteren Anzeichen, dass ein Rechtsstaat für Rechte einfach viel zu komplex ist, wie immer in den Suchmaschinentreffern der vergangenen 14 Tage.

  • erlebnisorientierte jugendliche: In der Notaufnahme soll’s ja auch voll spannend sein.
  • atom müll in den marianengraben: Wenigstens haben wir dann alle etwas davon, wenn die Fässer leck schlagen.
  • besserverdiener: Jedes Mal, wenn ich einen vor mir habe, sage ich mir: ich verdienen auch etwas Besseres.
  • spahn bild: Toten Fisch wickelt man auch nicht in jeden Dreck, aber…
  • spahn minister: Auch von einem kleinen Podest kann man gewaltig auf die Fresse fallen.
  • spahn integrationsunfähig: Haben die Nazis sich beschwert, dass er sich zu sehr anpasst?




In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (CCCLXXXVIII)

14 04 2018

Wenn Gyula den Weizen in Mesch
sich vornimmt, sagt er: „Was ich dresch,
ist gar nicht erheblich,
doch ist es schon löblich,
Hauptsache, ich wirk dabei fesch!“

Abdallah, der stöhnt in Remeil:
„Die Nägel, die ich täglich zähl
als Lehrling, verwirren
mich mehr als die Irren,
so dass ich die Zahl stets verfehl!“

Dass Rezső sich in Großmorast
beständig an die Nase fasst,
ist einerseits peinlich
und wirkt auch nicht reinlich.
Der Gattin wird er so zur Last.

Hat Minni genäht in Karkaudsch,
spricht er: „Wenn ich dies Leder knautsch,
wird’s weich und geschmeidig.
Für Hosen, das meid ich,
es taugt dann gut auf eine Couch.“

Dass Béla den Traktor in Saad
ganz schnurgerade fuhr bei der Mahd,
lag nicht an Gewandtheit –
es war auch das Land breit –
er folgt nur dem gespannten Draht.

Es nieste der Pepi in Schöder
im Hühnerstall bei einer Feder.
Das Leiden, das kindlich
erwarb er, empfindlich
brach’s aus bei den Federn. Bei jeder.

Da Sándor sich oft in Neuriß
des Nähens mit Zwirnen befliss,
passierte es ständig,
dass er sich einhändig
zerstach und den Faden zerbiss.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CDIX): Die Unterschreitung der Individualdistanz

13 04 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es muss nicht zwingend im Pleistozän begonnen haben, aber damals gab es halt noch keine Tram. Die Hominiden lagerten um das nach diesem Zweck benannte Feuer, beschützten sich gegenseitig und reihum, betrieben einen Großteil der Körperpflege in gemeinsamem Verbund und nahmen Mahlzeiten aus obskurem Krimskrams so gut wie aufeinander hockend ein, kurz: ein bisschen wie Japaner, nur ohne diese abstoßend süßliche Popmusik. Manchmal brach einer aus, rannte für ein paar Tage in die Steppe, um nicht komplett durchzudrehen, aber auch das war schnell erledigt. Die typischen Beutetiere waren daran gewöhnt, von mehr als einer mangelhaft behaarten Grützbirne angegriffen zu werden, und so war auch die Jagd fest verlötet im Programm des Nacktaffen: nicht allein, es sei denn, man hatte nichts gegen frühes Ableben mit Überraschungseffekt. Noch war die Unterschreitung der Individualdistanz fremd, denn sie blieb phylogenetisch ähnlich sinnlos wie ein Stimmzettel für Nazis.

Die Evolution hat uns zu Herdentieren gemacht, genauer: zu Kleinherdentieren, denen große Massen an ähnlich verdeppten Zweibeinern zutiefst suspekt sind, falls nicht neurologisch degenerative Zustände – Ecstasy, Krieg, CSU-Parteitage – für jähen Druckabfall unter der Schädeldecke führen. Wo die Hirnlappen plötzlich frei schwingen, wird ja keiner auf den Gedanken kommen, seine DNA sei für die Arterhaltung notwendig. Doch der gemeine Bürger auf durchschnittlicher Lebensbahn verteidigt sein Revier auch da, wo er keins mehr hat, weil es eben keins mehr gibt. Großraumbüros, Radwege, auf denen der Besserverdiener auch mit dem SUV parken kann, die Schnellbahn zwischen halb sieben und halb neun, wir sind förmlich in eine Büchse gepfercht, die durch die Fährnisse des Alltags flutscht, und zwar ohne jede Chance, dass jemand sie plötzlich von außen aufzöge, uns freizulassen – was die eigenverantwortlichen Maßnahmen wie Zen oder Nationalismus angeht, Sekundenschlaf oder gezieltes Weglasern von kognitiven Zentren, es ist noch nichts so gut erforscht, als dass man es als wirksam bezeichnen könnte, und wenn, so bleibt es doch nur Trost, der eine subjektive Parallelwelt ohne die Dummdeppen da draußen beschreibt, reine Einbildung, und nichts davon könnte den Nebenmann im Vorortzug vergessen machen, der einem ständig die Ellenbogen in die Rippen drischt, um kostenlos einen neuen Gesichtsschädel zu ergattern.

Denn es handelt sich gerade hier um die am wenigsten sozial befriedete Zone, die auch mit akustischer Verblendung unerträglich wird, weil immer noch Geruch und Anblick beleidigend wirken durch ihre physische Präsenz, während sich der Normalnappel an die Vorstellung klammert, in drei Haltestellen spätestens wieder alleine zu sein. Man ist bisweilen von Idioten umgeben, ab und an von beängstigendem Volk, aber meistens verursacht einem die Umgebung einfach nur Widerwillen. Wie klug hat es die Natur eingerichtet, dass man von den Knalltüten hier und da eine Armlänge Abstand halten kann. Keiner muss sich Gründe häkeln, es ist ein Menschenrecht und gesetzlich geregelt, dass niemand uns zu nah auf die Pelle rückt.

Dennoch schwiemeln einem kulturspezifische Ausnahmen eben diese Verhältnisse entgegen. Es mag nicht besser sein, wenn man sich die Intimzone durch niedrigen Status oder Geburt in einer eher komplizierten Kultur verrammelt, um dann Abwehrmaßnahmen zu ergreifen – die Verspannung löst sich danach meist in einer unglücklichen Bewegung am Abzug, beim nächsten Kontakt mit dem Schlagring oder in der Wahlkabine, wo einem das Fremde noch einmal überdimensional auf die Zehen latscht. Warum wohl brauchen Vorgesetzte, die vor nichts Angst haben, einen monströsen Schreibtisch, patschen aber jedem Handwerker auf die Pranke auf die Schulter?

Am einfachsten, auch im Sinne der Hygiene, wäre es freilich, wir ließen einander alle los. Man kann noch einen fernen Punkt fixieren, den Dreck auf der Omnibusscheibe oder die die zweitunterste Kachelreihe in der Warteschlange vor dem Dreimeterbrett, was kein kontemplativer Ersatz ist für den Akt zwischen Flucht und Vertreibung, aber es wäre gesellschaftlich sicher besser aufgenommen als eine Massenschlägerei um die Entscheidung, wessen Fuß wann wo oben stand.

So wie man dem Bürger nicht einfach in die Bude einbricht, traumtisiert man ihn nicht wissentlich durch die moderne Zivilisation. Es sei denn, Die Folgeabschätzung kam zustande, wie sie immer entstanden ist bisher: man nahm an, es würde schon nicht so schlimm werden. Vermutlich wird die geschundene Menschheit ihre seelischen Bedürfnisse demnächst mit einer Demonstration einfordern. Massenhaft, Seit an Seit. Was verdammt eng werden könnte.





Supermännchen

12 04 2018

05:57 – Der Wecker piept. Der Minister für Gesundheit setzt sich schlagartig auf. Die tägliche Jodaufnahme ist im Schnitt um 25 Mikrogramm pro Tag zu niedrig. Das Thema muss endlich gegen den linken Gesinnungsterror in die Medien gebracht werden. Voller Wut geht er in die Küche.

06:09 – Die Kaffeemaschine brüht nicht, obwohl sie nicht angeschaltet worden war. Spahn schmeißt die Glaskanne gegen die Küchenwand. Soll das Ding doch sehen, wer seinen Kaffee trinkt. Christliche Moral hin oder her, eine derartige Verweigerungshaltung muss bestraft werden.

06:23 – Während der Mundpflege stellt Spahn fest, dass seine neue elektrische Schallzahnbürste in China hergestellt wurde. Er beschließt ein Gesetz zur Importsicherheit für Verbraucher, weil nur noch ausländische Erzeugnisse in Deutschland verkauft werden. Die Kampagne Vaterland, wehr Dich gegen die Volkszerstörung will er im Laufe des Vormittags mit Julian Reichelt besprechen.

06:33 – Der Müllwagen fährt durch Spahns Straße. Der in manchen Hinterzimmern des Münsterlands weltbekannte Politikexperte reißt die Fenster auf und kreischt, dass es nichts mit Recht und Ordnung zu tun habe, wenn dieses unterprivilegierte Prekariatspack zu dieser Uhrzeit bereits die bediene, die keine weltbekannten Politikexperten seien. Er schleudert eine chinesische Terrakottafigur nach den Entsorgern.

06:56 – Schlagartig wird Spahn bewusst, dass die Sonne auch für Bundesbürger aufgeht, die das Grundgesetz für ihre linksgrüne Hetze benutzen. Er ruft seinen Privatsekretär an, der ihn mit dem Morgenmagazin verbinden soll, um diese kryptokommunistische Vaterlandszerstörung zu unterbinden.

09:30 – Noch immer keine Antwort. Jens Spahn kann sich nicht mehr länger mit dem arbeitsscheuen Abschaum dieser versifften Trümmerrepublik aufhalten, er muss das Land retten. In wenigen Minuten entwirft er ein Manifest, das Hartz-IV-Empfängern den Anbau von Kräutern und Gemüse im Balkonkasten verbietet, um den Faulenzern keinen gesundheitlichen Vorteil gegenüber der erwerbstätigen Schicht zu ermöglichen. Julian Reichelt verspricht unter Die Grünen-Schweine – züchten wir uns die Bio-Waffen im eigenen Reich? eine zehnteilige Volksaufklärungsserie.

09:37 – Im Taxi wird Spahn von einer roten Ampel ausgebremst. Er kurbelt die Fenster herunter und beschimpft die Fahrer auf den anderen Spuren als untätiges Gesindel, das Recht und Ordnung in der Bundesrepublik zu zerstören vorhabe.

09:46 – Der Fahrer hat die Rücksitze grob von Spahns Körperflüssigkeiten gesäubert und setzt ihn am Spreebogen ab. Der Minister für eigene Angelegenheiten hält eine längere Rede, um die Gefahren des Sexualkundeunterrichts für die christlich-jüdische Moralpolitik zu unterstreichen. Keiner würdigt ihn eines Blickes.

10:29 – Die Wachmannschaft vor der britischen Botschaft nimmt den keifenden Passanten mit dem schütteren Haar zunächst nicht zur Kenntnis. „You drag pig must German speak“, brüllt er. „We are here in Germanland and you have German to speak!“ Spahn beschließt, demnächst ein deutsch-fremdländisches Wörterbuch zu kaufen.

10:49 – Kurz vor dem Erreichen des Reichstages wird Spahn von einem Reporter aufgehalten. Der Berichterstatter will von ihm wissen, ob die Ausdünnung der Notfallversorgung nicht der gesetzliche Vorlage für eine bessere Versorgung im Notfall zuwiderlaufe. Der Bundesminister für so Sachen, wo keiner wissen will, tritt nach ihm und kündigt ein Gesetz zum legalen Verkauf von Sachen an, die nur noch legal verkauft werden dürfen, wenn er sie für legal halte und kaufen würde.

11:01 – Die improvisierte Podiumsdiskussion des Arbeitsnehmerflügels startet mit Spahns Appell an die deutschen Maiden, züchtige Röcke zu tragen, damit die im Gebiet der BRD GmbH lebenden Neger keine Mischlinge produzieren. Auf den lauthals geäußerten Vorwurf, Spahn sei ein U-Boot der AfD, reißt dieser den rechten Arm in die Höhe. Ein Drittel der Delegierten antwortet reflexartig mit dem Hitlergruß.

11:09 – Per SMS teilt Julian Reichelt mit, dass BILD eine zehnteilige Headline-Kampagne plant, in der den Erwerbslosen die Schuld an der Zwangsislamisierung gegeben und im Gegenzug den muslimischen Einwanderern der explosionsartige Anstieg der Arbeitslosigkeit angekreidet wird. Spahn wird das Editorial schreiben.

11:20 – In einer Pressekonferenz vor Journalisten verkündet das ministerielle Supermännchen, er werde den deutschen Pflegenotstand mit Bimbos, Niggern und Schwarzfüßen aufpolstern – sollten die Schokoschmarotzer böswilligerweise nicht aus Afrika auswandern, werde er nach der Übernahme der Kanzlerschaft ihren Kontinent persönlich zu Klump bomben. Die taiwanesischen Touristen machen ihm sehr höflich klar, dass sie Spahn für eine Knalltüte halten, bringen ihre Kameras in Sicherheit und planen die Weiterreise.

11:35 – Mit einer schnellen Unterschrift tritt Spahn der Bürgerinitiative Judenfreies Europa bei. Den kostenlosen Ungarischkurs überträgt er der CSU-Bundestagsfraktion, da dort einige Mitglieder ihre Bewunderung für den Aufbruch in ein neues Europa immer noch in fremdländischen Sprachen artikulieren müssen.

11:54 – Die Pressemitteilung geht online, in der Spahn vorschlägt, Erwerbslosigkeit zur Straftat zu machen. Je mehr Straftäter, so der Minister für Sachen, die ihn intellektuell überfordern, desto weniger Subjekte entscheiden sich für eine Erwerbslosigkeit.

11:55 – Spahn kündigt an, das Konzept auf Hautfarbe, Geschlecht und Herkunftsland der Eltern zu erweitern. Kinder von Kanaken sind halt Kanaken.

12:02 – Der Fachausschuss tagt. Der Minister lässt sich entschuldigen. Er hat das Gesundheitslexikon noch nicht aus der Folie gekriegt und hält seine Redebeiträge daher für überqualifiziert.

12:27 – In einer Pressekonferenz erklärt Spahn, er werde für eine verpflichtende Gesichtstätowierung von Hartz-IV-Empfängern eintreten. Ein moderner Sozialstaat könne nur existieren durch ein klares Bekenntnis zu christlichen Werten, wobei die alttestamentarischen klar im Vordergrund stehen.

12:58 – Laut Bundesgesundheitsministerium ist der Zuckergehalt in deutschen Konfitüren zu hoch. Die Zusammensetzung sei, so der Verfasser der Studie, der Zwangsislamisierung geschuldet, die einen immer höheren Zuckergehalt als Zeichen der Annäherung an die verrohten muslimischen Sitten fordere. Spahn legt einen Gesetzentwurf vor, der den Verkauf von Brotaufstrich an alle verbietet, die nicht sieben Generationen arischer Vorfahren nachweisen können.

13:03 – In Deutschland wird zu wenig Alkohol verzehrt. Gastredner Horst Seehofer meint seinen Beitrag auf der Geburtstagsfeier eines Mitglieds der Parlamentarischen Kontrollkommission auch eher witzig (was keiner außer ihm merkt), Spahn seine Entgegnung allerdings todernst (was außer ihm auch keiner merkt). Die Aberkennung der deutschen Staatsbürgerschaft unabhängig von Alter und Geschlecht, Religion und Rasse beim Konsum von weniger als drei Litern Rohethanol im Jahr ist eine der großen Überlegungen auf dem Treffen der Innen-, Außen- und Justizminister der Bundesregierung.

13:48 – Spahn kündigt an, er werde eine Mauer zwischen Deutschland und den Sprechern dieses Englischen (oder wie das heißt), errichten, und zahlen würden die anderen. Spätestens morgen will er auch im Erdkundebuch nachschlagen, wie lang die deutsch-englische Grenze ist.

14:10 – Der Nachwuchspolitiker ärgert sich, dass eins der wichtigsten Ministerien Deutschlands in der Hand eines linksliberalen Waschweibs ist, das Sitte und Moral zu zerstören versucht. Er schreibt der Kanzlerin eine SMS. Sie soll endlich die Besetzung des Heimatministeriums überdenken.

14:28 – Spahn bricht auf zur Bundespressekonferenz. Die Besucherliste umfasst heute hundert deutsche Top-Journalisten sowie Julian Reichelt.

14:50 – Die Berichterstatter warten noch immer auf den angekündigten Retter des deutschen Volkes, der eine ganze Nation vor den Einflüsterungen der Feinde schützen soll. Offensichtlich halten sie Spahn für die Vorband. Langsam leert sich der Saal. Der Bundeslärmminister haut sich den linken Schuh ins Gesicht, um ihn zu bestrafen.

15:27 – In der Nähe der Südpanke entdeckt Spahn einen Kinderspielplatz. Er packt mehrere spielende Kinder und misshandelt sie schwer. Das faule Pack soll gefälligst arbeiten gehen, statt in der Sandkiste zu hocken.

16:05 – Es gibt in Deutschland zu wenig Kirchen. Bei einem fünfminütigen Fußmarsch durch den Wedding hat Spahn zumindest kein christliches Sakralgebäude entdecken können. Um das Verhältnis von jüdisch-christlichem Erbe und islamistischer Besatzungsmacht wieder ins Gleichgewicht zu bringen, plant er, alle Moscheen in die Luft zu sprengen. Die Kosten dafür soll der Zentralrat der Muslime in Deutschland tragen.

16:37 – Noch immer ist nicht klar, wie in der Bundesrepublik Recht und Ordnung durchgesetzt werden können. Spahns Privatsekretär teilt dem Minister per WhatsApp mit, dass es im Bioladen keinen Mozzarella mehr gibt. Der weint vor Wut, kann jedoch ohne ministerielle Unterstützung durch Ursula von der Leyen keinen Angriffskrieg auf den deutschen Einzelhandel planen.

17:04 – Eine Talkshow fragt an, ob Spahn spontan am Abend für eine Sendung einspringen kann. Da das Thema im weiteren Sinne mit Gesundheitspolitik zu tun hat, sagt er aus Termingründen ab.

17:16 – Die Ständige Impfkommission am Robert-Koch-Institut) informiert über neue Entwicklungen im Bereich der Grippeseren. Die ersten beiden Sätze sind echt voll total schwer.

17:18 – Mit einem gerollten Papier versucht Spahn, die Motorhaube seines Dienstwagens einzudellen. Diese verdammten Scheißarztscheißmedizinerärzte wird er nach der Machtergreifung alle an die Wand stellen lassen.

17:19 – Per SMS teilt Spahn seinem engsten Freund mit, dass er sich eine Turnstunde in einer nationalen Volksschule nur vorstellen kann, wenn die Jungen mit dem Deutschen Gruß die deutsche Fahne grüßen, die den deutschen Deutschen vorbehalten bleibt, während Migranten am Rand der Turnhalle zu stehen haben. Eine Antwort bleibt aus.

18:03 – Die U-Bahn kommt nicht. Spahn tritt willkürlich nach dunkelhäutig aussehenden Wartenden, die biodeutschen Fahrgästen die Sitzplätze abspenstig machen könnten. Es bedarf eines Gesetzes mit Sitzbänken nur für Weiße.

18:36 – Eine Frau mit Kopftuch erregt Spahns Ärgernis. Er pöbelt die polnische Greisin ab, sie solle doch schleunigst Deutschland verlassen, sonst könne er für nichts garantieren.

20:14 – Spahn sitzt alleine im Wohnzimmer. Er hat nichts zu tun. Vor Wut schmeißt er eine Vase in den Fernseher. Das wird denen eine Lehre sein, ihn so vorzuführen.

21:32 – Nach einer Flasche körperwarmem Gin und dreißig Zigaretten torkelt Spahn die Straße entlang. Er begegnet einer Gruppe Jugendlicher, unter denen sich einige junge Damen in kurzen Röcken befinden. Spahn kreischt sie an, Jesus sei nicht am Kreuz für Deutschland gestorben, damit jedes dreckige Flittchen ihre fetten Kackstelzen zeigt.

21:39 – Die Sanitäter sind vorschriftsmäßig schnell vor Ort. Trotz eines komplizierten Kieferbruchs, einer Rippenserienfraktur und einer schweren Hodenquetschung atmet der Minister.

05:45 – Deutschlands führendes Fachorgan für originelle Ansichten titelt ER STARB FAST FÜR RECHT UND ORDNUNG IN UNSEREM VATERLAND. Der Artikel auf den folgenden drei Doppelseiten führt aus, dass Spahn von einer Hundertschaft Islamistinnen in Burka unter Hilfe vermummter Antifa-Kinderschänder mit Schützenpanzern, Schnellfeuergewehren sowie nordkoreanischen Atomsprengkörpern bedroht worden sei. Die stundenlange Auspeitschung auf dem Potsdamer Platz, die nur durch Zufall nicht von einem Leserreporter gefilmt worden war, füllt weitere zehn Seiten der Sonderausgabe. Julian Reichelt fordert, dass fremdländische Einwanderer beim täglichen Nationalappell die deutsche Fahne nicht mehr grüßen dürften – sollten sie das schwarz-rot-goldene Judenbanner jedoch mit der Begründung missachten, weil es eben die Fahne der Systemzeit ist, dann drohten ihnen empfindliche Strafen.

05:56 – Die Pillen wirken.





Unter deutschen Dächern

11 04 2018

„Nachbarn, eins, die erste.“ Die Klappe klappte. Der Mikrofongalgen zitterte vor dem blassblauen Morgenhimmel, Siebels wippte in den Knien. „Ton läuft!“ „Und ab“, kratzte die TV-Legende, die graue Eminenz des deutschen Unterhaltungsprogramms, worauf sich alles in Bewegung setzte.

„Der Verfremdungseffekt“, erklärte Siebels und ließ den Zahnstocher vom linken zum rechten Mundwinkel wandern, „liegt ja im sozialen Sujet, und das wollen wir deutlich herausarbeiten.“ Ich begriff; zumindest hatte ich den Eindruck, etwas begriffen zu haben. „Sie wollen die Handlung auch zeigen, aber die eigentliche Bedeutung hat der Gang der Handlung.“ Er runzelte nur eben die Stirn. „Sie mögen sich mit Brecht auskennen, aber nicht mit seinen Voraussetzungen. Stellen Sie sich am besten da hinten hin, da sehen Sie gut.“ Nicht, dass er verärgert gewesen wäre. Aber er war noch eine kleine Spur kaltschnäuziger als sonst.

Zwei neugierige Mieter hatten den Bürgersteig vor der Wohnhauskolonne betreten, ein mittelalter, leicht verschlafener Herr in Sportkleidung, eine dickliche, in einen Wollmantel gehüllte Matrone mit fettig blondiertem Haar. „Weinsteins?“ Sie musste einen Moment überlegen. „Ja, das ist eine nette Familie. Er ist, glaube ich, Installateur, und sie ist zu Hause. Aber die Kinder, immer adrett und sauber, sehr angenehm.“ „Die haben kein Auto“, blubberte der unrasierte Mann in der Fußballkluft dazwischen. „Normalerweise wäscht man hier in der Siedlung am Samstag sein Auto. Die haben aber kein Auto.“ „Aber nett“, ließ sich die Blondierte wieder vernehmen, „vor allem die Kinder sind ja immer sehr nett angezogen, die Tochter hat so ein rotes Kostüm, ich glaube, es ist eine Schuluniform, aber sehr nett.“

Der mittelältere Mieter war schon zum Büdchen gezogen, das gleich öffnen musste – sicher war es die Bierflasche, die er umtauschen musste – da wandte sich die Dame an Siebels. „Die geht immer erst nach acht aus dem Haus“, zischte sie. „Die denkt wohl, wir merken das nicht, aber Holzauge!“ Sie klopfte sich geräuschvoll auf die umfangreiche Brust. „Der ist auch nur Klempner, da verdient man nicht genug, um seinen Kindern elegante Kleidung zu kaufen. Aber ich will nichts gesagt haben!“ Wie zur Abwehr hob sie die Hände. Das hatte die beiden älteren Anwohnerinnen im Hintergrund nicht gestört, bereits Aufmerksamkeit heischend in die Kamera zu winken, als müssten sie einem Unfall die passende Note verleihen. Aber vielleicht war es auch genau das.

„Sie haben den ersten Durchgang gesehen“, flüsterte Siebels, „weiter geht’s.“ „Neger“, keifte die eine, worauf die andere zusammengezuckt war. „Wir haben ja nichts gegen Neger – also im Prinzip, es muss ja jeder selbst wissen. Aber dass die hier in unserem Viertel wohnen, das ist schon schlimm. Es gibt doch so viele, die sind negerfeindlich – wenn jetzt ein Anschlag auf unsere Siedlung ausgeübt wird, dann heißt es doch gleich…“ „Vor allem“, fiel ihr die erste ins Wort, „wer kommt dann für die Schäden auf?“

Auch hier herrschte Einigkeit, dass es an den wesentlichen integrativen Maßnahmen mangelte. Man wusch seinen Wagen am Wochenende. Auf dem Balkon war augenscheinlich mehrmals eine größere Menge Wäsche getrocknet worden. „Das macht man doch nicht!“ „Aber Sie haben doch da auch einen…“ Das Gespräch war rasch beendet; es war wohl nicht nur das Gespräch am Ende.

„Nein“, erläuterte der burschikos gekleidete Jungspund, „sie passen nicht in diese Gemeinschaft. Wir haben nichts gegen sie, aber ihr Verhalten ist integrationsunfähig.“ Er sah den Kameramann provozierend an. Der blickte über den Rand seiner Brille zurück, bis unser Nachwuchsnazi begriff: die Kamera lief. Unter wüsten Verschwörungen ließ er die Szenerie zurück. „Wie gesagt“, dozierte Siebels, „wir verfremden. Es muss dazu aber klar sein, dass es für den Zuschauer auch erkennbar bleibt.“ Eine resolute Endvierzigerin mit Einkaufstasche hatte sich in den Vordergrund gedrängt, wahrscheinlich war ein Filmteam in dieser Gegend die Ausnahme und weckte ein enormes Mitteilungsbedürfnis. „Die haben diesen großen schwarzen Wagen da an der Straßenecke.“ Sie konnte sich gar nicht beruhigen. „Und das von Sozialhilfe – das weiß doch jeder, dass da keiner arbeitet!“ Jedenfalls hatte sie nie einen gesehen, der früh das Haus verlassen hat. „Sie führt erst mittags die Kampfhunde aus. Dass man das nicht verbietet!“ „Die mittags auszuführen?“ Siebels hatte sie irritiert. „Hunde? Das müssen wir von unseren Steuern bezahlen!“ „Und Sie gehen einkaufen, weil sie ansonsten berufstätig sind?“ Da mopste sie sich. „Rausschmeißen“, schrie sie noch, „diese Schmarotzer sollte man an der Grenze schon rausschmeißen.“

„Danke“, rief der Tonmann. „Sehr gut“, sagte Siebels mit tiefer Zufriedenheit. „Das reicht für heute auch aus.“ „Sie wollten doch einen Film drehen über diese Familie?“ Er schmunzelte. „Ja, auch das. Aber wie gesagt, mir reicht eine gewisse Verfremdung nicht aus.“ Er schritt auf den Eingang zu, riss den Namen vom Klingelschild und steckte das kleine Stück Folie in seine Rocktasche. „Seit Monaten schon ohne Mieter“, kommentierte er trocken. „Wer würde schon gerne hier leben – in dieser Nachbarschaft?“