Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXII): Die Verantwortungsdiffusion

4 05 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Am Anfang sah es noch recht lustig aus, wie Uga, bis zu den Knien in Schlingpflanzen, kopfüber vom Baum hing. Die Nachbarn grüßten freundlich, auch noch am zweiten Tag. Irgendwann wurde es dann ein bisschen langweilig. Nach einer Woche kamen die Kinder zum Gucken. Als nach zehn Tagen die Lianen endlich nachgaben und Uga entkräftet ins Unterholz fiel, fand er sich im trauen Familienkreis wieder. Manche waren der Ansicht, er hätte ein dickeres Fell anlegen müssen, gerade nachts und zu dieser Jahreszeit. Andere sagten, er sähe abgemagert aus, bei seinem Lebenswandel sei das auch kein Wunder. Was entstand nicht alles in dieser Sternstunde der Menschheit, Spieltheorie, schlechter Geschmack, postmodernes Management. Und natürlich die Verantwortungsdiffusion.

Einer liegt auf dem Boden, die anderen sind mit guten Ratschlägen immer dabei. Je mehr sich an die Ecke stellen, desto mehr glubschen in die Luft, auch wenn der letzte, der noch wusste, was da passiert, seit Stunden wieder verschwunden ist. Unsere Empathie ist vorwiegend dem eigenen Empfinden gewidmet, und das ist auch gut so. Nur die Tatsache, dass sie inzwischen ausschließlich Nabelschau betreibt, ist die Pickelpest, an der das Ding, genannt Gesellschaft, so krankt. Der real existierende Egoismus in einer Gesellschaft, die es nach ihrer kapitalistischen Selbstzerstörung nicht mehr gibt, ist gruppendynamisches Hallenhalma mit zementierten Regeln – alle Phasen-, sämtliche Phrasenmodelle haben sich auf dem Weg in die Grütze erledigt.

Die pluralistische Ignoranz greift tief in die Reste des individuellen Bewusstsein ein, die sich vor dem kollektiven Ersatz verkrümeln. Jeder denkt, die schweigende Mehrheit sei im Recht, weil sie schweigt, und stimme einer Sache zu, die dabei doch jeder einzelne ablehnt. So wird dem gemeinen Deppen eine Norm ins Hirn gestempelt, die er als konstituierend gutheißen, der nächsten Generation ins Lehrbuch schwiemeln und im ethischen Kanon versenken kann. Ein Grundeinkommen wird es solange nicht geben, wie die kollektive Masse meint, keiner – außer man selbst natürlich – würde dann mehr arbeiten wollen. Der Hominide ist ein Beobachter und lernt, wenn überhaupt, aus reiner Nachahmung. Im durchschnittlichen Fall äffen die Affen den dümmsten Anwesenden nach, weil seine Impulskontrollsteuerung zu wenig Arbeitsspeicher bekommt. Dass der evolutionäre Vorteil in einer auf Werkzeuggebrauch und intellektuell eingesetztem Distinktionsgewinn beruhenden Welt nur bedingt zum Tragen kommt, ist eine der Folgen, eine andere, dass das Gruppendenken auf zwei falschen Schlüssen beruht: es gibt keine Gruppen, und sie denken nicht.

Der augenfälligste Auswuchs sind grassierende Gaffer, die überall aus dem Boden wachsen, wo sich menschliches Leid ereignet. Nicht der reine Voyeurismus, der ein bisschen Reizleitungen erregt und für einen zeitlosen Moment aus seiner dumpfen Welt heraustritt, ohne sich gleich transzendieren zu müssen, sondern eine in Instinkt und Dressur längst verschränkte Tätigkeit wie ein Beerdigungsritual: der Bescheuerte glotzt sich ausgiebig am Leid der anderen satt, damit er seine eigene Unversehrtheit im Umkehrschluss bestätigt bekommt. Ihm ist’s noch mal gut ergangen. Unbarmherzige Samariter stehen sich die dicken Beine in den Bauch, wo der Rettungswagen eigentlich durchfahren müsste, und spucken Polizisten an, die das Stillleben mit brennendem Kraftfahrzeug abschotten wollen, solange noch nicht jeder ausreichend Erinnerungen ins Endgerät geknipst hat.

Die kathartische Funktion des entschlossenen Erlebens wird gerne damit entschuldigt, dass die Mehlmützen durch Anschauung des Unerträglichen den Umgang damit erlernen, als würde ritualisiertes Schau-Spiel mehr als Abstumpfung erzeugen. Doch das ist nicht der einzige Fehlschluss, der mediale Trichter vergrößert das Getöse ja noch in Richtung Sozialporno und Selbstgerechtigkeit. Wie gut, rülpst der Aufgeklärte. Wie doppelplusgut, dass wir endlich einen Mechanismus gefunden haben, der einmal pro Woche ins die Röhre reihert, dass die Verwender von Kleinsthirnen sich als Zielgruppe noch nicht total diskreditiert haben. Wenn erst die Überlegenheit des Unterdurchschnittlichen eine Wirtschaft, Gesellschaft oder, soi-disant, Kultur in den feuchtfingrigen Griff gekriegt hat, kann man den Rest auch in die Wertstofftonne kloppen. Sobald aber der Zusammenhalt alles zum Feind erklärt, brauchen wir die Leitplanken nur noch zur Zieleinfahrt: der kollektive Gewinn eines nicht einmal näher definierten Glücksspiels, das sich kaum ereignet. Aber wozu sollten wir uns dazu noch Gedanken machen. Eine Gesellschaft gibt es ja sowieso nicht.

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