Kontrollverlust

13 06 2018

„Ist doch irgendwie echt dufte gelaufen, oder? Also wir fanden’s total gut. Die Atmo und so. Das hätte uns jetzt irgendwie total betroffen gemacht, wenn es wieder eskaliert wäre. Aus dem gesellschaftlichen Standpunkt und so, ja?

Also wir finden das auch echt nicht in Ordnung, dass Personen, ich will da jetzt gar nicht gendern und so, da wollen wir echt total offen sein in jeder Beziehung, dass die jetzt so ein voll entspanntes Verhältnis zum Faschismus entwickeln. Das muss denen doch irgendwie auch total uncoole Vibrations machen, aber vielleicht sind wir dafür auch nicht sensibel genug. Wir hatten voll die schöne Kindheit, Bezugspersonen, das war irgendwie echt total gut und mega dynamisch, aber es gibt da so Formen des bürgerlichen Zusammenlebens, sorry für das Wort, aber wir finden das echt total spießig und so. Da muss man ja Nazi werden, wenn man in solchen Verhältnissen aufwächst.

Also diese Demokratiekritiker, die sich in den neuen Bundesländern treffen, die muss man ja in ihrer Motivation auch irgendwie abholen. Wir sind da total repressionsfrei in die Auseinandersetzung gegangen, also haben wir den Nazis mal ihren Alk erlaubt. Ich meine, kein Alkohol ist auch irgendwie keine Lösung, und wenn wir das gruppendynamisch sehen, also von der Sozialstruktur her, dann ist das vielleicht besser, wenn sie alle total besoffen sind. Dann werden diese Emotionen nicht mehr so sehr gehemmt, dann können die sich irgendwie auch ein Stück weit befreien und so. Und wenn die sich gegenseitig eins auf die Fresse geben, dann ist das für die auch voll gegen das System, und das kann man auch als positives Zeichen interpretieren.

Wir sind hier auch absolut antifaschistisch und so, keine Frage, aber dass man die Befindlichkeit von Nazis voll empathisch in seine Selbsterfahrung integrieren muss, um die auch im Hier und Jetzt zu begreifen. Die sind irgendwie total gehemmt, weil sie diese Unfähigkeit zu Trauern nicht verarbeitet haben. Man kann die auch als blöde Arschlöcher sehen, denen man das Licht ausknipsen sollte, aber das ist dann nicht so von der Betroffenheit her argumentiert, und da wollen wir ja schon hin. Also wir wollen denen schon Freiheit geben, das ist auch total okay, aber wenn die dann halt Systemscheiße bauen, Hakenkreuzfahnen, Hitlergruß, da muss man sich dann auch an antifaschistische Basics halten, und wenn wir dann diese repressive Sozialkritik mit eigener Repression beantworten, ist das vielleicht so dialektisch gesehen auch ein Stück weit die Erkenntnis, dass wir hier die Grenzen der Toleranz erreicht haben, die diese Leute ja auch für sich selbst schon in Anspruch genommen haben. Wir solidarisieren uns überhaupt nicht mit der Polizei, aber wir brauchen auch keine Systemkritik. Die sind total frei in ihrer Entscheidung, das muss jetzt einfach mal so sein. Wir haben denen sowieso schon gesellschaftliche Freiräume gegeben, das wäre total uncool, wenn wir dies jetzt eingrenzen würden. Das ist doch ein offenes Land hier.

Wir wollen so viele Entfaltungsmöglichkeiten bieten, dass die sich voll in unseren Diskurs einbringen. Klar können die auch voll abblocken, aber das ist jetzt irgendwie auch systemimmanent, dass wir ihre Toleranz nicht mit mehr Intoleranz erkaufen, und irgendwie wäre das auch voll spießig, wenn wir denen so eine typisch linke Moral vor die Nase halten. Das Parteiverbot für die NPD war auch nicht erfolglos, weil wir denen zu wenig geholfen haben. Aber wenn sich der Nachwuchs von denen jetzt so zerfleischt wie die NPD, dann haben wir das Problem im nächsten Jahr garantiert nicht mehr.

Wenn wir die jetzt da abholen, wo sie sind, dann haben wir auch keinen Kontrollverlust. Dass da so ein Verständnis entsteht, dass man diese Positionen auch irgendwie aushalten muss, das würden wir uns echt wünschen. Und dann kann man mit denen vielleicht im nächsten Jahr oder so konkret in einen Prozess eintreten, dass man da Workshops anbietet, Umweltschutz zum Beispiel, das finden die immer total gut, wenn die deutsche Umwelt geschützt wird, und dann kann man da so eine Form von gewaltfreiem Diskurs entwickeln. Also konkret die Entfaltungsmöglichkeiten, die demonstrieren ja auch voll oft für Frauenrechte, vielleicht können die sich ja mal dafür sensibilisieren, was das eigentlich heißt. Man muss das nicht gleich politisch angehen, eher so vom Grundsätzlichen her, was das mit uns macht, als Gesellschaft und so. Weil, wenn wir da jetzt eine Geschichtsstunde daraus machen, total pädagogisch, das ist dann ja auch irgendwie wieder angstbesetzt. Da ist die Bereitschaft zum Dialog schon sehr viel besser.

Also vielleicht ist das irgendwann auch ein Stück weit entspannter, das wäre total schön, dann könnte man sich vielleicht auch darauf einigen, nur noch jede zweite oder dritte Straftat anzuzeigen, und dann ist das hier total easy. Falls sie uns lassen. Wenn das jetzt nämlich nur so eine Tour wäre, um in Thüringen irgendwie rechte Strukturen zu etablieren, das fänden wir dann schon extrem scheiße. Aber mal ehrlich, können Sie sich das vorstellen?“

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