Dogma

2 07 2018

„Das wollen Sie mir doch nicht weismachen!?“ „Was spricht denn Ihrer Ansicht nach dagegen?“ „Dass das alles eine Wahnvorstellung ist, das weiß doch jeder.“ „Sagen Sie.“ „Und Sie suchen auch nur ein paar Spinner, die das glauben, was Sie ihnen da erzählen.“ „Das ist korrekt. Genau das ist ja das Wesen von Religion, oder sehe ich das falsch?“

„Eine Kirche der Chemtrails – Sie wollen mich wohl verarschen!?“ „Keinesfalls. Aber haben Sie schon mal ein Grundgesetz von innen gesehen? und wenn ja, wie lange ist das jetzt her?“ „Was hat denn Ihr Schwachsinn mit dem Grundgesetz zu tun?“ „Schauen Sie, wir haben hier eine Religionsfreiheit in diesem Rechtsstaat. Da lasse ich mir von Ihnen nicht vorschreiben, was Unsinn ist und was man als legitime Glaubensvorstellung bezeichnen darf.“ „Sie suchen doch bloß ein paar Trottel, die…“ „Vorsicht, wir befinden uns gerade im Bereich des §166 Strafgesetzbuch.“ „Gotteslästerung ist in Ihrem Fall doch gar nicht möglich, oder haben Sie einen Gott?“ „Dann könnte man jeden Buddhisten straffrei beleidigen, oder?“ „Hören Sie auf mit diesen Spitzfindigkeiten!“ „Sie tragen jetzt diese Gemeinschaft als religiöse Gemeinschaft ein, und dann sind wir beide zufrieden.“ „Ich denke ja gar nicht daran!“ „Müssen wir erst nach Karlsruhe?“

„Hören Sie mal, ich verstehe Sie ja, aber wir können doch nicht jeden Quatsch als Religion bezeichnen, nur weil ein paar Freaks daran glauben. Das geht doch nicht!“ „Männer in Frauenkleidern?“ „Zum Beispiel.“ „Ich denke, jetzt haben Sie ein ernsthaftes Problem mit der römisch-katholischen Kirche, aber bitte – war nicht meine Wortwahl.“ „Aber die glauben doch wenigstens noch an etwas.“ „Wir doch auch. Wir glauben, dass diese Chemtrails eine Botschaft von finsteren Mächten sind, denen wir als verantwortungsvolle Menschen widerstehen und die wir bekämpfen müssen, weil sonst das Ende der Welt droht, wie es die Schrift überliefert.“ „Das ist doch nicht ihr Ernst!“ „Ich finde das recht vernünftig. Wir haben uns beispielsweise nicht aus disziplinarischen Erwägungen die Himmelfahrt einer seit längerem verstorbenen Dame ausgedacht, die trotz etlicher Geburten noch Jungfrau ist.“ „Das ist ein Dogma.“ „Was ist ein Dogma?“ „Wenn Sie sagen: das ist so, keine Widerrede, dann ist das so. Das ist ein Dogma.“ „Okay, verstehe. Dann ist das mit den Chemtrails jetzt ein Dogma.“ „Seit wann?“ „Ich hatte eben eine göttliche Eingebung. Passiert Ihnen vielleicht eher selten, aber als Auserwählter kann ich Ihnen bestätigen, es tut nicht weh.“

„Wenn ich Sie richtig verstehe, sprechen da gerade unsichtbare Wesen durch Sie?“ „Jupp.“ „Nur mal als Frage: was rauchen Sie?“ „Das ist nicht Ihr Ernst!“ „Entschuldigung, aber Sie haben doch nicht alle Tassen im Schrank.“ „Ich sollte mal mit dem Vatikan telefonieren. Sie wissen schon, was man für die Beleidigung des Papstes kassiert?“ „Aber…“ „Franziskus soll da nicht zimperlich sein, er hat auch schon gesagt, wer seine Mutter beleidigt, kriegt eins in die Fresse.“ „Ich kann aber nicht so einfach akzeptieren, dass Sie hier auf der Basis einer bestehenden Religion einfach Ihre eigenen wirren Vorstellungen ausleben wollen.“ „Was soll das nun wieder heißen? Darf man jetzt nur noch Religionen stiften, wenn man nachweislich nicht in Konkurrenz zu anderen steht?“ „Sie könnten doch auch gleich Protestant werden oder so etwas, die sind vielleicht ein bisschen toleranter, was das angeht.“ „Sie kennen keine Protestanten, wie?“ „Ist ja auch egal, jedenfalls könnten Sie Ihren Kram mit den Chemtrails da sicher irgendwie unterbringen.“ „Dann hätte man ja das Christentum auch nicht zu gründen brauchen. Religionen gab es sicher genug.“ „Aber das waren sicher die falschen Religionen.“ „Und woran merkt man das?“ „Gott hat damals zu den Menschen gesprochen, oder irgendwie so.“ „Also gelten solche Offenbarungen nur, wenn man sie in einer vormodernen Gesellschaft und in enger Abstimmung mit der vorher schon durch Gott eingesetzten Religionsbehörde für gültig erklären lässt?“ „Ich weiß doch auch nicht, wie so etwas läuft!“ „Also Sie wollen mir jetzt ernsthaft erklären, dass Gott gar nicht zu Ihnen spricht, und trotzdem wollen Sie dann den Unterschied herausfinden können, ob es sich um eine anerkennenswerte Offenbarung handelt? Sie sind mir ja einer.“ „Dann lassen Sie Ihren verdammten Scheißdreck doch vom Papst beglaubigen!“ „Also erstens ist der nur für römisch-katholische Angelegenheit zuständig, das ist aber Allgemeinbildung. Und zweitens habe ich ja noch keine letzte Gewissheit, um welchen Gott es sich handelt.“ „Wie jetzt!?“ „Sie müssen doch verstehen, dass es sich hier um eine reine Glaubensfrage handelt.“ „Ja, jaja.“ „Und Sie wollten doch, dass wir eine mindestens im Range eines religiösen Dogmas stehende Aussage über unsere Glaubensinhalte formulieren können, oder?“ „Ich…“ „Sie müssen doch einsehen, solange wir noch nicht als Religionsgemeinschaft anerkannt sind, ist doch diese theologische Einstufung total irrelevant.“ „Ich weiß gar nichts mehr!“ „Nehmen Sie es nicht so schwer, ich habe dieselben Zweifel. Man weiß ja kaum noch, ob man es mit Gott oder dem Teufel zu tun hat.“ „Meinetwegen, geben Sie her – Stempel, Unterschrift, Sie können loslegen.“ „Besten Dank, mein Herr. Ach, wo wir gerade dabei sind: wo beantragt man denn hier die Prüfung zum Heilpraktiker?“

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