Der Alte von Ipanema

5 07 2018

„Das hält ja sonst nicht.“ Horst Breschke stakste in seiner knielangen Badehose über den Rasen zu dem kleinen Tischchen auf der Terrasse, wo sich die Tube befand. Er rieb sich kräftig die Arme ein, wobei er jede Menge Gartenerde auf der Haut verteilte. Kein Wunder, hatte er doch zuvor eine gute Stunde lang Unkraut gezupft.

Dies und die Tatsache, dass der alte Herr zu diesem Ensemble wie stets ein braun kariertes Hütchen trug, ließen mittelfristig ein Einschreiten unabdingbar erscheinen. „Sie hat wohl keinen Garten“, murrte er, „sonst hätte mir die Hausärztin nicht diesen unsinnigen Ratschlag gegeben.“ Herr Breschke hatte die Medizinerin konsultiert, da es um eine winzige Veränderung an einem Leberfleck ging, der ihm auf der rechten Schulter saß. Nichts Schlimmes, wie sie meinte, er solle sich nur immer gut eincremen bei der Gartenarbeit. „Ich habe nun wirklich alles ausprobiert“, erklärte der pensionierte Finanzbeamte. „Aber meine Frau geht mir auf die Barrikaden, wenn ich jeden Tag mit verschmierten Hemdsärmeln ankomme.“

Die Cremetube trug neben dem stilisierten Drachen aus Sonnenstrahlen und einem fetten Kind, das sich just mit der Cremetube, die den stilisierten Drachen aus Sonnenstrahlen trug, auf dem sich ein Kind mit der Cremetube… – jedenfalls war die Aufschrift eindeutig chinesisch, und so schien es nur logisch, dass Breschkes Tochter das Elixier von einer Geschäftsreise nach Brasilien mitgebracht hatte, wo es auf einem Marktstand feilgeboten wurde. Das Ablaufdatum dieser stark nach Jasmin und alten Fahrradreifen duftenden Flüssigkeit hatte sich vermutlich schon in der Sonne aufgelöst. „In Südamerika hat’s ja ganz andere Temperaturen“, sinnierte Breschke. „Und der Brasilianer an sich ist am Strand ja größtenteils unbekleidet, die wissen schon, was für eine Creme sie benutzen müssen.“ Ich stellte das Tübchen wieder auf den Tisch. „Der Brasilianer an sich hat zwar einen etwas anderen Hauttyp“, erklärte ich, „aber es gibt da eine uralte Landessitte: man cremt sich ein, und dann lässt man die Sache auch einziehen.“ Er schüttelte den Kopf. „Ich kann doch hier nicht im Liegestuhl in der Sonne warten, da schlafe ich glatt ein. Wissen Sie, wie gefährlich das ist?“

Vor meinem inneren Auge lag Breschke sanft schnarchend im Klappstuhl, ein Dutzend Damen fächelte ihm mit gemopsten Hotelhandtüchern Kühlung zu oder sorgte für ausreichend Schatten, damit der Alte von Ipanema keinen Sonnenstich bekäme. Im Hintergrund stapfte ein fettes Kind durch den Sand, das eine Cremetube mit sich trug, auf der ein stilisierter Drache aus Sonnenstrahlen abwechselnd sich selbst und viele fette Kinder verschlang. Vielleicht hatte ich aber auch nur zu lange in der Mittagssonne gestanden.

„Das Komplizierteste ist ja die Kopfhaut.“ Herr Breschke lüftete vorsichtig seinen Hut, in dessen Krempe eine verschachtelte Konstruktion aus Papiertaschentüchern und Frischhaltefolie klemmte. „Es gibt ja neuerdings Spezialprodukte gegen den Kopfhautsonnenbrand“, kicherte er, „aber ich bin ja nicht dumm. Da tut’s doch normale Sonnencreme auch.“ Also hatte er sich den haarlosen Scheitel mit der Sonnenlotion kräftig eingerieben, bevor er die Sache mit dem inneren Hutschoner aufsetzte. Um sich nicht in Schmierigkeiten zu bringen, dichtete er das Gebilde doppelseitig ab. Darin war der Alte perfekt. Auch wenn es ein bisschen mehr Aufwand mit sich brachte.

Allerdings hatte die Sache einen Haken. Diese ominöse Drachenmilch war derart dünnflüssig, dass sie gar nicht erst auftrocknete. Horst Breschke kniete nun vor dem Rosenbeet und auf dem Rasen, wobei er sich im Viertelstundenrhythmus selbst panierte, um dann wieder eine neue Schicht von der Sonnencreme aufzutragen. Immerhin hatte er noch ein gutes Dutzend Tuben im Keller lagern, das Tochterkind war wie immer gründlich gewesen beim Kauf; vielleicht gab es auch 143 Tuben zum Preis von 142, da kann man ja nicht widerstehen, zumindest nicht in Brasilien. Doch das würde nicht den ganzen Sommer lang halten. „Und ich kann doch den Garten nicht im Stich lassen, nur weil die Sonne scheint?“ „Natürlich nicht“, bekräftigte ich, „gerade im Sommer bedarf ein großer Garten der intensiven Pflege, und ich glaube, ich habe dafür auch schon die richtige Lösung. Warten Sie einen Augenblick, wir fangen gleich an.“

Anfangs weigerte er sich, in die rasch herbeigeschafften Badeschlappen zu steigen, doch beim Gedanken, dass seine Gattin ihm für die fettigen Fußspuren auf dem Flurteppich eine Strafpredigt halten würde, lenkte er schnell ein. „Und es sind nur ein paar Schritte“, besänftigte ich, „nur bis ins Bad.“ „Ins Bad?“ Skeptisch blickte er mich an. „Was soll ich da?“ „Sie können natürlich auch eine Stunde regungslos in der Sonne stehen und warten, bis das Zeug eingezogen ist, aber…“ „Und einen Sonnenstich bekommen?“ Schon lief er aufs Haus zu.

Rasch hatte Breschke sich abgebraust, die Spuren von Erde und Kosmetik gründlich beseitigt, und das bereitgelegte Unterhemd angezogen. „Man kann das waschen“, befand ich, „sogar Ihre Frau wird da nicht widersprechen. Und jetzt die.“ Ich reichte ihm seine gewohnte Strickjacke. „Sehr gut“, lobte er. „Kommen Sie, wir wollen gehen.“ „In den Garten?“ Breschke winkte ab. Er langte nach dem Haustürschlüssel und der Geldbörse. „Nein, gleich in die Drogerie. Wir brauchen eine vernünftige Sonnencreme.“

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