Science Non-Fiction

9 07 2018

„Guten Tag. Etwas zu verzollen?“ „Das geht Sie nichts an.“ „Moment mal, Sie sind auf einer…“ „Wen interessiert das?“ „Aber Sie passieren gerade die Grenze zur…“ „Ja, und?“

„Also entschuldigen Sie mal, Sie wollen doch gerade in die Bundesrepublik…“ „Sagt wer?“ „Das ist hier ein Zug, der über die Grenze von Österreich nach…“ „Erzählen Sie mir etwas, was mich gerade interessieren könnte.“ „Ich muss Sie kontrollieren.“ „Augen auf bei der Berufswahl!“ „Ich muss Sie jetzt aber wirklich kontrollieren, sonst…“ „Sonst?“ „Sonst kriege ich Ärger, und das wollen Sie doch nicht?“ „War das etwa eine Drohung?“ „Aber nein, ich wollte nur…“ „Sie kündigen also an, dass Sie den Ärger, den Ihre Vorgesetzten machen, genau so an Ihre Kontrollobjekte weitergeben? Interessant!“ „So war das doch gar nicht gemeint!“ „Also wieder nur diese typische emotionale Erpressung, wie?“ „Jedenfalls muss ich Sie jetzt kontrollieren, und dazu benötige ich zuerst einmal Ihren Ausweis.“ „Lächerlich.“ „Wie meinen?“ „Lä-cher-lich.“ „Sie zeigen mir jetzt sofort Ihren Ausweis, sonst…“ „Also nichts mehr mit Zoll? Sie suchen sich die Prioritäten Ihrer hoheitlichen Kontrollaufgaben aus, wie Sie Lust und Laune haben, ja?“ „Sie zeigen mir jetzt sofort Ihren Ausweis, sonst werfe ich Sie aus dem Zug!“ „Während der Fahrt? Ich wusste gar nicht, dass Sie dazu befugt sind. Aber bitte, zeigen Sie mal, dass Sie mehr haben als leere Drohungen.“

„Ich meine es doch nur gut mit Ihnen.“ „So viel Geld habe ich gar nicht.“ „Nein, wirklich!“ „Und das alles im Rahmen Ihrer Dienstvorschriften!“ „Ich muss doch jetzt bitten, dass Sie mir sagen, ob Sie etwas zu verzollen haben.“ „Wie das denn?“ „Der Zug ist doch gleich in Deutschland, und da muss ich dann eine…“ „Ich reise doch gar nicht ein, wie soll ich dann etwas verzollen?“ „Sie haben diesen Zug bestiegen in der klaren Absicht, in die…“ „Ach, Gedanken lesen können Sie auch noch? Da sind Sie ja ein echter Glücksgriff für den Zoll.“ „Sie müssen doch vor dem Passieren der Grenze zur…“ „Hören Sie doch mal auf mit diesem Gefasel – ich passiere keine Landesgrenze, ich bin auf einer fiktionalen Nichteinreise.“ „Auf einer…“ „Nichteinreise. Damit überquere ich keine Grenze, muss nichts verzollen, brauche keinen Ausweis, und Sie dürfen jetzt wegtreten.“ „Was ist denn eine, also was Sie da gerade, diese Nichteinreise, was ist denn das?“ „Eine Nichteinreise ist, wenn man nicht einreist, verstanden?“ „Ja.“ „Dann ist ja jetzt alles klar.“ „Aber das heißt doch, dass Sie jetzt gar nicht im Zug sind?“ „Ich will Ihnen nicht zu nah treten, aber nehmen Sie es als guten Ratschlag: versuchen Sie es nicht mit Philosophie, die Dienstvorschriften sind für Sie schon kompliziert genug.“ „Aber diese Einreise, also wenn man nicht einreist, das ist doch dann nur für, wie sagt man…“ „Asyltouristen.“ „Ich habe das Wort nicht benutzt!“ „Habe ich auch nie behauptet.“ „Aber Sie sind doch kein Asyltourist, oder?“ „Haben Sie schon mal einen gesehen?“ „Nein.“ „Das passt. Es haben ja auch immer alle Angst vor Ausländern, die nur alle drei Wochen mal einen im Fernsehen entdecken.“ „Sie sehen aber auch nicht aus wie einer.“ „Wie sehe ich denn aus?“ „Normal halt.“ „Also sind die alle unnormal?“ „Das habe ich ja gar nicht gesagt!“ „Doch.“ „Dann habe ich es aber nicht so gemeint.“ „Und deshalb haben Sie es so gesagt?“ „Sind Sie jetzt so ein Asyltourist oder nicht!?“ „Erstens schreien Sie mich gefälligst nicht so an, und zweitens, wer von uns beiden ist denn beim Zoll?“ „Ich weiß es doch auch nicht!“

„Wie stellen Sie sich denn den typischen Asyltouristen vor?“ „Schon irgendwie asylmäßig.“ „Wie sieht denn das aus?“ „Mehr wie ein Tourist.“ „Dann könnte also jeder ein Flüchtling sein?“ „Das weiß ich nicht.“ „Haben denn Touristen ihre ganze Habe dabei?“ „Eher nicht.“ „Das heißt, Sie können die Touristen und die Flüchtling schon ganz gut auseinanderhalten?“ „Wir haben hier ja kaum welche. Also Flüchtlinge.“ „Aber ich könnte doch theoretisch einer sein.“ „Das glaube ich nicht.“ „Ich sehe nicht aus wie ein normaler Tourist?“ „Wenn ich es recht bedenke, dann…“ „Also wäre es möglich, dass ich gerade eine Nichteinreise vornehme mit dem Grenzübertritt?“ „Ja, aber…“ „Was fehlt Ihnen denn noch?“ „Wenn Sie jetzt nicht einreisen, dann reisen Sie doch aber aus?“ „Nein.“ „Wieso das denn jetzt schon wieder nicht?“ „Wenn ich hier fiktional nicht einreise, habe ich dann die Grenze passiert?“ „Nein, aber…“ „Wenn ich die Grenze nicht passiert habe, dann bin ich auch nicht ausgereist. Fertig.“ „Aber dann kann ich Sie doch trotzdem kontrollieren?“ „Wie kommen Sie denn darauf?“ „Falls Sie etwas zu verzollen haben.“ „Eben war es doch noch der Personalausweis?“ „Ja, der auch. Aber wenn Sie gar nicht einreisen, dann…“ „Dann könnten Sie höchstens meine Papiere kontrollieren.“ „Warum?“ „Weil man dazu keine Grenze passieren muss.“ „Haben Sie denn überhaupt Papiere?“ „Ja.“ „Darf ich die denn bitte einmal sehen?“ „Ich bin EU-Bürger.“ „Das glaube ich Ihnen nicht.“ „Also bin ich jetzt schon mit sehr viel höherer Wahrscheinlichkeit ein Asyltourist?“ „Jetzt zeigen Sie mir doch endlich den Ausweis, dann können wir das endlich…“ „Na gut, wenn es Sie glücklich macht – bitte sehr.“ „Sie sind Deutscher?“ „Macht das irgendeinen Unterschied?“ „Wenn Sie das gleich gesagt hätten, niemand hätte Sie für einen Asylanten gehalten. Ein Deutscher, der kann doch kein Flüchtling sein.“ „Warten Sie mal ab…“

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