Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXXII): Der Doppelstaat

13 07 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Natürlich ist das Problem schon älter. Während Uga seiner Sippe Zurückhaltung und Keuschheit predigte, knallte er sich regelmäßig im Rat der Alten die Birne mit vegorenen Grünbeeren zu. Kaum waren die Ägypter am Ruder, passierte es wieder. Dufte Pyramiden für die Könige, die sich vorsichtshalber zu Göttern erklärten, das gemeine Volk verscharrte seinen Biomüll im Wüstensand, weil die religiösen Bauvorschriften es so vorsahen. Die Päpste waren noch nicht als international renommierte Laienspieltruppe einer aufstrebenden Verschwörungstheorie bekannt, schon machten sie sich ans Werk: hübsche Spenden ans Baugewerbe, der Rest durfte den Schmodder mit Wallfahrten wieder in die Kasse kloppen. Was hier als ethisch geboten schien, verkam auf der anderen Seite des Tisches zur Lachnummer. Mit der Entwicklung des Staates als Keimzelle der Verwaltung wurde das Problem elegant gelöst. Schnell formuliert man die Rechte des Untertanen auf bröselndem Papyrus, dann ist die Sache gegessen. Zumindest für den Doppelstaat.

Die Sache zerfällt, wenn man sie richtig fallen lässt, in zwei Bestandteile, die nicht mehr viel miteinander zu tun haben. Dafür sorgt der totalitäre Geist, der in beiden spukt. Der Normenstaat ist die Veranstaltung von und für Schlafmützen mit Demokratieseepferdchen: so hübsch dürfen alle noch wehren, natürlich kann man gegen die Verhaftung noch rechtlich vorgehen – wenn man sie zufällig überleben sollte – und nichts würde sich mit dem plötzlich ausrollenden Faschismus in den Supermärkten ändern. Es gäbe statt Äpfeln und Birnen als Alleinobst immer noch Südfrüchte aus komplett islamisierten Feindstaaten, denn der Kapitalismus will ja auch leben, und wer würde diese Braunalgen über Wasser halten, wenn nicht die Turbokapitalisten? Wie der Fahrplan der Vorortzüge und die Luftballonaufblasverordnung bis in alle Ewigkeit gültig sein werden, so wird auch der Normenstaat seine stur regulierende, auf Teufel komm raus unideologische bis taubblinde Ordnung beibehalten. Krieg ja, Synagogen gerne anzünden, aber wer im absoluten Halteverbot parkt, der braucht einfach den Schlagring.

Davon unterscheidet sich der Maßnahmenstaat. Der Beknackte wundert sich, dass nach einer Nacht mit Nebel plötzlich rings um ihn die Wohnungen frei sind – so schnell kann’s gehen, und er denkt ja nicht nach, sonst träfe es am Ende ihn. Natürlich sind die Umsiedelungsbemühungen der anderen – wer weiß auch, wohin sie gegangen sind – ein bisschen schwer zu verstehen, aber da müssen wir ja alle durch. Die Hauptsache ist, der Staat tut etwas. Mauern bauen mit Selbstschussanlage, ein paar Tatverdächtige in Stammheim wegballern, Demos für den Normenstaat mit dem Wasserwerfer auflösen, dem Staat fällt schon etwas ein. Da ist der Staat enorm erfinderisch.

Der Maßnahmenstaat jedenfalls, der im Gegensatz zum Normenstaat nicht immer mit dem Grundgesetz unter dem Arm herumläuft. Natürlich hat er ethische Grundsätze, nur eben austauschbare, und er hält sie äußerst hoch, deshalb schont er sie, wo er nur kann. Der Maßnahmenstaat ist im permanenten Ausnahmezustand, wird angegriffen und von Feinden bedroht. Ist das nach objektiver Betrachtung einmal nicht der Fall, dann sorgt er schon dafür, dass er angegriffen wird – oder dass es so aussieht. Seine erfinderische Kompetenz schafft sich Gegner, quasi aus dem Nichts, pustet eine nicht vorhandene Tatsache zur Gefahr im Verzuge auf, erfindet Widersacher in Form perfider Religionen, die mit immer denselben Mitteln wehrlose Staaten zerstören wollen, Menschenmengen wildfremder Nation, die nur deshalb überhaupt sich vermehren, um das eigene Land in den Boden zu stampfen, er imaginiert aus seinem trüben Geschwiemel fleißig Parasiten, deren einziges Ziel scheint, den Wirt zu töten.

So verlockend es scheinen mag, dass die Norm auch am Abgrund noch gilt, dass der Strom aus der Steckdose kommt und die Züge noch rollen, so unklug wäre es für die unbedarften Grützbirnen, sich leidenschaftslos anzupassen. Aber ja, würden sie später sagen, es mag gewisse Anzeichen von Diktatur gegeben haben, es war normal, dass eines Tages kein Person bestimmter ethnischer Gruppen mehr zu sehen war, aber wir waren natürlich immer dagegen. Nur der Maßnahmenstaat hat sie daran gehindert, sein Recht ist das Recht des Stärkeren und schert sich nicht um Grundsätze. Wie sozial ist, was Arbeit schafft, ist Recht, was für Recht befunden wird von der Interessengemeinschaft, die auch das nötige Einfühlungsvermögen besitzt, um das gesunde Volksempfinden zu definieren. Der gefährliche Irrtum, dass die Maßnahmen des dafür vorgesehenen Konstruktes ausschließlich andere treffen, bezahlen genug der eigenen Leute mit dem Leben. Und das war der Plan. Es gibt keine Norm, wenn die Unnormalen regieren wollen. Und es ist immer nur eine Frage der Zeit, wann der eigene Maßnahmenstaat unter fremden Maßnahmen bricht.

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