Les Misérables

18 07 2018

„Und das bringen die?“ „Ich nehme es doch stark an.“ „Gucken Sie sich das Fernsehprogramm an, dann wissen Sie auch, warum.“ „Sommertheater?“ „Wohl eher Sommerloch.“ „Die Bundesregierung?“ „Meine Güte, warum denn nicht?“ „Gut, dann eben die Bundesregierung. Aber als Musical?“

„Die Hauptsache ist doch, dass wir die Rollen vernünftig besetzen.“ „Dann dürfen Sie keine Politiker nehmen.“ „Erst recht keine aus dieser Regierung.“ „Aber die männliche Hauptrolle ist doch immer der…“ „Wenn’s halbwegs realistisch bleiben soll, dann muss die sowieso Merkel spielen. Das ist ja mal klar.“ „Und dann?“ „Was, und dann?“ „Er meint, wie sich daraus die Handlung…“ „Nee, ich wollte erst mal wissen, wer sonst noch als Hauptrolle in Frage kommt.“ „Wespennest.“ „Bitte?“ „Wespennest. Geben Sie der SPD keine Hauptrolle, dann spielen die nicht mehr mit. Geben Sie ihr eine, dann ist es nicht mehr realistisch.“ „Auch wieder wahr.“

„Überhaupt, wovon handelt das Ding denn?“ „Naja, da sind so ein paar Leute, die wollen ein Land regieren, und dann stellen sie plötzlich fest, dass das nicht so läuft.“ „Ich finde…“ „Guter Entwurf.“ „Ja, kann man was daraus machen.“ „Ich finde…“ „Obwohl, eigentlich sagt das noch nicht viel.“ „Passt doch zur Bundesregierung.“ „Ich finde, wir sollten erst die Rollen ordentlich besetzen, dann können wir uns immer noch über die Handlung unterhalten.“ „Wozu brauchen Sie in einem Musical Handlung?“ „Warum nicht?“ „Weil es ein Musical ist.“ „Meine Güte, machen Sie es doch nicht so kompliziert. Da kommt einer auf die Bühne, singt ein bisschen, dann kommt der nächste, dann tanzen sie auf der Stelle, und dann alles wieder von vorn.“ „Gut, dann brauchen wir uns um das Ding keine Sorgen zu machen. Das kriegen die hin.“

„Und die Opposition?“ „In jedem Musical braucht es halt so Staffage, die hinten herumsteht.“ „Dann ist es aber kein Stück mehr über die Bundesregierung.“ „Wieso nicht?“ „Ist die in der Opposition?“ „Nein, aber im Hintergrund könnte man doch die…“ „Also die Darsteller singen das eine, und die im Hintergrund tanzen zu etwas ganz anderem?“ „Ist das nicht realistisch?“ „Überlegen Sie sich mal, was das wäre. Ökologisch-kapitalistischer Volkstanz.“ „In braun-grünen Kostümen.“ „Schrecklich!“ „Und Seehofer?“ „Wie kommen Sie jetzt auf Seehofer?“ „Ist der nicht auch irgendwie Opposition?“ „Also ich würde den als klassischen Antagonisten besetzen.“ „Gegenspieler, klar.“ „Nein, der hält sich doch auch für die braune Opposition.“ „Aber er kann nicht gleichzeitig im Hintergrund und im Vordergrund stehen.“ „Hat er nicht die ganze Bühne für sich alleine bei seinem Solo?“ „Der tritt doch nie ohne seinen Privatchor auf.“ „Da nehmen wir so zwei bis drei Jüngelchen, die um ihn herumtanzen.“ „Gut, schreiben Sie auf: drei braune Kostüme mehr.“ „Oder wir besetzen den gleich als Doppelrolle.“ „Wie meinen Sie das denn jetzt schon wieder?“ „Naja, Regierung und Opposition in einem.“ „Bisschen avantgardistisch, finden Sie nicht auch?“ „Wird auch irgendwann langweilig.“ „Haben Sie schon mal ein Musical gesehen?“ „Ja, warum?“ „Dann wissen Sie es auch. Jede Handlung muss vorhersehbar sein.“ „Jede?“ „Jede.“

„Gut, und wie nennen wir das Ding jetzt?“ „Das Phantom und der Opa?“ „Sie haben wohl heute Ihren witzigen Tag?“ „Mamma Mia.“ „Lassen Sie Mutti aus dem Spiel.“ „Haben wir keine literarische Vorlage?“ „Wenn wir eine hätten, dann dürfte sie nicht mehr zu identifizieren sein.“ „Das ist im Theater so, aber im Musical?“ „Hauptsache, die können zwischendurch alle fünf Minuten singen.“ „Sie verwechseln das mit einer Oper.“ „Die Schnöde und das Biest?“ „Les Misérables.“ „Ja, das nehmen wir.“ „Das mit der Doppelrolle hatte ich aber immer noch nicht verstanden.“ „Glauben Sie mir, das versteht keiner.“ „Aber wenn wir das so inszenieren, dass es keiner verstehen kann, dann denken sich die Leute bestimmt: das muss total Sinn machen, wir verstehen es nur nicht.“ „Damit haben wir schon mal die Kritiker im Sack.“ „Das ist die halbe Miete.“ „Für mich klingt das eher nach absurdem Theater.“ „Kann man machen.“ „Aber doch nicht als Musical!“ „Wenn Sie etwas halbwegs Vernünftiges haben wollen, müssen Sie ins Theater gehen, aber das ist einfach die vollkommen falsche Ebene, wenn Sie verstehen, was ich meine.“ „Also das Musical?“ „Nein, die Politik.“

„Und das spielen wir jetzt jeden Tag?“ „Bis auf Weiteres, ja.“ „Und wie lange?“ „Wie gesagt, bis auf Weiteres.“ „Wir haben ja eine Zweitbesetzung. Kein gutes Musical kommt aus ohne die.“ „Dann können wie die ja aus der SPD besetzen.“ „Gute Idee.“ „Wenn die auch mal Regierung spielen darf, hält sie vielleicht danach wieder still.“ „Das tun die eh.“ „Also eher Sprechrollen?“ „Stumme Rollen. Oder wenn Sie mal einen Baum bei Windstille zu besetzen haben.“ „Wobei, ich kenne das auch so, dass irgendwann einer die Truppe verlässt.“ „Oder rausgeschrieben wird.“ „Doch nicht im Musical.“ „Bis einer geht?“ „Das wäre schön.“ „Und was machen die anderen dann?“ „Was sie immer machen. Theater.“

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