Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXXIII): Ontologische Unsicherheit

20 07 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Da wusste auch Rrt nicht weiter. Alles war seit Generationen so harmonisch gewesen. Die Kinder machte der dicke Vegetationsgott, wer sich mit der Säbelzahnziege einließ, war Biomüll, ab Mitte zwanzig knackten eh die Knochen, aber die Typen an der westlichen Felswand sahen nicht halb so mies aus wie die anderen Hominidenexperimente. Das sicherte ihnen spirituellen Beistand bei der Büffeljagd, ließ ihre Kinder besser gedeihen und hätte wenige IQ-Punkte später bereits zur Gründung einer neofaschistischen Partei gereicht. Damals wie heute wussten die Affen mit Haarausfall, dass es nur um die Kontinuität der Rasse ging, denn von einem gewissen Level der Beklopptheit abwärts wird sich keine dieser besorgten Mehlmützen je als Individuum angesprochen fühlen. Die Götter aber wandten sich ab, Missernten und der Einfall der Leute aus dem östlichen Tal waren der deutliche Beweis dafür. Die Seinsgewissheit, dass alles genau so ist, wie es scheint, hatte sich nach und nach aus den wachsenden Hirnen ausgeschlichen. Was blieb, war der Zweifel.

Spätere Generationen hatten noch ganz andere Erkenntnisse zu verdauen. Es gibt keine Götter, die Bäume wachsen nicht in den Himmel, Schiffe sind nicht unsinkbar, Kathedralen können krümeln. Die ontologische Unsicherheit entwurzelt nach und nach den Menschen, der sich eben noch gefeit sah in den Begleitumständen der conditio humana, und während die einen ihre skeptische Sicht auf die faulen Götzen durch noch mehr Glaube an andere höhere Wesen mit Hilfe hastig hingeschwiemelter Ersatzreligionen zu befriedigen versuchten, wuchs ein kleiner Teil an der plötzlichen Freiheit. Ein kleiner Teil, das heißt: so gut wie niemand. Der Rest suchte sich beliebige Strukturen, baute sie aus den Trümmern seiner bisherigen Ordnung auf und nannte sie nach Ungreifbarem wie Kapital oder Nation, denn was nicht greifbar ist, kann auch nicht versehentlich kaputtgehen. Endlich hatte er wieder ein Dasein, das sich nicht hinterfragen ließ.

Schließlich war da wenig, und es hatte deutliche Nachteile. Die Idee einer Gruppenzugehörigkeit, die die einigermaßen stabilen sozialen Beziehungen zur Umwelt ad hoc ersetzt, findet da ihre Grenzen, wo andere auch auf die Schnapsidee kommen, einer Gruppe anzugehören, freiwillig oder nicht, oder wo man sie gerne exkludierte, wenn es denn sinnvoll wäre. Plärrte ganze Europa, man wolle Vietnam auf keinen Fall als ebenbürtiges Mitglied seiner Staaten akzeptieren, müdes Grinsen begleitete das verbale Gerümpel der Aluhütchenspieler. Und doch lässt sich auch daraus noch eine trübe Brühe köcheln, die für Parteitage reicht, Wahlkämpfe im Bierzelt und Aufmärsche, bei denen sich eine Rotte fußkranker Knalldeppen als das Volk bezeichnet, als gäbe es gerade kein anderes. Die ontologische Unsicherheit macht, dass die dümmsten Arschlöcher zeigen, was sie tatsächlich sind: die dümmsten Arschlöcher.

Zunehmend wird deutlich, dass auch die neue Struktur nur aus Exklusion besteht. Die Gruppe ist stolz und froh, nicht mehr den alten Vegetationsgott anzubeten, keine krausen Haare zu haben, keine Nasale in der Nationalsprache, eine vom neuen Gott und der Gewerkschaft der Heiligen verordnete Fahne mit anderen Querstreifen als bei den anderen, kurz: sie sind anders, halten es aber im Gegensatz zur üblichen Denkart für zielführend und eine Gnade. Es erlaubt ihnen, aus dem Schmierkäse ihrer faden Existenz eine Struktur zu schnitzen, in denen sich mancher denkfreie Raum aufbauen kann. Dabei ignoriert das Völkchen tapfer, wie viele Wahrheiten neben seiner noch in den Dimensionen des Seins herumdümpeln, falls es nicht in Zeiten der plötzlichen Liberalität, wenn jene anderen mit ihrem Freiheitsdrang wieder in Erscheinung getreten sind, klüger wäre, Angst zu entwickeln, neue Unsicherheit als drohendes Schicksal, wenn nicht mit allen Mitteln die einmal gefundene Autonomie gegen eine wirkliche verteidigt würde. Jeder Strohhalm dient dann dazu, Feindbilder zu schaffen. Die Hölle, das sind die anderen, und so braucht man sie nicht mehr in sich selbst zu suchen, weil man sie ja bereits erfolgreich abgespalten hat. Dem Beknackten ist es letztlich egal, wie er seine Wohlfühlpsychose anfüttert. Alles da draußen wird wegdefiniert, und mit jeder Grenze, die sich auch schließen lässt, bleibt die innere Labilität ein wenig länger erhalten, auch wenn längst der Boden bröselt.

Nichts geht doch über die gute, alte Angst als Gestaltungsmittel innerer Freiheit. Mit Unsicherheit wird so jeder Zweifel dialektisch bekämpft, der Fundamentalismus bombt die Hinterlassenschaften der Aufklärung aus dem Gesichtsfeld, und eine neue Welt entsteht, in der es keinen Urknall gibt, keine anderen Einsichten als die eine, richtige, und keine Götter, es sei denn, der Bescheuerte hätte sie sich als Maßanfertigung ins Regal gehauen. Hier ist noch Wahrheit. Nie war sie absoluter.


Aktionen

Information

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.




%d Bloggern gefällt das: