Auferstanden in Ruinen

24 07 2018

„Jetzt erklären Sie mir doch mal bitte, wofür Ihr Laden eigentlich noch existiert.“ „Also gut: die SPD ist eine Arbeiterpartei, die sich in Deutschland um die Demokratie verdient gemacht hat.“ „Das sind alles Sachen aus dem letzten Jahrtausend, ich meine: heute. Wofür steht diese Partei heute?“ „Das kommt darauf an.“ „Sagen Sie es doch gleich. Gar nichts mehr.“

„Das kann man so nicht sagen.“ „Wie dann?“ „Das kommt darauf an.“ „Der Finanzminister hat offensichtlich den wirtschaftlichen Fortschritt ins Auge bekommen.“ „Was ist falsch daran?“ „Dass es nicht der Fortschritt der Deutschen ist. Wirtschaftlich gesehen schon gleich gar nicht.“ „Sie meinen, wenn wir als europäische Partner unsere anderen europäischen Partner partnerschaftlich behandeln, dann ist das für uns als europäische Partner schädlich?“ „Wenn Sie mit europäischen Partnern Google und Amazon meinen, dann haben Sie wohl einen größeren Schaden als befürchtet. Oder ein grundlegend anderes Verständnis von Wirtschaft, Europa, Demokratie oder Partnerschaft als der Rest in diesem Land.“ „Das entspricht genau der Linie unserer Bundesregierung.“ „Merken Sie selbst, oder?“

„Was spricht gegen eine friedliche Koexistenz?“ „Dass es die nicht gibt. Wenn die einen immer auf die anderen schießen, können Sie sich das in die Haare schmieren.“ „Gerade vor dem Hintergrund eines drohenden Handelskrieges müssen wir als Europäer uns doch kompromissbereit zeigen.“ „Das scheint ein Trauma in Ihrem Laden zu sein, wenn man Ihnen eine reinhaut und Sie blutend im Rinnstein liegen, sagen Sie: die haben mir nicht die Kehle aufgeschnitten, das muss ein Kompromiss sein.“ „Immerhin müssen wir damit auch die Zukunft dieses Landes gestalten.“ „Müssen? Sie können’s ja nicht mal.“ „Das weiß man immer erst hinterher.“ „So wie Dreiunddreißig.“ „Einmal ist keinmal.“ „Oder Achtundvierzig.“ „Ich…“ „Oder Neunzig. Mir fällt noch mehr ein, wenn Sie Zeit haben. Für wann hatten Sie den Bestatter bestellt?“

„Wir wollen ein effizientes System schaffen.“ „Für wen?“ „Für die Wirtschaft.“ „Das ist wer?“ „Naja, die Menschen, die da arbeiten. Also die das Geld, das ist ja die Wirtschaft…“ „Das ist falsch, aber richtig.“ „… und die soll eben profitieren.“ „Tut sie auch. Leider am falschen Ende.“ „Weil wir nicht verhindern können, dass unsere Partner aus den USA…“ „Da Sie es nicht verhindern können, sind es nicht unsere Partner.“ „… ihre Gewinne…“ „Die fließen über europäische Briefkastenfirmen.“ „… zu ihren eigenen Regeln…“ „Mit anderen Worten: wenn mit Ihre Regeln nicht passen, haue ich Ihnen eine rein und sage dann, nach meinen Regels sei das okay?“ „Das ist sehr, sehr unfair ausgedrückt. Das ist eine absolute Frechheit. Und ja, das ist meiner Ansicht nach absolut korrekt, Ja, das kann man so sagen. Richtig. Ja.“ „Aber was viel wichtiger ist, wer davon profitiert, das sind doch nicht die Bürger.“ „Die Wirtschaft ist nun mal auf die Bürger nicht angewiesen. Das ist nun mal das Gute an der postmodernen Wirtschaft, dass sie einen eigenen Wert darstellt, den wir verteidigen können als Partei, die sich auch als Vertreterin der Zukunft sieht.“ „Der Zukunft zugewandt, wenn ich es recht verstehe?“ „Verstehen Sie das so?“ „Auferstanden in Ruinen. Sie verstehen es halt nicht besser.“

„Immerhin können wir die Unternehmen, die in Europa nur Briefkastenfirmen gründen, damit sehr effektiv besteuern.“ „Also zwei Promille statt sechzig Prozent.“ „Das müssen Sie verstehen, wir tun das nicht gegen die Bürger, wir tun das für die Wirtschaft.“ „Also für deren Werte?“ „Genau.“ „Das tröstet mich. Was die Zivilgesellschaft im Moment als Werte vor sich herträgt, taugt ja noch weniger.“ „Haben Sie ein Problem damit?“ „Mit der Zivilgesellschaft? das Problem hat scheint’s nur der Finanzminister. Wer erklärt, Europa müsse gezielt gegen Steuerhinterziehung vorgehen, um das ganze Verfahren dann auch gezielt zu vermeiden, der hat seinen Frieden damit gemacht, dass die Bürger von der wirtschaftlichen Entwicklung genauso schnell abgekoppelt werden wie die Aktienkurse von den Resten der Realität.“ „Wenn Sie sich mal die Relation ansehen, kurz nach der Einheit…“ „Ja, wir hatten ja auch nichts in Dahlem und Blankenese.“ „Aber sehen Sie mal, die Wirtschaft ist doch in gewisser Hinsicht auch für die Menschen da.“ „In gewisser Hinsicht?“ „Meinen Sie denn, die ganzen Waffen für Saudi-Arabien produzieren sich von alleine?“


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