Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXXIV): Die Krise der Männlichkeit

27 07 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Nichts ging mehr. Die Vorstellung, seine Mutter guckte Uga beim Wässern der Buntbeersträucher neben der Einfamilienwohnhöhle über die Schulter, wuchs sich zur Dauerkrise aus. Doch nicht nur eine katastrophale Harnverhaltung machte dem Jäger das Leben schwer, zwanzig Kinder hatten Fleckfieber, Säbelzahnziege und die arteigene Blödheit im Laufe des letzten Sommers weggenascht, die Sippe mahnte langsam den Vollzug an. Nichts ging mehr, und für Uga war dies Desaster doppelt schlimm, litt er doch nicht allein an den objektiven Folgen. Seine Höhlengemeinschaft distanzierte sich nach und nach von ihm und lauerte schon, wer die ersten Fanale zum finalen Streich geben würde. Er galt nicht mehr als Herr im Haus, höchstens noch als Primadonna. Welche eine schreckliche Gewissheit, dass sein Leben nur noch an einem Zipfel hing.

Denn Männlichkeit ist zunächst ein kulturelles Konstrukt. Was Generationen und Generationen sich an Brusttoupet zusammengeschwiemelt haben, dient als Abzeichen einer verliehenen und daher nicht zu hinterfragenden Macht – im Gegensatz zur erworbenen und erkämpften, die zwar verteidigt werden kann, aber nicht nur aus Hülle plus Statusabzeichen besteht. Rein männliche Domänen, Feuerwehr und Herzinfarkt, Autobahnrasen und Physiknobelpreise, werden denn auch als natürliches Habitat des Y-Trägers gefühlt, ein wie evolutionär bedingter Bestandteil des Dings an sich. Nur echte Männer werden Chefköche, Fußballer, Bundeskanzler. Bis die erste Bundeskanzlerin den Plan betritt.

Das Reservat des Gonadenträgers bebt, ein waschweibisches Heulen durchätzt die Luft. Da muss He-Man umdenken, denn sein bewährtes Rezept, alles umzunieten, was ihm in die Quere läuft, scheint nicht mehr zu funktionieren, vor allem dann nicht, wenn die Frau im Spitzenamt ohne nennenswerte Emotion jeden Deppen von der Klippe schnippst, weil sie es kann. Sie hat vom spielerischen Umgang mit der Macht gelernt, dass nicht möglichst blutiger Splatter das Mittel der Wahl ist, sondern ein chirurgisch präziser Schuss in die korrekte Schädelpartie. So zieren ihre Wand im Jagdschlösschen unbehörnte Hackfressen auf dünnem Brett, das sie einst vor dem Kopf getragen hatten, nichts scheint selbstverständlicher. Langsam arrangiert sich der maskuline Part mit seiner neuen Umwelt, die nicht nur aus ihm selbst und ein paar unscharfen Nebeneffekten besteht. Es kann doch noch alles gut werden.

Da droht mit dem schwulen Fußballer der nächste Super-GAU, das Fukushima der geistigen Unterschicht. Ausgewaschen, fortgespült und voll verstrahlt der Frontallappen, die Koordinaten der bisherigen Existenz windschief gedengelt von der Vorstellung, dass sich Männer verschwitzt und bis zum Stehkragen mit Adrenalin vollgepumpt auf dem Platz umarmen und hinterher nackt in der Gruppendusche verschwinden, obwohl einer von ihnen homosexuell sein könnte. Im Damensport nimmt das die männliche Fantasie billigend in Kauf, insbesondere bei der Produktion billiger Erregungsmittel, die aus dem Internet schmerzlos herunterzuholen sind. Doch auch hier ist nicht die Tatsache an sich der Killer, es ist das Einbrechen in ein Konstrukt, dass dieses nun erst als hastig und wirr zusammengeklöppelte Seinsprothese sichtbar wird. Je absurder die Vorstellung, auch der andere könnte Rechte haben, desto verzweifelter der Rückfall in atavistische Verhaltensweisen. Der Mann degeneriert, und er hat ein Problem. Was bei Frauen mit sexualisierter Gewalt ging, nebenher die kleine Potenzpumpe für zwischendurch, will bei den Schwulen nicht recht hinhauen. Also haut er zu.

Endgültig verroht der Kerl, wo er sich mit der Andersartigkeit der anderen auseinandersetzen muss, die in Gestalt des kulturell Fremden noch nicht einmal kommen muss; es reicht, wenn der neue Nachbar schwarzafrikanische Vorfahren hatte und Zahnarzt ist, denn die, und das weiß der Weiße, spielen hier Fußball und nehmen uns die Frauen weg. Manche ministrieren sogar, die kriegt man gar nicht mehr los. Das Implodieren des Mandelkerns wirkt wie eine Lobotomie auf dem Küchentisch mit der rostigen Nagelschere. Jetzt wollen auch noch die dazugehören, denen man nicht einmal die Männlichkeit absprechen kann, und sie haben sich durch was auch immer Macht erworben, Respekt, eine soziale Rolle. Wie gut, dass auf dem Weg zur rational befreiten Zone das Grobraster mit neuen Einteilungen versehen wurde – konnte die Frau links und doof sein, so war sie doch grundsätzlich des Weißen Eigentum – und gemeinsam mit einer ganz neuen Qualität von Gewaltanwendung der Männlichkeit eine Stütze ist. Es ist so einfach, das schwammige Gehänge wieder zu richten. Die Krise ist nicht weg, sie ist nur woanders. Hauptsache, der Mann ist nicht mehr schuldig.