Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXXVI): Bereicherungsökonomie

10 08 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Der Betreiber des üblichen Profit Centers, für gewöhnlich ein konditioniertes Meerschweinchen, wird seine Umgebung stets als Minenfeld sehen. Macht er nur einen Dukaten Verlust, während seine internen Konkurrenten anderthalb Penunzen im Plus sind, zusammen übrigens, dann sägt die Säge. Das ist zunächst weder ungerecht noch böse, es entspricht den Spielregeln: wer mehrt, statt zu mindern, ist ein guter Kaufmann. Die Gefahr erwächst aus der Konkurrenz, die das Geschäft bis zum Mörderischen belebt. Dass aber nicht der Markt die Regeln bestimmt, sondern eine Schicht, die am Markt teilnimmt, und also den Ausgang des Spiels signifikant beeinflusst, ist neu. Es entsteht die Bereicherungsökonomie.

Die Industrialisierung hat irdische Heerscharen auf die Schlachtfelder der Produktion getrieben, in die Städte, in ein elend stolzes Proletariat, das sich gern vereinigt hätte, wären nicht unterschiedliche Steuerklassen gewesen. Immerhin hat es ihnen Brot gebracht, bisweilen Spiele, bisweilen Krieg, aber billiges Brot und billige Schuhe, weil die Wirtschaft für ihr Produkt auch gleich den Kunden generiert hat, der in der Fabrik Luxuslimousinen baut, um sich privatim einen Kleinwagen zu leisten. Der Konsum erhält den Kreislauf am Leben, nicht immer sind Produktion und Verbrauch in derselben Schicht gelagert, doch wesentlich wird, dass der Wohlstand, wie ihn sich die Ökonomie auf die Fahnen schreibt, alle Schichten zu erreichen sucht.

Wie anders die Bereicherungsökonomie. Die trojanische Deindustrialisierung findet nicht statt. Die Fließbänder sind nicht weg, sie stehen nur woanders. Noch schwiemelt der fleißige Asiat das Schuhwerk für den saturierten Europiden, schon regt sich am rechten Rand Krawall, weil es einige der Leute aus Südsüdost in die Welt zieht, um dem Arbeiter die Villen im Tessin zu putzen. Käme man ihnen, den Personen mit Pech beim Denken, auch noch mit Logik, sie wären dafür, man schaffte die Villen zum Putzen nach China und büke dort gleich noch das Brot. Nicht das Produkt, die Produktion ist austauschbar geworden und nur noch ein Faktor in der Berechnung. Wer heute Schuhe näht und nagelt, kann schon morgen Brot backen, alles verkaufen und nur noch Villen putzen. Die Ware hat nicht nur ihren Fetisch, sie hat jeden Charakter verloren. Was zählt, ist das Geld, mittlerweile im reflexiven Sinne.

Das Subjekt der postmodernen Wirtschaft ist das Geld, wenngleich in einem vollkommen neuen und abstraktren Sinn. Es wird nicht mehr durch die Wertschöpfung erzeugt, zu der es Brot braucht und also Esser von Brot, es entsteht im Geblubber innerhalb der Blasen und wird weiter ins Wertfreie abstrahiert. Aus Geld und von Geld entsteht neues Geld, das aber mangels Produktion nicht mehr in diese zurückfließen kann, und die armen Reichen sind gezwungen, durch das Tessin zu tingeln und Villen einzusammeln, damit die Nullen auf den Nummernkonten nicht frieren. Da trifft es sich gut, dass auch die Schuhfabriken nicht mehr auf dem Kontinent stehen, denn was wäre so ein schmuckes Immobil ohne Hausmeister? Auch die soziale Ader der ökonomisch Bereicherten hat ein bisschen Blut gelassen, vielleicht dekorativ, und die Geschichte geht gut aus. Einigermaßen gut.

Denn in den unteren Etagen kommt nichts an, wie auch. Sie finden in der Bereicherungsökonomie nicht statt, schon gar nicht durchs Tessin ziehende Wischmobs, die ihre Besen jederzeit durch reine Flexibilität zu Mistgabeln umfunktionieren können, und das identitäre Moment von oben gesteuerter Nostalgie – damals, als nur die kleinen Häuschen am Hang in der Landschaft blühten, in einer Zeit vor der Industrialisierung, da war die Welt noch in Ordnung – beginnt sich außerhalb des Marktes zu etablieren. Fort ist das Proletariat, und fort sind die Ansprüche an eine soziale Marktwirtschaft. Mit der Standardproduktion verschwand die Notwendigkeit, Menschenmengen zu akkumulieren in humanen Kapitalen. Der Staat nachtwächtert noch etwas an der Urbanisierung vorbei, guckt gerne zu, wenn aus Not – so viele Villen hat’s auch nicht im Tessin – der rationierte Wohnraum aufgekauft werden muss, um die teuren Hausmeister bezahlen zu können, und fertig ist die Sache. Nicht die Entfremdung ist das Problem des Kapitalismus, sondern die nackte Anreicherung des Kapitals an Friedhöfen, fernab der Produktivität, Entwicklung ausgeschlossen. Aber da geht etwas. Der Zug ist nicht abgefahren, er bewegt sich, man kann aufspringen, vielleicht weiß man auch schon, wohin er fährt. Vielleicht wird alles ganz anders. Vielleicht fertigen wir bald wieder Schuhe. Falls die Chinesen sie wollen.

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