Fremdenverkehrt

21 08 2018

Luzie kicherte. „Kniffke bringt diesmal sicher einen Beamer mit.“ Anne verdrehte die Augen. „Hör bloß auf“, stöhnte sie. „Noch einmal quer durch den Schwarzwald und zurück, das halten meine Nerven nicht aus.“ Ich wollte längst wieder gegangen sein, da läutete es auch schon an der Tür. Noch hätte ich die Möglichkeit gehabt, Reißaus zu nehmen.

Aber da war es zu spät. Kniffke, Großgrund- sowie Hausbesitzer und deshalb mit einem sehr kleinen, sehr karierten Hütchen ausgestattet, betrat in apokalyptischer Fröhlichkeit die Kanzlei. „Sie sehen ja fantastisch aus“, jubelte er, „wo waren Sie denn im Urlaub?“ Noch bevor Luzie hätte Luft holen können, fiel er seiner Anwältin um den Hals. „Mallorca, ja? Wusste ich’s doch!“ „Pyrenäen“, gab Anne trocken zurück, „und zwar im Herbst.“ Davon ließ sich Kniffke nicht abhalten, er zog einen Stoß Ansichtskarten, Quittungen und Bierdeckel aus der Manteltasche. „Langenscheid“, jodelte er. „Ich sage nur: Langenscheid!“ Anne begriff nicht. „Also wenn ich ins Ausland fahre, dann lerne ich doch ein paar Worte, um mich zu verständigen.“ Kniffke grinste von einem Ohr zum anderen. „Nein, bei Birlenbach, also in der Nähe von Diez. Das ist ja bei Limburg fast um die Ecke, wenn man unterwegs ist von Butzbach nach Koblenz, nicht wahr?“ „An der Mosel?“ Luzie biss sich auf die Zunge. „Natürlich nicht“, korrigierte Anne. „Am Rhein.“ „Limburg“, dozierte Kniffke, „liegt immer noch an der Lahn, aber Sie kennen sich da besser aus.“

Der Trick funktionierte immer wieder. Ich hatte es erst hinterher erfahren, aber genau das war Kniffkes Kunstgriff. Was nun folgen würde, war ein beim Erdaltertum einsetzender Vortrag über deutsche Lande unter besonderer Berücksichtigung der höheren Lehranstalt, garniert mit Postkarten, pointenfreien Anekdoten, absonderlichen Flur- und Straßennamen sowie einem ewig wiederkehrenden Lamento über die Unbeständigkeit des Wetters. „Ja, wenn man wie Sie immer nach Mallorca jettet, dann liegt man immer schön in der Sonne, aber direkt an der Grenze von Hessen zu Rheinland-Pfalz, in Hambach, Sie wissen schon, hatten wir auf einmal einen Regenschauer, das können Sie sich nicht vorstellen!“ Er zwinkerte. Er zwinkerte nochmals. „Das Hambach, verstehen Sie? Also nicht das, sondern das, ich meine: nicht dieses, also jenes eben, ja!?“ Und langsam begriff ich auch, warum er ein gern gesehener Gast war, sobald er ging.

„Sie“, und er tippte mir dabei auf die Brust, „Sie sind wahrscheinlich immer nur in Südfrankreich unterwegs, nicht wahr? Sagen Sie nichts, ich kenne Ihre Art – Mittelmeer, wahrscheinlich mehrmals im Jahr, aber was sage ich.“ „Nicht ganz“, entgegnete ich. „Eigentlich bin ich ausschließlich im Norden, und auch da habe ich meine bevorzugten Gebiete. Es gibt an der Küste ganz bestimmte Ortschaften, die würde ich Ihnen zu gerne verraten, aber wer weiß, dann sind sie bestimmt bald kein Geheimtipp mehr.“ Neugierig glotzte Kniffke mich an. Gut, dann würde ich also auspacken müssen. Ich zupfte ein Blatt Papier aus Luzies Drucker und zog einen Stift aus der Tasche. „Hier“, erklärte ich und zog eine gekräuselte Linie am linken Rand, „hätten wir dann die Küste, und dort gegenüber, das geht dann in Richtung Meer.“ Angestrengt folgte er meinen Ausführungen. Vielleicht schmiedete er bereits Reisepläne?

In der Tat war die Zeichnung etwas verworren, aber wer außer mir wusste das schon. „Wenn man nämlich von hier aus bei Kronsmoor losfährt, ist man schnell in Münsterdorf, aber man muss nur auf dem richtigen Weg bleiben, und schon ist man in Heiligenkampstedt.“ Er nickte. „Da waren wir mal, muss gut zwanzig Jahre, ach was, viel länger, und damals war das schon eine Attraktion.“ Das Nest hieß Heiligenstedtenerkamp, ich hatte es in der Hektik schlicht verwechselt, womit auch immer. Allein das tat der Sache ja keinen Abbruch. „Sie fahren dann immer so in Richtung Elbe, das ist gar nicht zu verfehlen, und kurz vor Krumpelstede taucht eine große Windmühle auf, da halten Sie sich dann links und biegen in die Allee ein, die nach Böhringsbüttel führt.“ Anne nickte. „Sehr schön“, bestätigte sie. Kniffke seinerseits nickte noch viel heftiger. „Famose Gegend“, freute er sich und rieb sogleich die Hände. „Das ist doch bei – wie hieß dieser Ausflugsort noch gleich?“ Ich kritzelte ein bisschen auf der entstehenden Landkarte herum. „Also wenn das hier“, sagte ich und deutete auf ein Kreuz mit zwei Pfeilen, „wenn das hier die Straße nach Eddelhusen ist, biegen Sie hier Wödelwurth ein und kommen da an der Kanalbrücke raus, wo der Feldweg in Richtung Diekstede-Kaakbek abgeht, aber Vorsicht!“ Ich beugte mich zu ihm herüber. „Hier“, flüsterte ich verschwörerisch und kringelte dünn auf dem Papier herum, „ist die alte Mühle von Klütenkoog nach der letzten Sturmflut hingezogen, den berühmten Wülsterer Knusperkäse kriegen Sie da nur noch am Samstag!“ Hastig griff er nach dem Papier. „Ich muss das mit meiner Frau besprechen“, keuchte er. „Wir haben im Herbst nur noch drei Tage Urlaub, das muss man nutzen!“ Und schon war er fort.

„Und Du hast wirklich gar kein schlechtes Gewissen?“ Ich schaute Anne entgeistert an. „Ich bitte Dich“, antwortete ich mit großer Verwunderung, „selbst wenn er in dieser Einöde die Müllverbrennungsanlage entdecken sollte, was will er da am Wochenende schon groß anrichten?“


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