Höhere Lehranstalt

30 08 2018

„Wenn Sie fertig sind, legen Sie Ihre Hände auf den Kopf.“ Dass ich den Eingangstest bestehen würde, daran hatte ich nie gezweifelt, aber ob ich mich in der Schule so wohl fühlen würde, das stand dann doch noch zur Frage. Aber vielleicht war es ja sogar ganz spannend, plötzlich auf der anderen Seite des Tisches zu sitzen.

„Zunächst mal sollten Sie sich in der Klasse den nötigen Respekt verschaffen.“ Eine ältere Dame, unwesentlich jünger als die Ausbilderin, schnipste mit den Fingern, doch Fräulein Haferstroh – auf die Anrede hatte sie größten Wert gelegt – nahm sie demonstrativ nicht dran. „Wir wollen uns jetzt den Stundenplan der ersten Woche ansehen. Bitte falten Sie die Zettel so auf, dass sie – Frau Schmitt!“ Die Angesprochene hatte das Papier bereits aus ihrer Mappe gezogen und damit die absolut einheitliche Choreografie der Unterrichtsvorbereitung im Nu zerstört. Alle zuckten innerlich zusammen, mich eingeschlossen, und doch wusste keiner so recht, warum eigentlich. Wir sollten Lehrer werden, die kommenden beiden Wochen lang hatten wir Zeit, uns darauf vorzubereiten, dann würde man uns einfach in eine Schulklasse schicken, um das deutsche Bildungswesen zu retten.

Ich meldete mich. „Ich habe da mal eine Frage“, informierte ich das Fräulein Haferstroh. Das hätte ich besser nicht getan. „Erstens“, knurrte sie, „weiß ich das, sonst hätten Sie sich nicht gemeldet, und zweitens hätte ich mal die Frage, warum Sie reden, bevor ich Sie drangenommen habe.“ So lange hatte ich nicht warten wollen, aber das konnte ich jetzt nicht mehr sagen. Ich nahm den Finger runter. „Warum findet bei Ihnen kein…“ „Sie sollen nicht ständig dazwischenquatschen“, fuhr sie mich an. „Aber…“ „Was habe ich gesagt!?“ Ich erhob mich, dabei stellte ich fest, dass Fräulein Haferstroh gar nicht mal so groß war; eine Erkenntnis, die man früher oder später fast mit jeder Lehrkraft macht. „Sie wollen mir jetzt also erzählen, dass Sie sich mit einem Schüler unterhalten, obwohl Sie ihn nicht drangenommen haben, und dass ich eine Frage habe, nehmen Sie nicht zur Kenntnis?“ Sie wirkte plötzlich etwas verwirrt. „Ich glaube“, sagte sie, „es muss gerade zur Pause geläutet haben.“

Die Direktorin unterrichtete selbst. „Eigentlich mache ich das nicht, aber hier geht es nicht anders. Wir haben nämlich auch Unterrichtsausfälle, also muss jeder mithelfen.“ Sie hatte einen ganzen Stapel mittelalter, teils auch mittelalterlicher Bücher auf das Pult gelegt. „Das wird Ihre Erstausstattung sein“, erläuterte sie, „aber machen Sie sich keine Hoffnungen, das werden auch die einzigen Bücher bleiben, die Sie in die Hand bekommen. Mehr gibt es nicht.“ Immerhin gab es in dem Taschenatlas, der als Erdkundebuch fungierte, das Deutsche Reich nicht mehr, dafür war die Karte leicht ausgeblichen. Es ließ sich nicht so schnell feststellen, ob die mit Punkten markierte Linie eine innerdeutsche Grenze darstellen sollte oder nur die Demarkation der Ost- und Westtarife. „Das ist eine verlässliche Ausgabe, der können Sie vertrauen. Da gibt es die DDR noch.“ „Warum“, fragte ich beim Anblick der Karte, „steht dann hier ‚Chemnitz‘?“ Sie blickte in das aufgeschlagene Buch. „Das war die Ausgabe für westdeutsche Schulen, da wurden die Namen nach 1945 nicht geändert.“ Das leuchtete ein, der Unterricht änderte sich ja auch nicht.

Frau Schmitt war schon bei der Mathematik-Fibel, die offensichtlich einen Fehler enthielt. „Da muss es ‚geteilt‘ heißen und nicht ‚multipliziert‘“, erklärte sie, „außerdem ist der Aufbau unlogisch.“ Die Direktorin nickte. „Logik bekommen unsere Schüler kurz vor dem Schulabschluss.“ „Aber es brechen doch so viele die Schule ab?“ Sie nickte. „Und wie bringe ich den Schülern jetzt Rechnen bei?“ „Sie haben doch ein Buch“, sprach die Direktorin sanft. „Alles, was die Schülerinnen und Schüler verstehen sollen, steht doch in diesem Buch drin, und Sie sind die Lehrerin. Wo ist das Problem?“ Frau Schmitts Oberlippe begann ein bisschen zu zucken. „Aber wenn ich es auch nicht verstehe?“ „Dann schauen Sie ins Buch, außerdem sind Sie die Lehrerin. Solange Sie recht haben, müssen Sie auch nichts erklären.“

Neben Physik, Religion und Deutsch wurde auch ein bisschen Geschichte unterrichtet, aber nicht zu viel. „Das könnte sonst zu einem Bruch der Kontinuität führen“, meinte die Direktorin, „wir haben das schon immer so gemacht, und deshalb können wir es nicht anders machen, nur weil wir in der Vergangenheit verschiedentlich gemerkt haben, dass man es auch hätte anders machen können, aber das ging nicht, denn dann hätte man es ja immer so machen müssen, also anders, und Sie sehe ja selbst, das ist bereits ein innerer Widerspruch.“ Es war, wie gesagt, ein bisschen verwirrend.

Die anderen Schüler verliefen sich ein bisschen auf den Gängen und schlenderten in den Pausenhof. „Sie sollten eigentlich gar nicht in dieser Klasse sitzen“, meinte die Direktorin unvermittelt zu mir. „Habe ich etwas falsch gemacht?“ Sie schüttelte den Kopf. „Wir haben noch eine Zusatzausbildung, die auf einem etwas anderen Qualifikationsniveau startet, und das wäre doch etwas für Sie. Sie haben eine ganz normale Klasse, bereiten den Unterricht vor, drei Klassen, und am Nachmittag haben Sie frei. Wir brauchen diesen Kurs wirklich. Der ist noch viel mehr nötig als alle anderen.“ „Und das wäre was genau?“ Sie legte den Bücherstapel aufs Pult. „Sie bilden die vielen Lehrer aus, von denen dann keiner mehr in die Schule will. Wie gesagt, es wäre sehr dringend.“


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