Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXXX): Volksfeind Zucker

7 09 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es muss frustrierend gewesen sein für Uga. Alle waren so durchschnittlich in der Sippe, und man brauchte schon eine stattliche Narbe von der Jagd auf die Säbelzahnziege, um bei den Frauen zu landen. Hätte sein Schwager größere Fortschritte gemacht mit der Zähmung von Schafen in der großen Ebene am Fluss, hätten sie irgendwann von einer total hippen Krankheit berichten können. Aber es war frustrierend, keine Laktoseintoleranz für Uga. Überhaupt war der Speisezettel farblos und wenig einladend, außer dem Buntbeerenstrauch vor dem Höhleneingang gab es nichts Süßes, und auch der lieferte nur säuerlichen Wuchs in regnerischen Sommern. Einige kauten Bienen. Nicht mal den großen Feind der vorzivilisatorischen Gesellschaft konnten sie für alles verantwortlich machen, was in ihrem Leben schief lief. Sie hatten keinen Zucker.

Was geht es uns heute schlecht. Der gut sortierte Einzelhandel bietet dreiundsiebzig Sorten Bonbons an, und alle bestehen zu vier Dritteln aus Glukose, im Gegensatz zum bei Kleinkindern ungleich beliebteren Graubrot. Längst hat eine Schicht, die in der eigenen Kindheit noch mit messerrückendick Nuss-Nougat-Schuhcreme auf Toast in die Breite gemästet wurde, die gemeine Erdbeerkonfitüre als ernährungsphysiologischen Störfaktor des Teufels erkannt und boxt alle Eltern im Szenekiez blutig, die ihre Blagen mit Marmeladenbrot im Tornister zur Regelschule schicken. In ihrer Parallelwelt, einer von Dämonen und aufgeblähten Monstern durchwehten Nacht voller Saccharin, schwiemeln böse Zwerge ihren Emmas und Pauls verstrahlte Gummibärchen in die mit Sojakäse beschmierten Dinkel-Chia-Krüstchen, damit sie unkonzentriert werden, im Sachkundeunterricht hibbeln und auf einem zweitrangigen Gymnasium erleben müssen, wie Chiana und Kevin in Physik an ihnen vorbeiziehen, einen Studienplatz in Medizin an der angesagten Hauptstadtuni bekommen, die zweimal pro Woche Kulisse für wirre Arztseifenopern ist, und ihnen später völlig zu recht die Transplantation von Leberlappen wegen vorsätzlich fehlgeleiteten Lebenswandels verweigern. Früh krümmt sich, was am Haken hängen will.

Vergleichen erregte Erziehungsberechtigte den Zucker mit den chemisch nicht ganz unverwandten Alkohol, so ignorieren sie die Tatsache, dass es sich beim Schnaps mitnichten um organisches Material handelt. Auch vom Glücksspiel kann man abhängig werden, aber noch kein Volkspädagoge hat vor einer Mensch-ärgere-Dich-nicht-Szene in den Seitengassen des Bahnhofsviertels gewarnt, wo die charakterlich aus dem Elternhaus vordeformierten Soziopathen langsam aber sicher über Schnick-Schnack-Schnuck ins Dauermonopoly abrutschen, um am Schluss kniffelnd in der Psychiatrie zu verdämmern. Die einfache Gleichung funktioniert nicht, und zwar ausnahmsweise deshalb, weil es keine Ausnahmen gibt: monokausale Erklärungen sind monokausal, erklären aber nichts außer den Bildungslücken des Erklärenden.

Wie gelegentliches Joggen oder eine Tasse Kaffee am Morgen noch kein Missbrauch sind, ist das Verabsolutieren von Zucker als diabolischem Allzweckkrankmacher, der Diabetes und kariöse Ausfallerscheinungen befördert, der billige Versuch einer Umschuldung helikopternder Perfektionisten, die den Fehler gemacht haben, Nachwuchs in die Welt zu setzen, weil damit wertvolle Zeit zur Optimierung der eigenen Schädelhohlkörper flöten geht. Wer seine Blagen mit Zuckerzeug abspeist, sich generell für ihre Ernährung und Erziehung nicht interessiert, weder Art noch Umfang ihrer Nahrungsaufnahme organisatorisch im Blick behält und schon gleich gar nicht die Wechselwirkung mit diversen anderen Einflussgrößen wie Fett oder Bewegungsmangel berücksichtigt, taugt immerhin noch zum schlechten Vorbild für die dicken Kinder im Unterschichtenfernsehen. Der protestantische Versuch, der Ernährung durch den Wegfall von Zucker stromlinienförmige Gottgefälligkeit zu verschaffen, fällt sicher auch nur denen ein, die aus fetischistischen Gründen Schulen zu Brutstätten für Stevia-Taliban machen wollen, damit ihre Ideologie der Distinktion, in der sie selbst schon versagt haben, wenigstens ihren Kindern das restliche Leben versaut. Hier wäre der zeitnahe Eintritt in eine Sekte, die körperlicher Gewalt gegenüber ein entspanntes Verhältnis pflegt, der einfacherer Weg. Vermutlich ist die von Sicherheitsdenken und kompletter Realitätsferne bei grundlegenden Aspekten menschlichen Zusammenlebens seicht in die Tiefenbeklopptheit abgedriftete Masse der Genspender längst auf Koks. Sonst würde sie nicht tapfer ihre Muttermilch, die Oligosaccharidbombe par excellence, als natürlichste Fütterungsform lobpreisen. Warten wir ab, bis sich die ersten Demonstrationen durch die Metropolen fräsen, die Weißmehl und Margarine unter Todesstrafe stellen wollen. Was ein paar bunte Pillen im Mistgabelmob anrichten, wird jedenfalls nie langweilig.


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