Moralmarmelade

20 09 2018

„Das kommt für Sie vielleicht ein bisschen überraschend, weil wir scheinbar das fordern, was sowieso schon der Wirklichkeit entspricht – was man als populistische Regierungspartei halt so tut, wenn der Tag lang ist. Aber diese Abkehr von religiösen Werten, die hat bei uns in der Union den Hintergrund, dass wir uns endlich mal neu erfinden wollen. Diesmal säkular.

Schauen Sie mal, das steht ja alles in deren Schriften drin, und im Gegensatz zu den anderen muss man bei Christen nicht einmal in irgendeiner langwierigen Traditionslinie wühlen, um den ganzen Kram zu finden. Bis auf den Zölibat etwa oder die Monogamie, die hatten ursprünglich ja rein wirtschaftliche Gründe, aber man kann das heute mit etwas Moralmarmelade besser verkaufen. Also haben wir uns gefragt, wenn eine Religion noch im neutestamentarischen Sinne – im kirchlichen Sinne heißt ja kirchlich mehr als kirchlich – jede Form von Homosexualität als Todsünde ansieht, muss man das nicht als verfassungsfeindlich ansehen? Ich bin ja im Prinzip gegen Pauschalurteile, aber sie machen es einem halt so leicht.

Haben Sie schon mal versucht, Bischof zu werden? also als Frau? Kommen Sie mir jetzt nicht mit den Evangelen, die haben seit Jahren jeden Durchschnittsmuslim mit diesen durchgeknallten Islamisten auf eine Stufe gestellt, dann dürfen wir auch alle Lutheraner, alle Kopten, sämtliche Orthodoxen und alle anderen Sekten am Papst messen. Gleiches Recht für alle, auch wenn es mal sehr wehtut. Wir fassen mal zusammen, dass alle Frauen in der christlichen Lehre brutal unterdrückt werden, und gut. Das wurden sie in der Union bis dato natürlich auch, was einerseits auch stark von der sozialen Herkunft abhängt – versuchen Sie mal als Tochter einer alleinerziehenden arabischen Dauererwerbslosen Bundesministerin zu werden – andererseits aber dadurch auch wieder die Auswirkungen des christlichen Menschenbildes zeitigt. Immer vorausgesetzt, dass diese Ideologie von oben aufgepfropft wurde.

Wenn Sie kürzlich mal den Koran gelesen haben sollten – vielleicht schreiben Sie ja gerade ein Buch darüber, das macht ja heutzutage jeder Halbaffe – dann stellen Sie vielleicht erleichtert fest, dass er so dünn ist. Im Gegensatz zur Bibel ist man viel schneller fertig mit dem Stuss. Die glauben auch nicht an die Auferstehung von den Toten, vermutlich haben bei uns die Bestatter die bessere Lobbyarbeit gemacht, vielleicht waren im Orient auch die Mediziner besser, und mal ehrlich: wenn man eine unter den abrahamitischen Religionen kritisieren sollte, dann doch bitte die, die diesen komplett anthropozentrischen Gedanken vom Sohn einer Gottheit propagiert. Sie wissen nicht, was ‚anthropozentrisch‘ heißt? Sagen Sie das doch.

Früher musste man ja noch an die unbefleckte Empfängnis glauben, um als Arzt an einem christlichen Krankenhaus arbeiten zu können, inzwischen reicht es aus, wenn man das staatlich verordnete Tanzverbot als billige Vorlage nimmt, um säkularen Arbeitnehmern vorzuwerfen, sie würden auf Kosten ihrer eigenen Ideologie an den Feiertagen gerne ausschlafen. Was meinen Sie wohl, woher wir den Pflegenotstand haben. Aus zu viel Betroffenheit für Schichtarbeit ist er jedenfalls nicht entstanden.

Bis jetzt haben wir nur ein einziges Urteil aus Karlsruhe, dass Kirchensteuer ausschließlich von Kirchenmitgliedern erhoben werden darf. Also auch nur ein einziges, das die Kirche als linksradikal beschimpfen und bis heute ignorieren kann. Das wäre so, als gäbe es plötzlich eine Umsatzsteuer, und nur der Verband der Süßwarenindustrie würde sich weigern, die Steuern abzuführen. Da kommen ein paar nette Herren vorbei, zack! aufs Maul, und die Sache wäre vom Tisch. Und das lassen wir uns als aufgeklärter Rechtsstaat natürlich gefallen, weil Bonbons immer schon über der Verfassung standen.

Die Kirche hat teilweise durch Einzelmeinungen schon zugegeben, man kann in der Kirche sein und Nazi, das funktioniert. Es finden sich da so viele Parallelen, Frauenhass, Hass auf Aufklärung und Abneigung gegenüber Menschenrechten, eine klare Hinwendung zum autoritären Menschenbild, zu Hierarchien, die Missbrauch fördern, begünstigen und vertuschen – man könnte von bekennenden Christen einfach mal ein schriftliches Bekenntnis zum Grundgesetz einfordern, am besten alle drei Tage oder dreimal am Tag, wie man das sonst bei anderen wollte. Schließlich haben wir Meinungsfreiheit, und da kann sich jeder frei entscheiden, ob er eine christliche Meinung haben will oder lieber nicht. Das halten wir aus. Und das stützt uns nicht zuletzt in den östlichen Parteistrukturen, die Leute da sind ja kaum formal konfessionell gebunden, was die ethischen Grundlagen angeht, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, die haben die letzten tausend Jahre wenig mitgekriegt.

Wir reagieren übrigens ein bisschen verschnupft auf die Versuche, irgendeine Privatversion von Religion für den Wahlkampf zu instrumentalisieren. Die Kirche ist zwar für den Staat ein guter Kooperationspartner, aber das heißt noch lange nicht, dass Sie hier überall Kreuze aufhängen dürfen, wohin der Arm der Union reicht. Das sehen wir uns jetzt sehr genau an, und dann entscheiden wir, ob wir uns das gefallen lassen. Wissen Sie, wenn bei uns schon keiner mehr die Verfassung schützt, dann machen wir das eben selbst.“

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