Ewigheutige

2 10 2018

Es gab Fernsehen in den Zimmern, Fernsehen mit drei Programmen, wobei durch eine verschmitzte Technik auch ein viertes lief, deutlich als Konserve erkennbar, und die Fernseher, Röhrenapparate aus dem technischen Museum, hatten tatsächlich keine Fernbedienung. Nicht einmal die klobigen Kästen an der langen Schnur, die sich ein paar Meter durch den Raum bis halb zum Rauchertischchen wand, nicht einmal die hatten Einzug gehalten. Doktor Pflockenschild hatte alles richtig bedacht.

„Es gibt ein Konstanten im Leben“, erklärte er lächelnd, „und das Fernsehen ist nun mal eine der prägendsten. Deshalb haben wir das Programm auch behutsam an die Bedürfnisse der Patienten angeglichen.“ Peter Frankenfeld machte gerade eine Conférence, auf den Tellern lagen Schnittchen mit Wurstaufschnitt und sorgfältig eingetrockneter Remoulade. Die Schlafzimmervorhänge sahen aus, als wären sie Schlafzimmervorhänge. Hier hatte sich seit Jahren nichts geändert. „Seit Jahrzehnten“, korrigierte Pflockenschild. „Genau darum geht es hier, wir wollen die Sorgen der Patienten mit einem zielstrebigen Mittel bekämpfen.“

Die Neophobie der Insassen musste schlimme Blüten treiben; jedenfalls hatte sich seit vierzig bis fünfzig Jahren nicht viel verändert. „Eine Art Schocktherapie“, bestätigte die Schwester. „Manche werden direkt in ihre Kindheit zurück katapultiert, aber nur die wenigsten.“ „Und die anderen?“ Sie sah mich verständnislos an. „Die waren damals doch noch gar nicht geboren.“ Sie stellte die frisch abgestaubten Aschenbecher auf die Fensterbank.

Der Linoleum-Fußboden war just neu verlegt, hatte aber laut Firmenprospekt ein Alterungsfinish erhalten, als sei er bereits seit Generationen in Gebrauch. „Wir achten sehr auf Details“, erklärte der Leiter, „oft scheitert ein so emotional besetztes Projekt schon an Kleinigkeiten, weil die nicht stimmen.“ Das leuchtete ein.

Auch die Tageszeitungen waren aktuell, nur eben fünfzig Jahre verspätet. Der Prager Frühling war vorbei, die große Krise der deutschen Politik stand unmittelbar bevor. „Wird es die Patienten nicht ängstigen?“ Pflockenschild schüttelte den Kopf. „Sie wissen ja ungefähr, wie es ausgegangen ist. Die Mauer ist irgendwann gefallen, der Terror hatte ein Ende, alles war ganz anders als erwartet, und irgendwie ging die Geschichte immer weiter.“ „Aber wenn die Geschichte immer weiter geht“, insistierte ich, „warum verkriechen sich diese Leute in ihre eigenen Wahnvorstellungen?“ Er musste einen Augenblick überlegen, bevor er antwortete. „Sie sehen ja durchaus eine positive Zukunft, und das ist das, was wir Gegenwart nennen, das heißt, ihre Gegenwart können sie nur deshalb ertragen, weil sie ihre Zukunft ist, verstehen Sie?“ „Und warum versuchen Sie dann nicht, ihnen diese Gegenwart als Ausgangspunkt für eine Zukunft zu erklären, in der die Geschichte auch einfach weiter geht?“ Pflockenschild fuhr sich mit der flachen Hand über die Glatze. „Jede geistige Affektation ist anders, mit Logik kommen wir dem nicht bei.“

Selbstverständlich gab es Wählscheibentelefone und ähnliche Geräte. „Schon wegen der sehr gefährlichen Strahlung“, seufzte der Arzt, „man darf hier so gut wie nichts benutzen, was irgendwie strahlt.“ „Bis auf die Fernseher“, entgegnete ich. Er nickte verzweifelt. „Und die Elektroherde in der Stationsküche, aber das ist natürlich etwas ganz anderes.“ Ich grübelte. „Warum haben sie Angst vor einer Sache, die in ihrer goldenen Vergangenheit noch nicht einmal bekannt war?“ „Das ist egal.“ Er putzt umständlich seine Brille. „Die Hauptsache ist, dass wilde und gefährliche Strahlung durch unbekannte technische Geräte ausgelöst wird, die es in der Gegenwart, also in dem, was sie für ihre Gegenwart halten, nicht gibt.“ „Ein interessantes Verhältnis zur Naturwissenschaft“, meinte ich, „an sich tritt dieser Menschenschlag gerade durch eine besonders ausgeprägte Fortschrittsgläubigkeit in Erscheinung, nicht wahr?“

Der deutsche Schlager, vielmehr seine düstere Vergangenheit wehte durch den Aufenthaltsraum. Irgendwo forderte eine sächselnde Stimme ein hartes Vorgehen gegen Fluchthelfer. Es roch nach nasser Wäsche und Kohlenstaub. Aus dem Untergeschoss hörte man einen Kanarienvogel zwitschern, etwas zu laut und zu regelmäßig, um noch als echt durchzugehen. Aber vielleicht war das ja auch gar nicht mehr gewünscht. „Wir stecken in einer Zeitschleife“, stöhnte Pflockenschild. „Wenn Sie in zehn Jahren wiederkommen, werden Sie dasselbe sehen, vielleicht dieselben Leute, und sie sind auf dem Stand von heute, weil wir sie nicht für den Rest ihres Lebens näher an eine Gegenwart heranführen können, die sie ablehnen. Es sind keine Ewiggestrigen, schlimmer: es sind Ewigheutige. Sie sind vollständig aus der Zeit gefallen, keiner wird sie mehr zurückführen können, und genau das ist das Problem. Wir müssen sie immer weiter von uns wegschieben, damit sie sich nicht mehr in unserer Gegenwart einnisten. Furchtbar, nicht wahr?“

Die Schwester rollte den Servierwagen durch den säuerlich riechenden Flur. Er quietschte. Das also war die Gegenwart. Ich schaute auf die Uhr, es war später als geplant. Man kann seiner Zukunft einfach nicht entkommen, dachte ich. Vielleicht ist das auch ganz gut so.

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