Zur Strecke gebracht

4 10 2018

„Das ist noch gar nicht entschieden, ob wir den Frühbucherrabatt abschaffen. Überlegen Sie mal betriebswirtschaftlich, wenn wir jetzt alle ICE-Strecken teilstilllegen – ich liebe dieses Wort, das müssen Sie sich auf der Zunge zergehen lassen – dann kommen Sie als Fahrgast ohne zeitige Buchung niemals zum Zuge – köstliches Wortspiel, finden Sie nicht auch? Also ich liebe meinen Job, wirklich. Die Deutsche Bahn AG, das hat was!

Die neue Generation der Klimaanlagen ist noch gar nicht raus, und schon beschweren sich wieder alle. Wir haben im Sommer zuverlässig versagt, das lag aber nicht nur am Sommer, das lag an der alten Generation der Klimaanlagen, und jetzt haben wir bald Winter, das heißt richtig tiefe Temperaturen, durchgängig unter zehn Grad, da drehen alle die Heizung auf, und was soll ich Ihnen sagen? Es funktioniert! Hören Sie auf, Sie wollen doch gar keinen Zug mit Heizung, das ist doch nicht das Lebensgefühl von Deutschen, die einfach mal mit dem Zug zur Arbeit fahren oder auf Geschäftsreise sind oder sich den ersten Urlaubstag gründlich versauen wollen. Sie wollen den proppevollen Zug mit umgekehrter Wagenreihung und total verpatzter Reservierung, auf dem Sie von einem uniformierten Arschloch angepöbelt werden, weil er zu blöde ist, einen Fahrplan zu lesen. Wenn Sie Service haben wollen, dann fliegen Sie doch, oder?

Zeigen Sie mal her. Fulda? Ja, da kommt man vorerst noch hin, aber ich frage Sie: warum? Ist es denn woanders nicht auch schön? Mallorca? die Wüste Gobi? Was wollen Sie ausgerechnet in Fulda? Putzen Sie beim Weihbischof die Fenster? Überdenken Sie gefälligst mal Ihr Reiseverhalten, wir machen das doch hier nicht zum Spaß! Sie wollen von Frankfurt nach Offenbach, das ist ja schon an der Grenze zur Unzurechnungsfähigkeit, was nerven Sie da unseren Kundenservice mit den Abfahrtszeiten? Können Sie sich etwa keinen Hubschrauber leisten?

Auf jeden Fall wird jetzt erst mal Zugfahren teurer. Ja, was haben denn Sie gedacht? Rücklagen? wir müssen doch Boni bezahlen für den Vorstand, in Stuttgart ist so ein Loch, wo wir auch regelmäßig ein paar Milliarden reinkippen, der Rest geht an Pofalla, damit der seine dumme Fresse hält – da kommt ganz schön was zusammen! Aber trösten Sie sich, dafür kriegen Sie auch was. Zugfahren wird nicht nur teurer, Sie sitzen jetzt einfach länger im Zug drin. Lokführer gibt’s auch kaum noch, das heißt, mit etwas Glück genießen Sie Ihr Leben bald nur noch in vollen Zügen – witzig, oder? also ich finde den klasse! Erste Klasse, hahaha! Da wird das Bahnfahren wieder zum sozialen Erlebnis, das ist die Zukunft. Also wenn man sich den Zustand des restlichen deutschen Schienennetzes anschaut, dann ist das sogar ziemlich sicher die Zukunft für die kommenden paar Generationen.

Bitte jetzt keine internationalen Vergleiche, das verdirbt uns nur die Preise. Die Schlitzaugen könnten ihren Schienenverkehr nie so ablaufen lassen ohne eine zentralistische Aufsicht? Das mag durchaus richtig sein, vor allem in Hinblick auf den Aufsichtsrat. Also unseren. Aber Sie müssen auch zugeben, dass die mit unfairen Mitteln kämpfen – die planen während der Arbeitszeit! So könnten wir das natürlich auch, aber dann hätten wir ja kein Geld mehr für die nächsten Großbaustellen!

Deutsche Bahn, das ist ein Qualitätsprodukt, und dafür bringen wir Sie zur Strecke! Also im übertragenen Sinne, das heißt, wir zeigen Ihnen gerne unser gesamtes Netz, und wenn Sie Glück haben, entdecken Sie dabei noch Ihre Heimat ganz neu. Wenn Sie beispielsweise in den Münchener Hauptbahnhof einsteigen – ich liebe diese Stelle! –wenn Sie da so einsteigen, und der ICE sollte eigentlich nach Mannheim fahren, dann kann man wegen eines technischen Defektes schon mal in Ulm, also in Ulm, um Ulm… ja, ich kann’s mir auch schenken, da haben Sie recht. Also wenn dann in Ulm der komplette Zug ausgewechselt werden muss, dann fahren Sie bis Stuttgart, aber dafür stehen Sie erst mal in Ulm. Der Zug steht, ja, aber Sie stehen auch im Zug, weil es Sitzplätze ja nicht mehr gibt, die waren schon alle reserviert. Also doppelt Stehen zum alten Preis, und dann auch noch in zwei Zügen, und wenn Sie zurückfahren, haben Sie nicht nur zwei Stunden Verspätung, der Zug endet auch in Augsburg, weil der Lokführer nicht mehr weiterfahren darf wegen der Arbeitszeiten. Wir haben nicht nur zu wenig Wagen, wir haben für Sie auch zu wenig Lokführer – mehr Doppelpack geht doch nun echt nicht, oder? Oder!?

Ob ich das gut finde? Wissen Sie, ich mache hier auch nur meinen Job. Irgendwann muss man das ja mal sanieren, und besser spät als nie, weil, wenn wir es nie sanieren, dann können wir auch keine Züge mehr fahren lassen. Das sehen Sie doch ein? Und dass man in einem Unternehmen, das komplett auf Verschleiß fährt, keine Rückstellungen einplant, weil man sich ja aus dem Bundeshaushalt bedienen kann, das müsste Ihnen doch auch gelegen kommen, oder wollen Sie etwa noch mehr für die Bahnfahrt bezahlen? Ich habe hier einen netten Job in der Zentrale, ein eigenes Büro, eine Art privaten Beamtenstatus, kleines Häuschen im Vorort, so gut wie abbezahlt, kleine Familie, dreißig Tage Urlaub, angenehmer Arbeitsweg, eigener Stellplatz in der Tiefgarage – wieso soll ich mit der Bahn fahren, nur weil’s kostenlos ist? Bin ich denn bescheuert!?“

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