Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXXXIV): Die Bio-Lüge

5 10 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es gibt viele Distinktionsmerkmale, wenn sich der Hominide als Teil der besseren Gesellschaft zu erkennen geben will, auch und gerade da, wo er größten Wert darauf legt, dass nur Distinguierte einander erkennen am Augurenlächeln. Im Tier-Mensch-Übergangsfeld kam allmählich Schmuck als reine Sinnlosigkeit auf, wenigstens da, wo keine tierischen Artefakte von Mut und Geschicklichkeit zeugten, sondern sich die Primaten allerlei Tinnef aus Biomasse um den Hals legten. Und so ist es auch in der Jetztzeit, während höchst kultivierte Forst- und Studienräte mit ihren Zivilpanzern auf dem Discounterparkplatz den Gegenwert eines Kohlekraftwerks in die Atmosphäre rülpsen, landet im Kofferraum der gute Ökospargel, tiefgefroren und mit gutem Andenquellwasser befeuchtet, denn was wäre Weihnachten ohne ein bisschen Luxus?

Der moralisch erwachte Körnerfresser ist in der oberen Liga angekommen, und wer es kann, zeigt es auch. Natürlich gehört zur Klientel reststofffrei abbaubarer Neoliberaler der pestizidfreie Typ mit dem Ich-bremse-auch-für-Tiere-Sticker am Toches der Gemächtprothese. Ihre Gesprächsthemen sind zu drei Vierteln aus naturbelassenem Quark, gut garniert mit der Botschaft, dass sie selbstredend die Pinkeltaste auf dem Zweitklo im Landhaus – sehr verkehrsgünstig an der Ausfallstraße gelegen, mit Doppelgarage, keine fünfzig Kilometer vom Büro entfernt – mit repressionfrei geklöppelten Bömmeln schmücken, falls Gäste einen Liter Trinkwasser in die Kanalisation jagen wollen, ohne sich in Blut und Boden zu schämen. Das verfolgt sie bis tief in den Schlaf, noch neulich am Pool in der DomRep, natürlich Flug mit dem Billighuber, aber der Niedriglohnsektor will ja auch unterstützt werden, da haben sie sich gegenseitig in die Sprachlosigkeit philosophiert, warum man zu Hause nicht auch mal so bedürfnislos leben könne wie in der malerischen Armut der Kuffnucken, die einem für Euromünzen die veganen Plastesandalen säubern.

Natürlich geht der ökologische Besserwisser strikt gegen die Renegaten im engeren Umfeld vor. Wer noch immer keinen fair gehandelten Kaffee in die verbrauchsmateriallose Brühmaschine für den Gegenwert einer Solarstromanlage stopft, ist ein Nazi und wird auch dementsprechend behandelt, nebst Demonstration vor dessen Etagenwohnung und Sprechchören auf dem Elternabend. Seit Jahren hält sich das Gerücht, der Ex-Nachbar solle auf dem Balkon beim Verzehr einer Avocado beobachtet worden sein, was unter liberalen Weltverbesserern ungefähr so gut ankommt wie das Bekenntnis zur Kinderarbeit als betriebswirtschaftlich erstrangigem Controllingfaktor.

Aber das Bapperl, das man auf Gurken popelt, ist sein Fetisch, nur dann ist alles gut. Bio-Gemüse aus dem Flugbetrieb schwiemelt sich der Schnösel vergnügt hinters Zäpfchen, während konventionell angebaute Feldfrüchte nach EU-Standard ihm nicht auf den Teller kommen, weil vom Satan selbst mit saurem Regen gebenedeit. Die Ichlinge propagieren bei Fleischkonsum – so er nicht als Fortsetzung des Völkermordes mit anderen Mitteln vom Tisch ist – unumwunden für eine angeblich existierende Öko-Zucht und Schlachtung, als ob man Kälbchen zu Tode streichelt, die aber denselben Fußabdruck in die eine Erde stampft wie der Hühnergulag um die Ecke, der nicht minder abhängig ist vom Import billiger Fresschen, um die Preisspanne nicht an Überstreckung krepieren zu lassen. Der ökologisch behauchte Hobbykoch, der sich einmal im Monat zwei Hühnerbeine leistet und dazu ein komplettes Tier vom Bauern abholt, auf dem Liegerad oder per Gleitschirm, hat sich im Märchen verlaufen und ist mit dem Kopf am Zaun hängen geblieben.

Es gäbe so viel spaßige Gelegenheiten, den Moralaposteln alles madig zu machen, Schokolade, Schnittblumen, Gewürze, Baumwolltextilien. Sie schmarotzen sich durchs Leben auf den Schultern von Giganten, und bis hier hat kein Zündschlüssel den Weg in die Körperöffnung ihres Zwölfzylinders gefunden, der als Statussymbol unter ihnen die Autobahn bis Wladiwostok entlang fräst. Wie sich der neoliberale Korpsgeist als soziales Engagement verkleidet, weil er weiterhin billiges Fertigfutter fürs Prekariat fordert, nutzt er die sorgsam in PVC eingesargte Bio-Gurke – der Keim lauert überall – als Knüppel aus dem Sack gegen alle die, die ihm seine Führerschaft im öffentlichen Diskurs streitig machen wollen, als zählte Vernunft noch etwas.

Dabei könnte sie helfen. Kapselkaffeeapparate mit grotesk hohen Steuern zu belegen wäre eins, aber jeden dieser Aluminiummessies sofort nach Erwerb der Müllmaschinen beim Verlassen eines Elektrosupermarktes mit gemischten Sprechchören zu empfangen, ihm das Ding zu entreißen und es ad hoc im Rinnstein zu zerkloppen, das wäre eine machbare Lösung, die dem moralischen Impetus der Berufsbetroffenen in nichts nachstünde. Sie werden sich zu wehren wissen. Ihre Anwälte sind gut, denn sie arbeiten zufällig für die Industrie der Grünwäscher. Man könnte ja wählen, aber am Ende erwischt man einen Kandidaten, der auf dem Balkon sitzt und Avocados isst.

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