Γνῶθι σεαυτόν

7 10 2018

für Erich Kästner

Hartnäckig hält sich das Gerücht,
es gäbe einen Bösen.
Doch sucht man, findet man ihn nicht.
Das lässt sich nicht niemals lösen.

Betrachtet man die Menschen dann,
betrachtet man die Taten,
lässt es sich schon von Anfang an
aus ihrem Tun erraten.

Was manchen in den Ohren klingt,
hier wird es wohl begründet:
der Böse ist nicht unbedingt
der Böse, den man findet.

Man schaltet sein Gewissen aus –
vorausgesetzt, man wäre
noch des Gewissens Herr – und raus
kommt Tat, kommt Schuld und Schwere.

Es ist kein Teufel, den Gebet
und Frömmigkeit besiegen.
Ihr findet ihn. Von früh bis spät
wird es in Euch drin liegen

und nagt das bisschen Mitgefühl,
das Ihr noch habt, vom Knochen.
Dann wird es dunkel, feucht und kühl.
Dann kommt es angekrochen.

Wer jemals das in sich erfand,
erspart sich noch kein Leiden.
Es liegt nur in der eignen Hand,
sich anders zu entscheiden.

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