Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXXXV): Die Radikalisierung der Debatte

12 10 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Dieser eine kleine, dicke König – der Name ist nicht genau überliefert, aber er wird schon gelebt haben, wenngleich lange vor der Aufklärung, wenn nicht vor der Zivilisation – hatte eine Idee, wie man des Untertanengeplärrs Herr und ledig werden konnte. Alle seine Diener, so dachte er, sollten alle Katzen des Landes zusammentreiben und ins Feuer werfen. Da er aber den Sturkopf der Königin zu gut kannte, wusste er, sie würde ihn herunterhandeln, zunächst auf alle schwarzen Katzen, dann auf alle mit blauen Augen. Mehr brauchte er auch nicht, denn als gewiefter Taktierer, der als Kronprinz die Tarifverhandlungen mit der Gewerkschaft der Folterknechte geführt hatte, wusste er, dass man eine Maximalforderung nicht stellte, um sie durchzudrücken, sondern um dem Gegner die Stirn zu bieten, der seinerseits eine Maximalforderung in den Disput wirft. So weit, so gut. Dann kam die Aufklärung, sah sich um und verschwand.

Denn nichts anderes hat dazu geführt, die westliche Gesellschaft in die Gegenwart zu führen, in der eine Frau ohne Erlaubnis des Ehegatten einen Arbeitsvertrag unterschreiben, ein eigenes Konto eröffnen und über ihr in diese Ehe eingebrachtes Vermögen verfügen konnte, was bis heute den Jammerlappen von der Herrenrasselbande ein Dorn im trüben Auge ist. Bis dato auch gilt alles, was der Befreiung von Jahrhunderte dickem Staub diente, als Vernichtungsangriff auf irgendein Abendland, was ad hoc zu Lufteinlagerungen im Schädelkalk führte. Noch führte die liberal getönte Demokratie, die Schäfchen im Schafspelz, das Ideal vom der gesitteten Debatte im Wappen, nach einer, dann nach zwei Diktaturen pures Hirnschadenkaraoke angesichts eines anhaltend zerstörerischen Furors aus dem rechten Lager, der nun seinerseits die politischen Positionen festsetzte: keine Ostgrenze soll anerkannt, der Holocaust straffrei geleugnet und ein toitscher Schlussstrich gezogen werden unter die Ungnade zu früher Geburt. Die dahinter verborgene Strategie bleibt es nicht lange: die Grenzen des Sagbaren sollen ausgedehnt werden.

Das zivilisierte Gespräch, meist ein preziöses Gepopel um Worthülsen, das rechte Waschweiber als Vorstufe zur Schlammschlacht nehmen, um ihre soziopathischen Feuchtgebiete nachzuspeicheln, wird von ihnen durchaus nicht missverstanden als eine Gelegenheit, alles offen und ohne Angst vor möglichen Folgen herauszukreischen, was sie an Hass- und Gewaltvorstellungen in sich tragen; es wird von ihnen so verstanden, und das nicht ohne nachhaltige Absichten.

Je mehr sich die linksliberalen Utopisten in eine Zukunftswelt zurückziehen mit Ideen, die erst in kommenden Generationen verwirklicht werden (Gleichberechtigung, Ehe für alle), die zumindest nicht ohne gesellschaftliche Umbrüche machbar wären (bedingungsloses Grundeinkommen) oder die schlicht hirnverbrannter Schwachsinn sind (eine Welt ohne asoziale Arschlöcher, die sich mit dem Verkauf von Waffen in Krisengebiete die Rosette vergolden), desto eher heult es auf dem anderen Seite des Grabens, jetzt müsse man aber endlich die Zeit wieder zurückschwiemeln bis ins Mittelalter. Und so geschieht es auch; mit ansehnlichem Gegenschub grätscht der Diskurs in Richtung intellektuelle Finsternis.

Die Absicht der Moorleichenlehrlinge ist es, den Extremismus ohne deutliche Klassifizierung als Undenkbares in einer Dauerschleife zu wiederholen und durch die permanente Präsenz in der Debatte als neue Normalität zu etablieren, in stetem Vertrauen darauf, dass die Mehrheit der Deppen alles für normal hält, worüber ständig gesprochen wird – sonst würde ja nicht darüber gesprochen. Zugleich diskriminiert ihr Gezeter jede sinnvolle Debatte als gemeinschaftsschädlich, zunächst, weil sie angeblich die Selbstverstärkung in der Echokammer als radikaler Gegenentwurf stört, schnell aber nur noch, weil sie sinnvoll ist und den Populismus der Emotionsbulimiker empfindlich mit Geist verwässert. Und schon verkehren sich die Seiten: Rechtsextremismus wird als Normalität hingestellt, wer sich aber normal verhält, gilt als linksextrem. Gleichzeitig hält der Extremismus, der die Mitte repräsentieren will, jeden Gegenwind für eine Einschränkung der Meinungsfreiheit, auch bei demokratisch nicht mehr verwertbarem Denkmüll aus seiner Blase, und kombiniert dies geschickt mit der traditionellen Opferrolle des in Geschichte und Gegenwart ständig unterdrückten Freiheitskämpfers im Gefängnis seines eigenen Menschenhasses. So radikalisiert sich die Debatte, bis keine Debatte mehr existiert. Ihre Totengräber sind nicht allein die Schreihälse, es sind pseudolibertäre Moderatoren, die den Erdrutsch nicht sehen und eine Position in der Mitte auspendeln wollen, die sozial verträglich sein muss, weil sie ja in der Mitte liegt, und es sind die Ängstlichen, die dem Dauergebrüll zuhören, weil es zwar radikal ist, aber aus der selbst definierten Mitte tönt. Die Radikalen bedienen dabei allenfalls ihr Zerrbild einer schweigenden Mehrheit. Wenn sie mal täte, es wäre schon viel gewonnen.

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