Goldes Wert

17 10 2018

„Wieder so ein neumodischer Schrott!“ Herr Breschke stopfte den Blumenstrauß in die Vase, und er tat es mit einer Wucht, dass man fürchten musste, sie kämen unten wieder heraus. Aber das wäre zu verschmerzen gewesen, von ihrem ansehnlichen Gewinn hätte sich das Pensionärspaar leicht ein Dutzend neue Vasen leisten können. Es war von der Einbauküche noch ein ganz hübsches Sümmchen übriggeblieben.

„Ich wäre ja lieber an den Gardasee gefahren“, klagte der Hausherr, „aber meine Frau wollte es unbedingt.“ „Sie müssen zugebene, dass die ganze Einrichtung einige Jahrzehnte lang nicht mehr renoviert wurde.“ Er schien meinen Einwand gar nicht zu hören. „Der Herd war doch noch wie neu.“ Dass man eine der vier Kochmulden nur mehr zum Warmhalten nutzen konnte und dass er sich, außer zur Bedienung der Kaffeemaschine, größtenteils aus der Küche heraushielt, tat hier nichts zur Sache. Der ehemalige Finanzbeamte blickte sich hilflos um und legte das Blumenpapier auf den Küchentisch. „Ich sehe ja ein, dass man mit der Zeit gehen muss, aber warum muss sie so ein modernes Zeug anschaffen?“

Er schien nachhaltig verstört, denn nicht einmal der unerwartete Lottotreffer brachte seine Laune zum Überschäumen. Im Gegenteil. „Achtundvierzig Jahre lang war hier der Geschirrschrank“, knurrte er, „und dann haben sie hier den Geschirrspüler eingebaut.“ Horst Breschke kratzte sich an der Stirn und schnaufte gewaltig. „Soll ich denn jetzt mein Geschirr direkt aus dem Spüler holen?“ „Das wäre mal eine Idee“, sinnierte ich, „nur bräuchte man dazu zwei Spüler.“ Er blickte mich verständnislos an. „Sie holen das saubere Geschirr aus dem einen Spüler“, erklärte ich, „und wenn es benutzt ist, stellen Sie es in den zweiten. Dann waschen Sie ab und wiederholen die Prozedur, nur umgekehrt.“ Das leuchtete ihm ein.

Dennoch hatte er sich noch nicht mit dem Interieur angefreundet. „Ich wollte Ihnen ja schon einen Tee machen, aber ich muss warten, bis nachher die Handwerker noch einmal kommen.“ Vielleicht hatten die das Teedöschen aus Versehen in eine der noch nicht erschlossenen Schubladen geräumt? Breschke schüttelte den Kopf. „Nein, aber Sie kommen sicherlich selbst darauf. Setzen Sie doch schon mal das Teewasser auf.“ Statt eines Kochers, wie er in fast jeder halbwegs zeitgemäßen Küche zu finden gewesen wäre, stand ein Kessel auf dem Herd, blau emailliert, auf der Tülle die vorschriftsmäßig sitzende Pfeife. „Sehen Sie es?“ Mir fiel nichts auf. Vielleicht hatte ich den Kessel auf das falsche Feld gestellt? „Sie haben vergessen, die Knöpfe anzubringen“, schimpfte er. „Wie soll man denn den Herd anstellen, wenn…“ Ein paar Sekunden später begriff Herr Breschke, dass sich das Gerät leicht mit dem Finger bedienen ließ, wenn man auf die dazu angebrachten Symbole drückte. „Sehen Sie“, erklärte ich, „das ist rechts hinten, und damit stellen Sie die Stufe ein.“ Ein leichtes Glühen färbte das Kochfeld rot. „Dazu haben die Geld“, ereiferte sich der Alte, „Kochen mit Beleuchtung!“

Ansonsten hatte sich wenig verändert. Der alte Kunststofffußboden war ebenso geblieben wie die wackeligen Stühle. „Wenn ich das gewusst hätte“, jammerte Breschke. „Wir hätten doch einen ganz normalen Herd nehmen können, nicht einen mit neun Stufen!“ Langsam erhitzte sich das Wasser. „Das geht jetzt allerdings auch schnell – wenn wir jetzt auf Stufe Neun kochen und nicht mehr wie vorher mit der Drei, kann man dann die Kochzeit eventuell verkürzen?“ Er grübelte; bevor ich noch eine Antwort geben konnte, fiel es ihm ein. „Ich werde das morgen früh mal versuchen. Wenn man nämlich die Kochzeit für die Frühstückseier zu zwei Dritteln spart, dann ist dieser neue Herd ja doch zu etwas gut. Der spart ja nicht nur Zeit, der spart dann auch Energie, nicht wahr?“

Wie gut, dass sie sich nicht auch noch eine neue Waschmaschine gekauft haben. Da knirschte auch schon der Schlüssel im Haustürschloss: Frau Breschke kam rechtzeitig. Rasch huschte sie über den Flur, bevor sie die Einkäufe die Kellertreppe hinabtrug. „Wenn wir tatsächlich so viel Strom sparen“, sinnierte der Hausmann, „dann könnten wir uns in einem Jahr neue Stühle anschaffen, oder nein, warten Sie mal – wir haben doch auf dem Dachboden noch einen Schnellkochtopf!“ Breschke machte Anstalten, das Ding sofort in die Küche zu schleppen. „Wenn wir damit die Eier doppelt so schnell kochen können, dann hieße das ja, dass wir nur noch maximal zwei Minuten, und das ist ja so gut wie nichts, wenn man bedenkt, dass wir vorher immer eine Viertelstunde auf die Eier warten mussten!“

Ein schriller Schrei hielt ihn davon ab, die Treppe zu erklimmen; im Nu war er in der Küche. „Das Blumenpapier!“ Frau Breschke ließ die halben Wasservorräte der Stadt über den leicht bräunlichen Bogen rinnen. „Du hast das Blumenpapier auf die heiße Herdplatte gelegt!“ „Die war doch nicht an“, schrie er zurück. „Die hat nur geleuchtet.“ Es roch ein bisschen kokelig, ansonsten war nicht viel passiert. „Sehen Sie“, knurrte er. „Das kommt dabei raus, wenn man so neumodisches Zeug anschafft, das nicht zwischen einem Teekessel und einem Blumeneinwickelpapier unterscheiden kann!“ Er warf den klatschnassen Papierklumpen in den Müll. „Kommen Sie mit.“ Breschke griff nach dem Haustürschlüssel. „Ich kaufe jetzt eine Kochplatte. Sicher ist sicher!“


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