Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXXXVI): Das Dankbarkeitssyndrom

19 10 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Danke für meine Arbeitsstelle, danke für jedes kleine Glück. Die Pest hat einen Namen und es braucht mehr als Schmirgelpapier, um sich diesen Schmodder aus der Hirnrinde zu schwiemeln. Die gesamte westlich-vegane Welt, das christliche Abendland samt kapitalistischer Anhängsel und Wurmfortsätze, aalt und suhlt sich in Ergebenheit, nicht dem Schicksal gegenüber, aber doch in quasi-esoterischer Selbstermächtigung, dass noch aus dem dümmlichsten Hirnquark ein Patentrezept wird, mit dem die intellektuelle Ausschussware sich ihr bisschen Stoffwechsel in ein erfüllendes Leben umbiegen kann. Der Murks hat Methode, und wer sie nicht mehr merkt, ist als unterwürfiges Rad im Getriebe gerade recht. Einmal mit dem Syndrom ewiger, vollumfänglicher Dankbarkeit für alles, jeden sowie den letzten Rotz infiziert, und die Sache läuft.

Es ist vordergründig die devote Grundhaltung, noch die ausweglose Hochglanztristesse eines gründlich versaubeutelten Systems als gegeben zu betrachten, sie hinzunehmen und – positiv denken, positiv denken! – sich die ganze Scheiße bunt zu lügen. Frisch geschieden? super, mehr Zeit für Überstunden! Danke, Chef! Umweltkatastrophe im Kongo? dufte, wir leben in Europa! Danke, Zufall! Erderwärmung? na urst, wenn der Meeresspiegel steigt, sind wir schon längst Biomasse! Danke, Generationenungerechtigkeit! Alles lässt sich so krempeln dass das Gute in den Vordergrund tritt, alles gibt jemandem die Gelegenheit, dankbar zu sein, und ist man es nicht selbst, dann danken wir aus Solidarität. Nazis zünden Flüchtlingsheime an? knorkomat, da hocken die Arschmaden wenigstens mal nicht auf der Straße! Danke, Faschismus!

Aber machen wird uns nichts vor, dankbar ist das neue achtsam, und es führt zu bestialischen Selbstzerfleischungen, nur um für andere attraktiv genug auszusehen. Die komplizierte Demut wird in ihrer geistigen Einfachheit demonstrativ vor sich hergetragen als Monstranz klinischer Beklopptheit. Aus dem Gekrümel bastelt sich die Zielgruppe einen eigenen Lifestyle, und es wäre keiner, wenn sie nicht peu à peu extremistisch würde, für alles danken würde, erst für schönes Wetter, dann für die momentane Gesundheit, irgendwann für die Gene, wahrscheinlich auch irgendwann für die Luft zum Atmen oder die kosmische Hintergrundstrahlung. Nach diesem Strickmuster sind Dummdeppen stolz, eine Nationalität zu besitzen, auch wenn sie am Zustandekommen der Nationalität nicht schuld sind und nichts dafür getan haben, mit ihr geboren zu werden.

Der Schmalz quillt nicht zufällig aus der neoliberalen Tüte, die dem narkotisierten Prekariat beibringt, die Krümel vom Tische des Herrn als ausreichend zu betrachten und nicht ständig nach mehr zu gieren, wie es angeblich leistungsstarken Besitzern von Aktien und Erbschaften zusteht. Man trichtert den Unterernährten ein, wie schlank sie durch liebevolles Hungern bleiben, erklärt ihre unterbezahlten Knochenjobs zur gesellschaftlich wichtigsten Wertschöpfung – was für die Chefs der Knochemühle ja auch stimmt – und feiert ihre eiserne Disziplin, mit der sie nicht nach der Sense greifen, um diesen komplett verseiften Schrunz der Elite zu beseitigen. Würde man sie stolz machen, ihnen Ehre und Würde einreden, den Pfleger zum Ritter schlagen, die Alleinerziehenden als Vorbild an sozialem Altruismus preisen, sie würden schnell wider den Stachel löcken.

Dazu kommt der anthropogene Vollschrott, der an seinen Folgen erkennbar die Absurdität dieser Welt zeitigt. Rüstungsproduktion, Getreideanbau zur Kraftstofferzeugung, Handelskriege, planmäßig betriebener Steuerbetrug, Mülltourismus, dazu der Sicherheitswahn und der Staatsterrorismus von Diktaturen, die aus politischem Opportunismus hofiert werden, alles das ballt sich zusammen zur übermächtigen Idee, dass diese Existenz ohne Sinn, ist, ungerecht und grenzwertig inszeniert. Mag man an der Vorstellung zweifeln, dass es jenes höhere Wesen, das wir verehren, tatsächlich gibt, hier ist wieder die Gewissheit – positiv denken, positiv denken! – dass alles gut ist, von oben kommt und es kein Scheißleben in diesem richtigen geben kann. Überhaupt, für Einsfuffzich in der Stunde arbeiten, in den Slums von Bangladesch wäre man damit der König der Reiskörner, könnte mit seiner Hartzknete locker Benz fahren und wäre nebbich so ein elend undankbares Geschöpf, dem man die Moralkeule durch die Zahnlücken ziehen könnte. Klar lässt sich das schönquatschen, klar kann man jeden, der von Dank durchspült wird, als bereits genug entlohnt abstempeln, denn wer jammert, hat zu viel Zeit, aber wer dankt, der mosert nicht. Wir haben uns in ein bezauberndes Gefängnis aus Emotionsglibber locken lassen, die kalte Schleimigkeit sieht man erst nach dem Betreten, wenn die Tür gerade knarzend sich zu schließen beginnt. Alles atmet Frieden, eine tiefe Selbstgerechtigkeit wabert über den Boden und vernebelt alles, was mit der Nase knapp über Null liegt. Alles ist gut, solange dieser Planet eine Population duldet, die sich mit der Abrissbirne artikuliert. Toll. Aber hier leben? Nein. Danke.

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