Rückabwicklung

1 11 2018

„Aber zumindest jetzt könnte man doch erst mal die wichtigen Dinge erledigen und den…“ „Welche wichtigen Dinge?“ „Und wer erledigt das?“ „Und warum erst jetzt?“ „Heilige Makrele, haben Sie denn die letzten Jahre geschlafen?“ „Ich meine, wenn wir die SPD nicht in die Regierung kriegen, dann sollten wir sie jetzt raus nehmen.“ „Und das bezeichnen Sie als Erneuerung?“

„Wenn wir uns jetzt für ein Linksbündnis öffnen wollten, müssten wir auch linke Politik machen.“ „Ach was!“ „Gut, dann eben nicht.“ „Und damit ist das dann schon abgehakt für Sie?“ „Wir haben die Koalition jetzt schon mal für uns als beendet erklärt.“ „Sie haben den Pofalla gemacht?“ „Aber nur intern, es muss ja irgendwie weitergehen.“ „Das heißt nicht, dass wir in dieselbe Richtung gehen müssen, in die wir bisher gegangen sind.“ „Nicht?“ „Im Prinzip nicht.“ „Aha.“ „Also müssen wir in die Richtung zurück, aus der wir kommen.“ „Das dürfte aber eine lange Reise werden.“ „Naja, der Weg ist halt auch das Ziel.“ „Aber wie manchen wir das den Wählern klar?“ „Wir könnten das als unsere Abwicklung bezeichnen.“ „Ich weiß ja nicht.“ „Als Rückabwicklung?“ „Meinen Sie, das kommt an?“ „Eher als wir, schätze ich.“

„Vielleicht sollten wir die Werbung ein bisschen besser gestalten.“ „Ein bisschen?“ „Heilige Makrele, wir sind kurz vor dem Absaufen, und er will in Zeitlupe nach oben schwimmen?“ „So viel Geld haben wir gar nicht!“ „Was heißt denn überhaupt: ein bisschen?“ „Naja, wir müssen nicht gleich so mit der Tür ins Haus fallen, sonst verwechseln die uns mit den Linken.“ „Also keine explizit linken Inhalte.“ „Das dürfte bei der jetzigen SPD verhältnismäßig einfach zu machen sein.“ „Und natürlich die Personalfrage, die ist im…“ „Endlich mal Fortschritt!“ „Jau, weg mit Nahles!“ „Also ich hatte eher gemeint, wir brauchen neue Gesichter.“ „Das hatte ich auch so verstanden.“ „Auf den Plakaten.“ „Meine Güte, was soll denn der Unsinn wieder? Wen wollen Sie denn da noch plakatieren?“ „Vielleicht jemanden, der eher so die jungen Leute anspricht. Richtige Sympathieträger halt.“ „Und an wen hatten Sie da so gedacht?“ „Peter Maffay.“ „Entschuldigung, wen!?“ „Peter Maffay.“ „Meine Güte, der kann doch unterm Tisch durchlaufen!“ „Da passt er ja wenigstens zu den Umfrageergebnissen.“ „Meine Güte, ist Ihnen klar, wie alt der Mann ist?“ „Also wir fanden den ja früher toll, und der ist auch…“ „Der vergrault uns noch die letzten Pensionäre!“

„Aber wir können jetzt nicht alle zurücktreten.“ „Warum denn nicht?“ „Sie sind vielleicht schon abgesichert, aber ein paar Leute müssten regelrecht arbeiten gehen.“ „Igitt!“ „Schlimm!“ „Und das in einer Arbeiterpartei!“ „Warum werden wir denn nicht mehr gewählt?“ „Weil wir beschissene Politik machen?“ „Weil in dieser Partei dieselben Idioten seit zwanzig Jahren eine zunehmend beschissene Politik machen, die keiner mehr sehen will.“ „Die Politik?“ „Ich glaube, er meint die Idioten.“ „Wie groß muss der Leidensdruck sein, dass man statt uns die Linken wählt?“ „Heilige Makrele, das ist doch überhaupt nicht miteinander vergleichbar!“ „Sollen wir uns jetzt alle selbst abschaffen?“ „Da wüsste ich wenigstens einen, der uns erklärt, wie das funktioniert.“ „Wieso haben wir den eigentlich noch nicht abgeschafft?“ „Solidarität und so. Macht man ja in der Partei mit seinen Genossen.“

„Und dann haben wir natürlich noch das Problem mit den Migranten.“ „Also wenn Sie mit denen ein Problem haben, ich habe keins.“ „Naja, ich auch nicht, aber der öffentliche Diskurs ist doch insgesamt eher in die Richtung gerutscht.“ „Das hat die CSU auch gedacht.“ „Gegen die SPD würde aber keiner auf die Straße gehen.“ „Nicht mehr.“ „Wieso nicht?“ „Wenn ich der SPD beim Sterben zugucken will, bleibe ich zu Hause und warte ab, wann es passiert.“ „Aber Migration ist nun mal ein höchst problematisches Thema.“ „Also höchst problematisch ist eher, wie mit dem Thema in der Öffentlichkeit umgegangen wird.“ „Und in den Medien.“ „Brauchen wir mehr Medienpräsenz?“ „Jedenfalls nicht beim Thema Migration, das wird doch eh alles in die rechte Ecke gedrückt.“ „Wir könnten doch hier als linkes Gegengewicht…“ „Heilige Makrele, wenn Sie in irgendeine Talkshow kommen, dann ist doch der Grüne schon da, der Ihnen erklärt, wie man’s richtig macht!“

„Vielleicht müsste man die Partei tatsächlich mal umvolken.“ „Bitte was!?“ „Sagt doch jeder, dass das sowieso gerade passiert.“ „Sie meinen, wir sollten alles austauschen, Programm und Richtung und Vorstand und Köpfe und alles?“ „Ja, aber Nahles muss natürlich bleiben.“ „Ah, verstehe. Sie hat uns in die Bredouille gebracht, sie darf die Suppe jetzt auslöffeln.“ „Nein, aber ich dachte, ein bisschen Kontinuität könnte uns doch nicht schaden. So als Wiedererkennungswert.“ „In der Geisterbahn hängen immer noch die alten Köpfe, und er spricht von Wiedererkennungswert!“ „Heilige Makrele!“

Wir bräuchten eben eine Person, die das Land wirklich verändern will.“ „Einen, der von den Bürgern respektiert wird.“ „Sozial eingestellt.“ „Ein Mensch mit einer Perspektive.“ „Mit politischem Weitblick.“ „Und Anstand!“ „Genau, eine echte Persönlichkeit!“ „Authentisch!“ „Aber…“ „Und mit Vernunft!“ „Aber…“ „Aber, aber – was aber?“ „Warum sollte so einer noch in der SPD sein?“

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