Leichtmatrosenaufstand

7 11 2018

„Das ist eine unglaubliche Unverschämtheit, das hat noch niemand gesagt! Die SPD als linksradikal zu bezeichnen – uns? Radikal, ja, meinetwegen. Aber links!?

Das ist unser Ernst! Haben das die Grünen nicht auch gerade wieder gesagt, sie haben radikale Ansichten? Die erklären das ja nicht nur, denen nimmt man das sogar ab. Fragen Sie mal die AfD, die würden Ihnen sofort bestätigen, dass die Grünen radikal sind.

Hier, Diesel – das wäre doch echt mal ein Testfall für die Rot-Grüne Bundesregierung. Da müssen wir radikal rangehen, wir könnten das auch, und wenn ich mir die Aufgabenverteilung gerade so ansehe, dann haben wir den radikalen Part. Wir werden für Arbeitsplätze sorgen, wir können als Partei des Industriezeitalters sicher dafür sorgen, dass die Autobauer als Schlüsselbranche vor den Einflüssen des toxischen Marktes gerettet werden. Die Grünen können ja dann den linken Part übernehmen.

Oder nehmen Sie den Wohnungsmarkt. Da können die Grünen ruhig für Solarstrom sein und den ganzen Killefit, für energetische Sanierung und barrierefreies Bauen. Machen wir alles mit. Immer unter der Voraussetzung, dass die Mieten stabil sind, sonst haben viele Bürgerinnen und Bürger ihre Altersvorsorge völlig umsonst in Immobilienfonds gesteckt. Dieser Neid auf Leistungsträger muss endlich aufhören. Man kann ja in diesem Land keine Rolex mehr tragen, ohne schief angeguckt zu werden. Das muss aufhören.

Oder der Sozialstaat. Wir wollen das Problem mit Hartz IV ja lösen, aber nicht zu Lasten des Arbeitsmarktes. Sonst sind wir am Ende nicht mehr konkurrenzfähig. Wir brauchen endlich Antworten von den Schuldigen. Die Grünen haben uns ja damals nicht von den Hartz-Gesetzen abgehalten, dann sollen sie nach ihrem Linksruck auch mal sehen, wie sie mit der radikalen Antwort der Politik fertig werden. Das ist doch kein Ponyhof hier!

Bisher haben wir uns immer vor Personalfragen weggeduckt, aber das war falsch. Ab jetzt sind wir radikal und sagen: wir machen trotzdem weiter so. Nur mit einer radikalen Lösung lassen sich die Probleme angehen, die wir bisher ohne radikale Lösungen angehäuft haben. Klingt nicht logisch, aber welche radikale Lösung klingt schon logisch? Das sind doch die Argumente, auf die muss man doch auch mal hören!

Jetzt wird ja auch so viel erzählt, vor hundert Jahren haben die Matrosen den Aufstand geprobt, als hätten sie schon gewusst, dass wir irgendwann eine Mauer bauen, also nicht wir, sondern die anderen halt, die Radikalen. Die radikalen Radikalen, da muss man schon unterscheiden, auch historisch. Nicht, dass Sie uns noch mit den Grünen verwechseln. Das wäre dann nämlich historisch falsch. Aber das muss man genau analysieren: die Radikalisierung ist immer gut, wenn man sie danach wieder in die Tube zurückdrücken kann. Das hat die SPD ja nicht nur vor dem Kriegsende unter Beweis gestellt.

Das heute kann man mit den historischen Verhältnissen gar nicht mehr vergleichen. Es gibt halt nur noch Leichtmatrosen, vorwiegend in der SPD. Wenn wir diese Erkenntnis übertragen können, zum Beispiel auf das Rentensystem, dann ist schon viel erreicht. Wir müssen uns mit den gegebenen Mitteln abfinden, und wenn die SPD hier eine revolutionäre Lösung finden kann, dann ist das in einer viel langsameren, jedenfalls in einer langsameren… Jedenfalls muss es den Bürgerinnen und Bürgern draußen im Land so vorkommen, dass die Verlangsamung der Verlangsamung, also die Absenkung mehreren Stufen sozial verträglich, und die muss für die Arbeitgeber, denen sowieso die Gewerkschaften auf der Nase herumtanzen… –

Herzlichen Glückwunsch! Dann versuchen Sie mal, da eine historische Kontinuität zu schaffen. Die anderen versuchen die ganze Zeit, die Arbeit abzuschaffen, wir haben schon versucht, die Arbeiter abzuschaffen, und wir waren da wesentlich erfolgreicher, also frage ich Sie, wer ist denn hier eigentlich radikaler? Vielleicht müssen wir auch irgendwann die Parteitage regelmäßiger abhalten, das ist noch nicht raus, oder wir brauchen mehr Stellvertreter, wenn die Vorsitzende mal wieder keine Koalitionsgespräche mehr im nüchternen Zustand führen können will, wollen kann, wollte ich sagen, aber noch radikaler kann man doch gar nicht werden, oder wie stellen Sie sich das vor? Wir haben doch auch ein paar Rentner, die sich mit der Situation schwer tun, wie behalten wir die denn?

Jetzt tritt der Maas schon in Lederjacke auf, demnächst hält er sich für Brecht und seinen Lampenladen für das Berliner Ensemble, mehr Radikalität kriegen wir wirklich nicht hin, und mehr als eine Grundsatzdebatte können wir nicht machen. Das müssen Sie doch wohl einsehen, wenn jetzt eins weniger verständlich, von außen überflüssiger und komplett an den populistischen Forderungen der Öffentlichkeit vorbeigedacht wäre, was fällt Ihnen denn da ein außer einer Grundsatzdebatte?

Ich sage Ihnen mal eins: Ihnen kann man es einfach nicht recht machen!“

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