Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXXXIX): Das Kind als Erweiterung des Ich

9 11 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Wie bunt und einfallsreich hat doch Mutter Evolution die Aufzucht und Hege der Brut gestaltet. Im Beutel und im Mäulchen, im Nest und im Kadaver diverser Beutetiere ziehen die Arten ihren Nachwuchs groß, teils unter erheblichem Stress, teils schicksalsergeben vor dem Hintergrunde, dass es genetisch in ihnen angelegt ist, sie also einem Code folgen, der jedoch in all seiner Verpeiltheit die Vernunft für sich beanspruchen darf, sinnvoll zu sein, sonst hätte er sich nicht von Generation zu Generation in die DNA geschwiemelt. Nur eine Spezies hat es schwerer, braucht doch die Frucht ihres Leibes Jahre, um die Grundausstattung einigermaßen zum Laufen zu bringen, und noch zweimal dieselbe Zeit, bis der Klumpatsch die Reproduktion für sich entdeckt. Er ist ein Nestflüchter, der Hominide, aber nur auf Raten und nur dann, wenn man in einem taktisch günstigen Moment nach dem Rausschmiss Türen und Fenster hermetisch hinter ihm verschließt. Die Kinder sind weg, das Erziehungsziel ist erreicht.

In gewissen sozialen Milieus spielt diese Perspektive, wenn überhaupt, nur eine marginale Rolle. Das Kind, vor allem das gerade abgenabelte – die Geburt ist höchstens sieben bis maximal zehn Jahre her – wird von heftig helikopternden Knalltüten überwacht, auf dass es unter keinen Umständen über physiologisch relevante Prozesse wie Atmung, Stoffwechsel und Lallen hinauswächst. Die Vorstellung, dass die Brut eines Tages mit Doktor und Sportwagen das Kinderzimmer verlässt, triebe das Muttertier in eine autoaggressive Depression, in deren Verlauf Landstriche vom Angesicht dieses zweifelhaften Planeten verschwänden. Kein Risiko!

Die stabile Mutter-Kind-Beziehung, bösartig durch die Trennung von Säugling und Nachgeburt vollzogen, sie reißt klaffende Wunden auf in der Übermutter Teresa, die ihren eiligen Schein aus Bling-Bling für Blag und Ego mit Bordmitteln aufpustet. Mutter werden ist nicht schwer, doch wer warnt die Ich-AG entbindungsnah vor dem Verlust der Strahlkraft, die auf das schrumpelige Ding mit Geräuschentwicklung übergeht. Übergangsriten sind, der Name sagt’s, der Ablösung verschrieben, aber was macht Mutti, das gravitätische Rund im dunkelschwarzen Loch, wenn die Schwerkraft sich jetzt woanders einen abkräht? Schöne Scheiße. Da hilft, wenn überhaupt, nur noch Psychologie.

Dummerweise greift die Humanoidglucke zu gröberen Mitteln und schnürt den Ex-Fötus in die eigenen Weichzonen, gerne mit Bio-Indigen-Faktor als Tragetuch, weil ja die westlichen Industrieländer mangels Kleinkindaufzucht eine Sterblichkeit von knapp tausend Promille aufweisen, schwör! Und es ist im alternativen Dunstkreis ja sowieso besser, den Zellhaufen immer millimetergenau an die Mamma gequetscht zu transportieren, Ringbahn oder Rockerkneipe, Hauptsache Stallgeruch aus Kernseife und Dinkelkrüstchen, denn nur die Mutter weiß wirklich, was dem Sprössling fehlt.

Noch lässt sich keine industrielle Ware finden, in die sich beide einknöpfen können, am besten im Hinten-vorne-Verschub, um wenigstens zeitweise den Eindruck von Schwangerschaft wieder zu erzeugen, während sich tagsüber die Frau mit Nebensächlichkeiten wie Einkauf, Erwerbsarbeit oder Weltrettung abgibt. Nachts allerdings ist das Problem zur Zufriedenheit gelöst, in kofötaler Haltung statt mit dem Schuldgefühl, das Kind im Gitterbett inhaftiert den Alpträumen auszusetzen, während die Egoistin in Bauchlage durchschläft. Noch ist keine Kinderdemo bekannt, auf der die Verdammten dieser Erde mit Transparenten wie Dein Bauch gehört mir ein Ende der Aussperrung fordern. Stattdessen schreit das Kind, genauer: die Mutter unterbindet jede nicht programmgemäß vorgesehene Äußerung. Nicht aus Selbstschutz, der liefe dem sadomasochistischen Tenor des quasireligiösen Konzepts zuwider, nur aus Trainingsgründen, wenngleich nicht für den Junior. Die Mutter ist’s, die nicht emotional verhärten soll, fraulich und weich muss sie bleiben, im Einklang mit Welt und Klischee, wenn sich schon der Geburtskanal gänzlich überraschend als Einbahnstraße herausstellt.

Ihr späteres Leben verbringt die Gebärerin mit Prothesen, karrt Knaben zum Fußball und in die Universität, festgeklemmt im SUV, eine Hand im Terminplaner, die andere an der Schusswaffe, um sich gegen andere Mütter in Stellung zu bringen, die ihre Brut im SUV vom Ballett zur Bundeswehr bringen. Gewiss, sie konsumieren, aber lässt sich damit der Weltfrieden finden? Den Nobelpreis verdient nur die saubere Lösung, den Zellklumpen postnatal wieder in die Mutter zu implantieren, damit die liebe Seele Ruh hat. Ist vor der Trennung das Kind nicht ohne Mutter lebensfähig und kehrt sich’s danach ins Gegenteil, hilft nur Endgültiges, zum Beispiel die totale Mutterschaft als innerer Wert. Niemand wird mehr nörgeln, weil ihm der Kita-Platz fehlt. Baby to go! Schöne, neue Welt, in der die Androiden träumen. Wer weiß, wovon. Und womit.

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