Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXLIII): Der Inseratenteil

7 12 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Was der durchschnittliche Renaissancemensch getan hätte, sähe er sich in der regionalpolitischen Beratung mit Brechreiz erregend billiger Reklame für Lupen oder Haarwuchsmittel konfrontiert gesehen, kann man heute nur mutmaßen. Vielleicht hätte eins der venezianischen Edelmännchen bei der Anfrage, ob er nicht zwischen zwei zünftigen Intrigen schnell den Palazzo verscheuern wolle, mit einer hübschen kleinen Bootspartie geantwortet und kanaltaugliches Schuhwerk aus Fertigbeton in die Gondel verlastet. Im Hintergrund posaunt eine dreichörige Sinfonie von den Rängen, zur Linken massakriert das Faktotum gerade die Dummdüse, die eine neue Kollektion Satteltaschen mit in die Kirche geschleppt hat zum informellen Verkaufsgespräch unter Freunden – am Gesäß, Kunde als wäre nichts geschehen? Nur wir müssen uns von derlei aus den Ritzen der Information quellendem Lärm den Tag versauen lassen, weil wir in der Gegenwart vegetieren und es für zumutbar halten. Es ist aber nur der lnseratenteil.

Früher, als das wichtigste Massenmedium noch aus totem Holz geschwiemelt wurde, hätte man den Schmalz en bloc auf den Boden schütteln können, wie alle Beteiligten an diesem Gesellschaftsspiel es eigentlich als konstituierend annahmen: der Kaufmann druckt billige Reklame im arttypischen Umfeld, der potenzielle Kunde ignoriert es aus Selbsterhaltungstrieb. Der gehobene Bedarf vom Möbel aufwärts wucherte vorsichtig in redaktionell eingehegte Bezirke, gab sich zunächst behutsam und stilvoll, bevor auch er in den allgemeinen Brüllmüll der absatzwirtschaftlichen Chöre einfiel. Der Großteil der Bedarfslenkung allerdings machte aus seinem Getrommel keinen Hehl, pappte sich die Bezichtigung, dass tatsächlich Propagandistenwerk zuhanden war, wie einen Warnhinweis obenan: cave, hier plärren die Sirenen, stopft Euch aus, was Euch ausstopft. Aber der Holzschliffjournalismus ging den Weg des Allzuirdischen, wir holen uns das Gebröckel der unteren Lustigkeitsliga auf dem Schirm nach Hause und lesen in den Aggregatoren von bescheuerten Präsidenten, bekloppten Eliten und der Gleitsichtbrille, ohne die kein Feuilleton überlebensfähig wäre. Willkommen in der Hölle.

Deutschlands schönste Insekten, das Fernsehen als amoralische Lehranstalt, die Spritpreise tauchen alles in eine milde Weltuntergangsstimmung. Dazwischen popelt der Newsflash jene Sehhilfe in die Netzhaut, als müsste aus dem Werbeblättchen plötzlich ein seriöses Journal geworden sein, nur, weil drei Viertel der atmenden Freifläche von Agentursülze ausgegossen sind. So fühlt es sich an, als hätte man eine Freifahrt auf der Waschmaschine vom Balkon gewonnen: man kommt irgendwo an, aber was man mit sich in die Tiefe nimmt, braucht’s in diesem Moment sicher nicht.

Alternativ greint der Treppenlift, das Viagra der Zehnerjahre, den angesilberten Kundenstamm in die Hirnembolie; Hörgerät und Lebensversicherung stehen dem freiwilligen Kunden auf dem Vorderfuß und demonstrieren noch einmal eindrucksvoll: wo der Krempel nichts kostet, ist der Verbraucher die Ware. Längst haben die Optimierer es aufgegeben, zielgruppengerecht Vieh vor die Flinte zu treiben, per Schrotschuss rülpsen die Marketingflacharbeiter den ökonomischen Klamauk in die Zwischenräume, die der Sinn noch sein lässt, und längst haben auch die nicht ganz verhaltensauffälligen Nutzer kapiert, dass das Netzwerk unser Gebaren analysiert, aber eben nicht sinnvoll, sondern mit maximal bescheuertem Ergebnis, damit sich die wehrlosen Menschen am anderen Ende der Leitung auch wahrhaftig unter Dumm-Dumm-Beschuss fühlen können. Der Begriff der Marktpenetration bekommt dabei gleich eine ganz neue Bedeutung.

Was kostet ein SUV in Bad Gnirbtzschen wirklich? Es interessiert keinen, der dieses verbale Granulat zwischen den Fingern verrinnen lässt, es hinterlässt nur den nachhaltigen Eindruck, in den Werbeabteilung der Trollkonzerne habe sich eine endgültige Realitätsallergie festgesetzt, die buntes Gewese an die Wände tapeziert, sich um dessen Wirkung aber einen Fisch interessiert, was immer er auch kosten möge. Wir sollten inzwischen lauter schreien, um der drohenden Nullinformation zu entgleiten, die uns den Cortex verseift und die Straße zur Grenzdebilität aufschottert. Es sollte einklagbares Recht werden, wie man die Zeitung auf dem Parkett selektierte, den online gebotenen Tinneff vom weißen Rauschen zu befreien, damit sich die Synapsen nicht irreversibel verkleben.

Spätestens im übernächsten Jahr wird es wieder Sandwichmänner geben, die mit Pappe vor dem Hintern und einem Brett vor dem Kopf durch die fußläufigen Bereiche der Städte diffundieren, und diesmal werden sie die Konsumenten hinterrücks anfallen, in die Waden beißen und ihnen einen Pfund Fleisch ausrupfen, wenn ihnen keiner beim Singsang zuhört. Wir aber werden nach ihnen schlagen und treten, und wenn sie schon einmal auf dem Boden liegen, massieren wir sie gleich ins Geröll ein. Niemand braucht diese Distraktoren. Wir müssen bloß noch wissen, wie viel uns der Spaß kostet.