Aufbaukurs II

11 12 2018

„Heiratsmaterial, würde ich sagen. Kann schon die Pantoffeln holen, kocht inzwischen ganz gut, also Dosensuppe, Gartenarbeit, aber sonst: picobello. Heiratsmaterial. So eine Hausfrauenschule ist doch durch nichts zu ersetzen.

Als mein Großvater damit angefangen hat, das war gleich nach dem Krieg, wir hatten ja nichts, nicht mal Dosensuppen, Dosen hatten wir, aber die Suppe musste man selbst mitbringen, und da haben wir die neue Generation der deutschen Familie in Schuss gebracht. Zucht und Ordnung, klar verteilte Rollenbilder, da wusste man noch, wer wofür die Zuständigkeit hatte. Alles war einfacher, also nicht wirklich einfach, man musste sich ja bei vielen Dingen erst durchsetzen, aber der Gesetzgeber hatte auch andere Vorstellungen als heute. Das muss man alles mitberücksichtigen. Wir hingegen, wir sind da recht modern und können die… –

Meine Güte, doch nicht mit dem Zeug! Wie oft habe ich Ihnen das gesagt, erst die Möbelpolitur, dann noch mal trocken drüberwischen! Machen Sie das zu Hause auch? Ich meine, dürfen Sie da die Möbel überhaupt anfassen? Wenn Sie so putzen, wie Sie kochen, nein: wenn Sie so kochen, wie Sie putzen, dann ist das auch kein Wunder, dass Sie noch Single sind. Jetzt stellen Sie sich hier nicht so an, das ist schließlich schon der Aufbaukurs II, die anderen Kurse haben Sie wohl im Tiefschlaf hinter sich gebracht, wie!?

Immer noch viel von den Eltern, ja. Wir haben ja auch ein gewisses Niveau, also preislich, und da leistet man sich in der höheren Mittelschicht, wo man auch ein Privatflugzeug hat und Verwandte, die wegen Steuerhinterziehung brummen, da leistet man sich so ein Programm für den Nachwuchs. Wir haben die besten Referenzen, dessen versichere ich Sie gern. Und wir stehen ganz im Dienste des Gemeinwohls, deshalb sind unsere Kurse auch so sozialverträglich. Außerdem lernen Sie hier den… –

Ich werde noch wahnsinnig! Das Ei wird vorher mit der Gabel ordentlich verrührt, Salz und Pfeffer, die Pfanne gut buttern, aber doch nicht so! Es hilft auch nichts, wenn Sie jetzt die Pfanne wie blöde in der Küche herumschwenken, das wird so jedenfalls nie ein vernünftiges Rührei. Und ich möchte auch nicht die Eierschalen in der Spüle liegen haben, Sie schmeißen dann wieder Besteck drauf, dann haben wir die Eierschale im Abfluss, das muss doch nicht sein! Herrgott im Himmel, warum habe ich mich nicht im Insiderhandel selbstständig gemacht! Man ist von asozialen Arschlöchern umgeben, aber man ist selbst eins und merkt es nicht so.

Wo waren wir? Geschlechterrollen. Früher hatte man ja gar keine Wahl, auch diese Festlegung, ob man Beruf oder Karriere machen wollte, die stellte sich einem gar nicht in den Weg. Wer sich eine Entscheidung offen halten wollte, der musste dann früher oder später feststellen, dass die gar nicht mehr zur Debatte stand. Aber das ist jetzt anders, und in der Hinsicht ist es gut, dass wir in der Gegenwart leben. Keine Klischees mehr, man kann sich heute ganz ideologiefrei für einen Lebensweg entscheiden, wenn man akzeptiert, dass man diese Entscheidung nicht mehr revidieren wird.

Und wir sind technisch gut ausgerüstet, wenn Sie mal schauen möchten. In unserem Atelier haben wir eine ganze Fensterfront, immer bereit zum Putzen dank einer neuen Berieselungsanlage, die in zehn Minuten frische Schmutzstreifen anbringt, und wenn Sie mal hier in unserem Bügelzimmer… –

Ich rege mich nicht auf. Ich rege mich nicht auf, damit das mal klar ist! Meine Herren, ich habe noch nie in meinem Leben jemanden derart umständlich ein Oberhemd bügeln sehen, und ich bin seit mehr als dreißig Jahren im Geschäft. Wann haben Sie zum letzten Mal ein Herrenoberhemd gesehen? und das hatte solche Knitterfalten? Damit können Sie ja Reklame für Wellpappe machen! Es ist nicht zu glauben! Da kauft man die teuersten Bügeleisen, die machen die Arbeit quasi von alleine, einmal auf den Knopf drücken, zack! mit einem Dampfstoß vorne, und hinten, und hier, und da, wenden, noch einmal so, und falten, Manschette, Manschette, und jetzt ab auf den Bügel. Ich arbeite hier mit Idioten, oder vielleicht bin ich selbst einer.

Das Gute ist, wir geben nie die Hoffnung auf. Das machen wir unserer Kundschaft auch immer wieder klar: solange wir dafür bezahlt werden, machen wir immer weiter, bis es klappt. Bei uns lernen Sie kochen und backen, die üblichen kleinen organisatorischen Dinge des Haushalts, etwas Technik – man muss ja nicht jeden Mal den Klempner rufen, wenn der Abfluss überläuft – und alle Putzarbeiten. Kinder sind fakultativ, dafür gibt es auch andere Anbieter, und wenn man den Spagat zwischen Erziehung und beruflichen Pflichten für sinnvoll hält, gut, warum nicht. Aber wir warnen auch davor, das auf die leichte Schulter zu nehmen, das rächt sich. Die realistische Einschätzung geht oft verloren, und aus unserer Perspektive ist ein gutes Rührei immer besser als ein Posten im Aufsichtsrat. Und nachhaltiger sowieso.

Wie gesagt, wenn Sie sich für unser Programm erwärmen würden, könnte ich Ihnen gerne mal ein Angebot zukommen lassen, Schnuppertag umsonst, Termin machen wir telefonisch ab, und unser neues Verzeichnis ist… – Ich werde gleich zum Mörder! Sehen Sie sich diese Handtücher an, das ist doch Kochwäsche! Das steht doch sogar auf dem Etikett! Nein, ich rege mich nicht auf, aber das hört mir nach diesem Kurs auf, und zwar endgültig. Nie wieder Männer!“

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4 responses

11 12 2018
fimendo

Sehr amüsant geschrieben! 😀

12 12 2018
bee

Merci 🙂

11 12 2018
Lo

🎶 Das bisschen Haushalt
🎶 ist doch halb so schlimm…
🤣😂😁

12 12 2018
bee

Wenigstens gibt es tapfere Männer, die das Thema theoretisch in Angriff nehmen

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