Unsicherheitskonferenz

13 12 2018

„Wir rüsten gerade auf, das ist nun mal so, aber wir machen das rechtssicher. In Deutschland ist ein Waffenschein nun mal zwingend vorgeschrieben, darum empfehlen wir auch jedem, sich das Papier zu besorgen, bevor man sich eine Waffe anschafft. Das unterscheidet uns eben von anderen Staaten.

Die Schusswaffe ist christliches Abendland, das müssen Sie verstehen. Außerdem können hier ja nicht alle mit dem Messer herumlaufen, wie sieht denn das aus – also ich möchte nicht mit einem Migranten verwechselt werden. Und so eine Pistole gibt viel mehr das Gefühl der legalen Sicherheit. Ein Messer ist immer nur dann eine Waffe, wenn man es zweckentfremdet. Eine Schusswaffe wird ihrem Zweck gemäß eingesetzt. Das macht einen großen Unterschied.

Deshalb sind wir ja auch dafür, dass bei einer polizeilichen Kontrolle Schusswaffen generell toleriert werden. So ein Messer wird gerne mal gezückt, wenn man in einer kulturellen Konfliktsituation nicht weiß, wie man sich seinem Wirtsvolk gegenüber verhalten soll, eine Pistole dient immer nur der Verteidigung. Es kommt nur im Einzelfall darauf an, was hier gerade verteidigt wird, ein Grundstück, das gesunde Volkempfinden, der subjektive Eindruck, sich vor der gezielten Überfremdung schützen zu müssen. Das schafft die Polizei ja offensichtlich nicht, deshalb sollten auch die Kontrollen an das Sicherheitsgefühl der betroffenen Bürger angepasst werden.

Vor allem bedeuten mehr Waffen ja nicht automatisch mehr Sicherheit – nicht mal mehr automatische Waffen. Mehr Waffen bedeuten mehr Waffen, das ist doch der Sinn der Sache. Wir verkaufen ja auch nicht Sicherheit, sondern Waffen. Und je mehr Waffen wir den anderen verkaufen, desto mehr müssen Sie kaufen. Und umgekehrt. Und dann wieder von vorne. Insofern ist es also gar nicht so verkehrt, dass wir uns gerade in einem gesellschaftlichen Klima der Abwehrbereitschaft befinden, das erhält Arbeitsplätze.

Gut, bei dem Fachkräftemangel werden wir auch in Zukunft auf Zuwanderung angewiesen sein, aber das sehen wir auch als strukturellen Vorteil: je mehr Migranten, desto stärker die Abwehrbereitschaft, und je stärker die Abwehrbereitschaft, desto mehr Waffen, und je mehr Waffen… – Ich glaube, jetzt haben Sie das Prinzip verstanden?

Wir können uns keine Sicherheitskonferenz leisten, nicht mal eine Unsicherheitskonferenz. Wir müssen also die Bedrohung dezentral organisieren, damit wir der gefühlten Verunsicherung Herr werden und sie in industriellem Maßstab ausschöpfen können. Im globalen Kontext kann man sich auch darauf verlassen, dass radikale Meinungen irgendwann eskalieren, dann müssen wir das hier auch versuchen. Es sichert schließlich eine Menge politisches Kapital.

Sie müssen jetzt nicht denken, dass wir bald wie die Vereinigten Staaten sind. Das wird noch viele Jahre dauern. Aber die Entwicklung ist doch schon mal ganz positiv. Es gibt mehr Unsicherheit, darum können wir den Bürgern auch mit allem, was wir tun, mehr Sicherheit versprechen – egal, was wir tun, die Faktenlage wird ja nicht schlechter, deshalb kann man auch alles als gefühlte Sicherheit verkaufen. Und wenn wir den Bürgern erst einmal erlauben, sich für ihre eigene Sicherheit zu bewaffnen, werden sie noch dazu stärker fühlen, weil sie sich jetzt mit Waffengewalt gegen alles zur Wehr setzen können, was als subjektive Bedrohung erscheint. Andere Personen ohne Waffen zum Beispiel. Radikale Minderheiten sind immer ein bisschen suspekt in so einer Gesellschaft.

Und jetzt stellen Sie sich mal vor, der Staat pocht auf sein Gewaltmonopol. Da sind dann die Fronten ganz schnell geklärt, wer die Guten sind und wer die Bösen, es sei denn, die Exekutivkräfte entwickeln eine gewisse Eigeninitiative, wie man es schon in einigen Bundesländern schwerpunktmäßig beobachten kann. Dann brauchen wir für den Einsatz von privaten Waffen gar keine Reichsbürger oder Bürgerwehren mehr, das machen dann die Beamten in ihrer Freizeit. Für die anderen ist das natürlich eine zusätzliche Gefährdung, aber da man sich ja mit Schusswaffen eindecken kann, ist das auch ein Moment der subjektiven Sicherheit durch Selbstermächtigung. Sie sehen, wenn man es richtig dreht und wendet, hat man die rechte Einstellung immer auf seiner Seite.

Letzter Schritt: Bundeswehr. Im Ernst, so glücklich haben Sie die noch nicht erlebt. Endlich mal funktionstüchtige Knarren und dann auch noch so etwas wie ein Einsatz im Innern. Das ist der fließende Übergang von Wiederbewaffnung zum nächsten Bündnisfall mit der privaten Reichswehr. Damit ist das letzten Stückchen Sicherheit weg, und Sie wissen, was das bedeutet. Das Volk trifft sich diesmal vermutlich im Olympiastadion, schon aus Tradition, und dann wird endlich zurückmobilisiert. Also machen Sie gute Miene zum bösen Spiel, Sie sehen ja, es ist mehr oder weniger unvermeidlich, was sich hier entwickelt. Das darf jetzt nur niemand dem Bundesinnenminister erzählen. Was meinen Sie, wie der reagiert. Falls er es tut.“