Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXLIV): Die Hufeisentheorie

14 12 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Hurra, Extremismus! Alles, was sich gegen die herrschende Ordnung auflehnt, ist Extremismus, wobei noch nicht ganz klar ist, ob und warum die Ordnung überhaupt herrscht, aber das ist eine ganz andere Geschichte. Die herrschende Ordnung ist für die ordentlichen Herrscher zum Beispiel in Gefahr, wo sich Chaoten, Pack ohne Zugehörigkeit zu einer regierungsamtlichen Stelle, meist ohne Aktienbesitz und selten verbeamtet, an Bäumen fest ketten und dann sich weigern, von der Polizei rechtskonform ins Krankenhaus geprügelt zu werden. Was ist da schon der Anschlag auf ein Wohnhaus, in dem vorwiegend Migranten, sprich: Personen dritter Klasse wohnen. Nicht schön, aber da auch keiner zu Schaden kam, lässt es sich aufrechnen, wenn nicht gar zurecht kürzen – schließlich gerät durch einen Mordversuch die staatliche Autorität nicht gleich ins Wanken. So weit die allseits anerkannte Form, Extremismus zu entschuldigen, die Hufeisentheorie.

Grob gesagt setzt das Konstrukt eine normative Modelldemokratie mit unveränderlichen Extremen voraus, ohne die keine Polarisierung auskäme. Die professionellen Scharfmacher haben natürlich ihre Zwangsvorstellung sorgfältig internalisiert, schon beim kleinsten Angriff auf einen jüdischen Friedhof warnt das vor dem Ausbruch der Räterepublik und schickt zur Vorsicht ein SEK in den Stadtteil mit den billigen Abbruchhäusern. Gewalttätigkeit ist die Mutter der Porzellankiste, nicht, dass uns die Trotzkisten den nächsten Holocaust einbrocken.

Wie jede andere sektiererische Sonderrealität ist auch die Extremismusforschung stets strebend bemüht, sich gegen jede Kritik zu imprägnieren. Nie, barmt’s da, habe man linke und rechte Kräfte in ihrem fundamentalen Streben nach Zerstörung der liberalen Demokratie gleichgesetzt. Dass aber zuverlässig nach jedem Brandsatz auf eine Synagoge das Geweimer losbricht, es würden ja auch aus Sozialneid Autos abgefackelt, Eigentum hart arbeitender Investmentbanker, und das sei viel gefährlicher, weil nicht allein der Staat in Frage gestellt würde, sondern zuvörderst der Kapitalismus als systemübergreifende Struktur, die in Kaisertum und Militärdiktatur für die guten internationalen Beziehungen unter den Schlächtern sorgt. Eben der Unterschied ist es, dass Rechtsextreme die basale Gleichheit aller Menschen in der Abstraktion für bestimmend halten. Beschränkt sich nun aber der Scheuklappenabstand auf die angebliche Nähe zur Demokratie, die zugleich dogmatisch als Mitte definiert wird, hat man die schönste Äquidistanz, die natürlich verneint wird – es ist nur für die Apologeten der Theorie selbstredend nicht denkbar, dass eine egalitäre Gesellschaft als ganze sich im linken Spektrum aufhält, und das freiwillig.

Zulässig ist nur noch die Annahme, zwischen linken und rechten Extremisten gebe es gewisse Ähnlichkeiten; wer auch das für falsch halte, sei selbst in der Beweispflicht, dass das nicht stimme. Abgesehen davon, dass wissenschaftliche Theorien genau anders herum gebildet werden, der gerne genommene Gegenbeweis, Hitler und Stalin hätten denselben Totalitarismus in unterschiedlicher Farbe installiert, Lagerwirtschaft und Rassenhass im Preis inbegriffen, spricht ja gerade für die Gleichsetzung extremistischer Positionen. Wer aus politischem Jux noch die Eigenschaft des Einparteienstaates als Kriterium nennt – als wäre der Terrorclub um die Führerfigurine überhaupt noch ein Instrument der Willensbildung – die Gleichsetzung fußt ja nur auf der strukturellen Ähnlichkeit totalitärer Systeme, deren Übereinstimmung bockbeinig geleugnet wird und zugleich den Sockel dieser windschiefen Schlichtbehausung darstellt.

Aus dieser Fertigbackmischung lässt sich nun allerlei Ambivalenz schwiemeln, von geradezu folkloristischem Nährwert ist der Doppelstandard, dass jeder Antifaschismus automatisch linksextrem sei, sprich: das Gegenteil von Nationalsozialismus ist, conditio sine qua non, immer eine andere totalitäre Haltung, weil sie das ideologisch rostige Hufeisen nur als spiegelbildliche Vorlage für nicht mehr zurechnungsfähigen Synapsenkarneval zu nutzen versteht. Wer dann noch meist aus der braun leuchtenden Ecke alles außerhalb der eigenen Medikation als Linksfaschisten bezeichnet, outet sich erst recht als offenporige Parallelexistenz, die ein paar Schläge zu viel auf den Schädel abgekriegt haben dürfte. Der pauschalen Verunglimpfung einer Opposition sind damit alle Wege geebnet. Und nur darum geht es doch, wenn man sich vor Angst die zu kurzen Hosen wässert.

Weil der gemeine Depp aus politischem Geschäft und Gesellschaft wie das Häschen hockt vor den stinkenden Überresten eines Kadavers, der sich einst für ein Raubtier hielt, heute aber nur noch dazu dient, Sepsis unters Volk zu jubeln. Indem die paralysierte Mitte den Faschisten ihr Merkmal als Hauptbedrohung der freien Gesellschaft nimmt und lustigerweise deren fixe Idee covert, der Feind stehe links, bereite den wahren Umsturz vor und sei selbstverständlich deshalb von dem Rechtsstaat zu vernichten, dem die Nazis selbst gerne an die Kehle gingen, hegt sie ihre Widersacher scheinbar ein, lässt sie aber letztlich nur gewähren. Die Mehrheit wird von einem nationalsozialistischen Abschaum nicht sogleich fortgespült, und mit funktionierender Propaganda sind brennende Barrikaden viel böser als die rauchenden Schornsteine der Lager, die man noch vor dem unvermeidlichen Krieg in die Höhe zieht, um Feinde innen wie außen zu liquidieren. Man wird ihren Frisör abholen, vermutlich auch nur aus religiösen Gründen, es gibt wieder freie Häuser und überall verkauft man Gemüseläden für kleines Geld. Der Bescheuerte merkt es erst, wenn sie das Dach über seiner Birne löschen, die Biedermänner, und ihm danach empfehlen, fürs Vaterland die Fresse zu halten. Vielleicht verwüsten sie ja extra für ihn den Vorgarten, ein Sachschaden, den keine Versicherung zur Kenntnis nimmt, und alles endet beidseitig in Gewalt. Furchtbar. Hätten Sie doch wenigstens nur ihn erschlagen und das Fahrzeug erspart. Aber das wird er alles viel schöner wieder aufbauen nach dem Krieg, der Führer.


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