Triller unterm Pony

17 12 2018

„Sie können die Hand aber noch bewegen? Na, dann ist ja halb so wild. Ich sage immer, Hand verstaucht ist kein Beinbruch, hahaha!

Ich bin Sachbearbeiter und kein Arzt, und deshalb kann ich vermutlich auch die bessere Kosten-Nutzen-Rechnung erstellen. Im Prinzip ändert sich da ja auch gar nichts im Vergleich zu vorher: Sie übernehmen die Kosten, wir haben den Nutzen. Also liefern wir als Krankenversicherung auch eine Mischkalkulation, die alle Interessen gleichermaßen befriedigt. Gut, nicht immer Ihre, aber versetzen Sie sich zum Beispiel mal in die Lage eines Aktionärs, oder in die Lage eines Ministers. Der Aktionär wird sehr genau auf die betriebswirtschaftliche und die juristische Leistung der Kassen achten, und dann wird er auch den Minister genau informieren, was er zu tun hat. Und da muss man praxisorientiert vorgehen, sonst orientiert sich bald der ganze Medizinbetrieb weg von den Praxen.

Starke Kopfschmerzen, sagen Sie? schon seit gestern? Sie rufen erst jetzt an? Ja gut, die Hotline ist manchmal schon sehr dicht, aber wenn Sie die Warteschleife mit Werbung nehmen, dann sind Sie im Schnitt bis zu zwölf Stunden schneller bei einem Mitarbeiter. Die andere Leitung gibt es nicht mehr? Da sehen Sie mal, was der Minister für eine betriebswirtschaftlich herausragende Arbeit macht. So ein Preis-Leistungs-Verhältnis zu einer Seite aufzulösen, also alles in Richtung Preis, das ist bestmögliche Politik. Hören Sie? Kopfschmerzen sind nicht tödlich, ich habe gerade noch mal nachgeschlagen, für den Fall der Fälle liegt hier immer noch ein altes Gesundheitslexikon. In den Siebzigern gab‘s ja auch schon Kopfschmerzen, da brauchen Sie für den heutigen Kostensatz keine Hexerei zu erwarten.

Schwierig wird es ja bei Hypochondern, also bei Krankheiten, die man nicht an den Symptomen nachweisen kann. Depressionen beispielsweise, oder wenn jemand eine schwere schizoide Störung hat. Triller unterm Pony. Erkennt man auch nicht sofort, und wenn Sie ein bisschen findig sind, werden Sie damit sogar Minister.

Nee, Krebs machen wir jetzt auch mit. Haben Sie schon Erfahrung damit? wir nämlich nicht. Für Hautkrebs hatten wir bis vor sechs Wochen eine Kollegin, die hat sonst die ganzen Solariumskunden betreut, aber Lunge sagt mir jetzt nichts. Nächste Woche haben wir einen Finanzexperten da, der hatte schon mal einen Hinterwandinfarkt, aber das wird Ihnen jetzt auch nicht groß weiterhelfen.

Wie gesagt, Depressionen. Bei der aktuellen Stimmungslage kann man ja nur noch schwermütig werden. Insofern ist da genug Vergleichspotenzial vorhanden und Sie können mit Ihrem Knacks auch zum Hausarzt. Wie gesagt, es spart alles Kosten, und die Zusatzbeiträge für die obere Mittelschicht, die sich noch nicht privat versichert hat, können auch gesenkt werden. Wenn Sie vorher noch ein paar Fachleute überzeugen müssen, dass wirklich ein medizinisches Problem vorliegt, dann stärkt das unter Umständen sogar Ihr Selbstbewusstsein, und dann kommen Sie als geheilt wieder raus. Also etwa wie bei einer Abtreibung.

Wissen Sie, wir hatten noch nie einen Patienten mit Impotenz. Wissen Sie woran das liegt? Das bilden die sich nämlich alle nur ein. Wenn sie echt davon betroffen wären, dann würden sie doch hier anrufen. Wir sind kostenlos, anonym, hier werden keine Gespräche aufgezeichnet, also warum sollte man hier nur anrufen, wenn man gerade Grippe hat? Wir hatten hier kürzlich den Fall von einer Frau, natürlich alleinerziehende Mutter, die klagte über Erschöpfungszustände. Damit geht man doch heute nicht mal mehr zum Allgemeinarzt, ich bitte Sie – der sagt Ihnen doch, beste Frau, wenn man nicht frieren will, dann duscht man eben nicht kalt. Wir sind ja als Instanz des Gesundheitswesens hier nicht nur eine zusätzliche Kostenstelle, wir stecken auch bis zum einem gewissen Maß den Rahmen ab, innerhalb dessen ein Gesundheitswesen überhaupt funktionieren kann. Wenn wir dann später mal eine gewisse Praxistauglichkeit eruiert haben, können wir sicher auch sagen, welcher von den Vorschlägen hier ernsthaft in Betracht kommt, aber bis dahin ist für uns dies Modell erstmal die Arbeitsgrundlage.

Sinnlose Aggressionen? Kann ich verstehen, das haben wir öfters. Haben Sie es schon mal mit Sport versucht? Ausländerhass? Hm, das hört sich nicht so gut an. Sicher sind Sie durch Ihre momentane Erwerbslosigkeit im – Sie haben Arbeit? Eigener Handwerksbetrieb? Was wollen Sie denn noch? Da kann Sie ja nicht mal der Chef absägen, sondern nur die Bank, hahaha!

Er ist bis jetzt noch nicht mit dem Gesetz in Konflikt gekommen, da müssen wir sehr vorsichtig sein. Wegen der Folgekosten. Außerdem steht in der Zeitung sonst bestimmt wieder, dass manisch-depressive Verstimmungen in die geschlossene Abteilung gehören, auch außerhalb Bayerns. Das ist sicher kontraproduktiv.

Sind Sie noch dran? Also Sie würden jetzt gerne jemanden mit dem Schraubenschlüssel totschlagen, richtig? Schraubenschlüssel, habe ich notiert. Ja, totschlagen. Gut. Waren Sie schon mal bei uns? Dann müssten wir eine Akte haben. Erstanamnese? Warten Sie mal. Sie werden jetzt sofort jemanden um die Ecke bringen, wenn Ihr Antrag nicht bearbeitet wird? Ich könnte Ihnen, warten Sie, ich habe hier… Ach, wissen Sie was? Zimmer 1.44, das ist der Gang rechts und bei der Treppe nach oben. Da sitzt der Minister.“