Einmal im Jahr

3 01 2019

„Naja, bisschen viel Sekt, Hubschmidts waren auch da, und dann war das mit dem Aquarium, aber das hätte auch an jedem anderen Tag passieren können. War ja immer so viel los.

Also die werden da jetzt durchgreifen, das geht ja nicht so weiter mit dem Laden, ganz Berlin lacht sich schon kaputt. Man kann das doch nicht Jahre und Jahre so schleifen lassen, am Ende kommt die Konkurrenz und übernimmt die ganze Sache, und dann sind hundert Jahre Geschichte futsch. Was haben wir damals, ich war gerade mit der Lehre fertig, da kommt Prinzchen, den kennen Sie noch aus dem Einkauf, seine Frau war dann ja so krank, jedenfalls wollten die mich bei Löschmann & Co., am besten natürlich als Co., Geld hatten die ja noch nie, aber dass man das so schleifen lässt?

Hubschmidts haben auch ganz schön abgebaut, sie fuhr ja bis letzten Winter immer Ski, also jetzt den vorletzten, weil letzter ist ja dieser, und Onkel Ludwig hat ihnen noch das Hotel besorgt, war für einen Sterneladen doch recht preiswert, ich kriege natürlich mehr Prozente, aber das muss ja der alte Hubschmidt nicht wissen, hähähä! Weihnachten ist ja immer dasselbe, Riekchen war da mit Kindern und dem Mann, Anwalt, das ist jetzt der Sozius von Brachvogel, hat ja letztens gegen Vereinigte Fette geklagt, natürlich gewonnen, sonst würde unsere Tochter ja gar nicht bei dem bleiben. Wegen der Kinder natürlich auch. Kitty hat Puppen gekriegt, der Junge so ein elektrisches Ding, das ging dann gleich am Abend kaputt, wir hatten erst Würstchen mit Kartoffelsalat, dann hat der Mann das wieder repariert, war wohl nur ein Draht, das kann ja jeder, dann Rumtopf, aber da waren die Kinder schon zu Bett. Ich bin ja sonst nicht für sowas, aber an Weihnachten macht man schon mal eine Ausnahme.

Haben Sie übrigens von Fischer gehört? Ich bin mir nicht sicher, was der Mann will. Erst hat er den Betrieb nach Polen verlagert, zwanzig Mechaniker rausgeschmissen, jetzt holt er sich frisches Kapital. Ich frage Sie, was will der Mann? Hubschmidts sind gleich über Frankfurt gefahren, sie hat da wohl Verwandtschaft im Taunus, da waren sie noch zum Kaffee, muss ja jeder selbst wissen, und dann mit den ganzen Paketen auf die Autobahn. Er lässt auch nach, ich erinnere mich, da lebte der alte Oßmann noch, von Oßmann & Oßmann, kennen Sie? also da haben wir in zwei Stunden, oder in drei Stunden haben wir den Cognac ausgetrunken, so eine ganze Flasche, den hatte der aus Paris mitgebracht, und dann hat er sich den Telefonhörer geschnappt und oben angerufen und hat gesagt: Hier ist der Chef, Sie wissen das nur noch nicht, und jetzt bringen Sie mal Schnaps nach! Kurz danach ist er ja auch nach Berlin gegangen, fragen Sie mich nicht, wieso.

Ich weiß nicht, es gibt so Gestalten, die tun eigentlich gar nichts, die können auch nicht richtig etwas, und dann tauchen die auf, wollen plötzlich Direktor werden, am besten noch Generaldirektor, und dann werden sie trotzig wie die kleinen Kinder und wollen nicht mehr mitspielen, und wer hat die ganze Arbeit? Sehen Sie, ich verstehe das nicht. Wenn einer seit zwanzig Jahren im Vorstand sitzt, heißt das doch noch nicht, dass er auch etwas vom Geschäft versteht?

Das Gästezimmer haben wir im Herbst streichen lassen, die Wandschränke sind ja noch gut, und die Polster wollte Dröschke mir zum Sonderpreis neu beziehen lassen, aber das ging noch. Hubschmidts haben sich jedenfalls nicht beschwert, wäre ja auch noch schöner gewesen, erst wohnen sie kostenlos bei uns, dann auch noch an allem herummäkeln, das könnte denen so passen! Hier war Sonntag noch Konzert, Hilde ist hin mit den Kindern, der Mann musste die ganze Zeit telefonieren, Brachvogel ist momentan sehr beschäftigt, und dann haben wir den Karpfen geholt. Bei der Koppel links ab, bis halb zum Niedernbrooker Weg, und dann sind Sie auch schon fast am Priesterteich. Das ist der Schwager von Wittkopp, der hat jetzt den Betrieb, wir haben gleich noch eine Seite Räucherlachs mitgenommen, ist ja nur einmal im Jahr Silvester.

Da sehen Sie mal, hat der Mann besorgt. Und Riekchen kann das tragen, durchaus, und das Bild ist jetzt auch ein bisschen vorteilhaft, aber das muss man ihm ja lassen, Geschmack hat er. Gut, heiratet unsere Tochter, da muss man einen gewissen Geschmack auch voraussetzen können. Sie war schon immer recht kostspielig. Dann haben wir erst Bleigießen, da waren Hubschmidts schon unten, und dann kam das mit dem Aquarium. Ich will mich nicht zu weit aus dem Fenster hängen, aber der Mann hat doch ein Problem mit Alkohol? vermutlich hat er eher eins ohne, hähähä! Was der alles erzählt hat, in der Klinik haben sie einfach dreihundert neue Stellen geschaffen, und in ein paar Tagen sind die auch alle besetzt, er braucht nur eine Zeitungsanzeige, die macht ihm Buckstedt billiger, der Verlag gehört ihm ja mit, also die Aktien, und dann zahlt er ordentlich, und ich frage mich, wenn der weiter Lack säuft, wacht der eines Tages in der Politik auf oder woher nehmen die ihre Leute!?

Ja, das ist nun das Resultat. Hilde war erst noch amüsiert, aber dann das ganze Wasser auf dem Teppich, und das Parkett ist ja auch noch, und als der Mann gesagt hat, die sittenwidrige vorsätzliche Schädigung nach 826 sei etwas ganz anderes, da ist mir der Kragen geplatzt. Ich weiß auch, der Mann ist Jurist, aber das ist keine Entschuldigung. Man kann doch alles in Ruhe regeln, und einen Anwalt habe ich selber. Also kurz und gut, Hubschmidts sind dann sofort weg, Hilde hat noch geputzt, und um zwölf sind dann die Kinder in den Garten. Was ich mich manchmal frage, wenn es im Staat und in der Wirtschaft so ordentlich zugehen würde wie bei einem zu Hause, meinen Sie nicht auch, dann würde es uns allen gleich besser gehen?“

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