Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXLV): Die Krise der Mobilität

4 01 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Das Schönste war ja die Verlässlichkeit: suchte man Rrt und seine Sippe, man fand sie genau da, wo sie alle geboren worden waren. Mit etwas Glück würden sie auch nach erfolgreicher Reproduktion hier ableben, falls nicht die vom Hominidenbefall entnervte Fauna zwischendurch für evolutionäre Tatsachen sorgen sollte. Keiner war je vom Tümpel im Tal weggezogen, hatte den Horizont der Steppe hinter sich gelassen, den großen Fluss jenseits der Höhenzüge entdeckt, niemand litt an Fernweh oder war vom Wunsch besessen, unter Vollverpflegung marodierend durch eine Mittelmeerinsel zu fräsen. Der Hominide nährte kümmerlich, aber artgerecht seine Sippe, die er sich eingebrockt hatte. Erst die Spätgeborenen sollten fremde Kontinente, den Tourismus und das Ozonloch mit eigenen Augen sehen, das Meeting in Bombay, Boston und Bad Bevensen, den Shopping-Trip nach London, die Busreise über die Wupper nach Wladiwostok auf der durchgehenden Autobahn, für die Generationen im Kampf gegen Sinn und Verstand fielen. Die Erde, so ihr Credo, ist rund, damit der alte weiße Mann Gas geben kann.

Alle anderen auf der Zielgerade zur Biomasse hocken in der Ecke und fragen sich, wie das alles so plötzlich gekommen ist. Einmal nicht aufgepasst, nur fünfzig Jahre das Schienennetz verrotten lassen, zack! merkt der mit Bausparerabitur ausgestattete Steuerzahler, dass es zwischen Streckenstilllegung und bröselnden Brücken so viele Züge mit Neigung zur Hochgeschwindigkeit geben kann, wie es will, dass aber bei einer Bahn, die von Dumpfschlumpf zu Dumpfschlumpf im Ministersessel sich nur dem Niveau ihrer Behördenleitung angepasst hat, alle Räder stillstehen, auch wenn gar keine Witterung existiert. Humpelt eine soziale Zusammenrottung in Richtung Flughafen, um sich turnusgemäß in den Süden abzusetzen, stehen die Chancen gut, dass der Vogel am Boden bleibt. Eine zünftig ausgedünnte Flugsicherung, fehlerhaft bestellte Windrichtungen, mit denen Piloten am Rande des Existenzminimums geistig nicht fertig werden, Arbeitsniederlegungen in der Kabine sorgen für nachhaltiges Heimatgefühl ohne Ruine im brandenburgischen Baggermatsch, die sicher für schlimme Zeiten aufgetakelt wird, wenn es dem Transportwesen überraschend zu gut gehen sollte. Unten bleiben sie immer.

Der gemeine Hohlrabi, der vor allem Angst hat, dass er sich am Viagra verschluckt, bollert mit dem SUV dann nicht nur zum Bio-Supermarkt, wo es die guten Freilandgurken in doppelt PVC-Folie zum Sonderpreis gibt, sie heulen sich gewohnheitsmäßig in den Schlaf, weil sie mit dem Bodenhobel immer noch nicht nach Australien fahren können. Schuld an der Misere sind natürlich hochmoderne Nationen wie Albanien, die nicht mit teutscher Gründlichkeit hundert Milliarden zur Errichtung der Korruption als Staatsreligion investieren und Generationen an Ingenieuren brauchen, um die Idee eines Flugtaxis mit beispielhafter Präzision in die Grütze zu reiten, während der balkanische Erzfeind fernostischen Vorbildern folgt, das christliche Abendland mit der perfidesten List zu schänden: Fachleute einsetzen, statt jahrzehntelang im Rudelkoma das Gesabber der EEG-Nullkurven zu erdulden, bis der Blutdruck sich unters Laminat schwiemelt. So kann das jeder.

Genau deshalb lassen wir es auch, sehen den Resten beim Rosten zu, die Schlaglöcherlotterie auf durchschnittlichen Umgehungsstraßen macht mehr Millionäre als das passende Parteibuch, und schon haben wir die Patentlösung für alles, was nicht bei Rot über die Ampel ist: Elektromobilität. Als wäre der Stromzug je ansatzweise pünktlich gewesen, hauen die Jodelkasper wie hospitalisiert an den Beton, damit sie es glauben: Elektroautos stehen nie im Stau. Können sie gar nicht. Man kommt damit nach Amerika. Zumindest in den Weltraum.

Wahrscheinlich hilft nur noch die Trennung der Menschheit in Tanzbereiche: wer in Bad Bevensen geboren wurde, hat in Bombay nichts zu suchen – umgekehrt tönt es oft genug aus der Richtung, warum sollte man den Gedanken nicht global zu Ende denken. Wir sind auf dem Rückschritt, es gibt genug anständige Bilder vom Grand Canyon und dem Riesengebirge, als dass sich jeder Querkämmer das noch selbst antun müsste. Der Klimawandel ist weit genug fortgeschritten, Hautkrebs kriegt der Patriot auch am Steinhuder Meer, die Balearen sind obsolet – wer sein Aggressionspotenzial hingegen aus der Blechlawine auf der Bundesautobahn zieht, wo er täglich ein Rudel Mitgeschöpfe bis kurz vor der Hirnembolie anplärrt, darf die Binnenwirtschaft steigern, auch energietechnisch, und wird einfach Pendler. Zwei Stunden Anfahrt, drei Stunden nach Hause, schon wird aus dem postmodernen Bürger wieder die humanevolutionäre Montagsproduktion, die alles hasst und töten will, das mit derselben Geschwindigkeit in die Leitplanke rauschen könnte, wenn links frei wäre. Es wäre so einfach, aber wir erinnern uns, die Erde ist rund. Auf einer flachen Welt hätten wir das Problem nicht, denn sie gäben Gas, auch am Rand der Scheibe. Vor allem da. Weil sie es können.

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