Pünktlichkeitsanpassung

10 01 2019

„Also wenn Sie zweimal, das heißt, eigentlich sind es viermal, aber Sie müssen teilweise auch nur auf demselben Gleis umsteigen, einmal in ein anderes Geschoss, aber da haben Sie einen Fahrstuhl, das sind sieben Minuten bis, lassen Sie mich mal gucken, nein, sechs Minuten. Aber der Zug aus Leipzig kommt sowieso immer mindestens eine halbe Stunde zu spät, deshalb sehen wir das easy.

Sicher arbeiten wir noch wirtschaftlich, darum erhöhen wir ja auch regelmäßig die Preise, weil wir sonst nicht mehr wirtschaftlich arbeiten würden. Das ist Marktwirtschaft, und daran müssen wir uns als privatisiertes Unternehmen halten. Außerdem werden wir immer moderner, kundenfreundlicher und umweltbewusster, zumindest nimmt es nicht so ab, dass Sie es merken würden, und wir entwickeln für unsere Dienstleistung ein Problembewusstsein. Eines unserer Probleme ist, dass wir diese ganzen Züge fahren lassen. Und dann haben wir ja auch noch den Güterverkehr und das Schienennetz, und dann auch noch den Bundesverkehrsminister. Sie sehen, so einfach, wie das aussieht, ist es nicht.

Diese Vollkaskomentalität bei den Deutschen, das ist doch das Schlimme. Wir machen schon seit Jahren Reklame: Urlaub von der ersten Minute an. Sie wollen, sagen wir mal, nach Indien, da ist Zugfahren eine echte körperliche Herausforderung, wild, gefährlich, jeden Moment kann sich eine Katastrophe ereignen, die das ganze Leben auf den Kopf stellt oder sogar beendet – und da wollen Sie möglichst im Schlafwagen hin? Ich bitte Sie! Da kriegen Sie doch bei der Deutschen Bahn AG mehr geboten. Sie betreten den Zug, bis zum letzten Augenblick waren Sie sich nicht sicher, ob er einfährt, und wenn, auf welchem Gleis, dann die Wagenreihenfolge, und wenn Sie richtig Glück haben, hat jemand Ihre Sitzplatzreservierung zur Kenntnis genommen. Aber da hört’s ja noch nicht auf, jetzt kommen die Pünktlichkeitsanpassungen des laufenden Verkehrs! Da stehen Sie volle dreißig Minuten auf freier Strecke irgendwo vor Bebra mit rotem Einfahrtsignal und beißen sich die Nägel ab, weil Sie den Anschlusszug nicht mehr kriegen, und dann ist der Flieger weg. Das nenne ich mal echten Nervenkitzel!

Und was wir Ihnen an Entertainment bieten, das ist ja der nackte Wahnsinn. Wenn Sie so entspannt durch die Ebene gleiten, versuchen Sie mal, sich nur auf die Baustellen zu konzentrieren. Spätestens nach der zehnten Baustelle nehmen Sie Details wahr, das hätten Sie vorher nie gesehen. Sie sehen die Landschaft mit ganz anderen Augen. Ist ja auch logisch, wir fahren da halt etwas langsamer, damit Sie mehr von der Sache haben, aber darum geht’s ja im Moment gar nicht. Wir sind hier für Sie tätig, und das dürfen Sie ganz direkt miterleben. Sie brauchen nicht mal zu halten wie auf der Autobahn, wir machen auch das für Sie als Fahrgast. Haben Sie diesen Luxus schon mal im Flugzeug erlebt?

Also Fahrradmitnahme können Sie im Flieger schon mal knicken. Macht keiner, da bin ich mir absolut sicher. Als Handgepäck schon gleich gar nicht, mal ganz abgesehen von den Kosten. Sie können Ihr Fahrrad im Kofferraum transportieren, da haben Sie recht, aber mal ehrlich, dann müssten Sie ja auch noch Ihr Auto mitnehmen, oder wie stellen Sie sich das vor. Ich muss schon sagen, Ihre Vorstellungen von Komfort sind recht individuell.

Unsere Verspätungsdefinition ist ja gleichzeitig an der Pünktlichkeit ausgerichtet, wir sind ein ganz transparentes Unternehmen, das können Sie uns glauben – das sind nicht ganz drei Viertel der Züge, die absolut pünktlich waren, das heißt mit nur sechs Minuten Verspätung. Dass wir unseren Kunden damit täglich mit einer Chance von über 25% sechs Minuten Zeit schenken, die Sie gratis im Zug verbringen können oder auf einem unserer vielen Bahnhöfe, das wird ja in der Öffentlichkeit gar nicht mehr gewürdigt! Sechs Minuten, das ist eine zehntel Stunde, das müssen Sie sich mal ausrechnen und auf der Zunge zergehen lassen – gibt Ihre Bank Ihnen etwa zehn Prozent Rendite?

Wenn die Rheinschiffer im letzten Jahr durch die extreme Hitzeentwicklung keinen Treibstoff an die Tankstellen bringen können, sieht das jeder ein, aber wenn die Deutsche Bahn durch unerwartete Temperaturschwankungen in Schwierigkeiten gerät, dann wird das gleich zur nationalen Katastrophe hochstilisiert. So eine Klimaanlage ist ein fragiles Gebilde, und das gilt auch für Weichenheizungen. Das ist komplizierter als zum Beispiel eine Frau, das können Sie mir glauben.

Ich möchte mal wissen, warum sich alle über die Fahrkartenautomaten aufregen, es gibt doch kaum noch welche. Das ist der Trend, dass wir uns jetzt auch digital um unsere Kunden kümmern, das heißt, Sie können Ihre Fahrkarten ganz bequem auf dem Smartphone buchen, nur das Bezahlen ist noch nicht so ganz gelöst, aber das kriegen wir auch irgendwie in den Griff. Selbstverständlich können Sie Ihre Fahrkarten wie bisher in den Reisezentren lösen, da bringen Sie ein bisschen mehr Zeit mit, es ist sehr gemütlich, jedenfalls treffen sie da immer mal wieder nette Leute, und da können Sie bis auf Weiteres auch mit Bargeld zahlen. Nein, ich weiß, dass man das nicht an den üblichen Haltepunkten tun kann, das geht ja nicht einmal in den meisten Kleinstädten. Das ist so mit der Digitalisierung, das geschieht zuerst in den großen Städten. Aber Sie können ja jederzeit ins Reisezentrum fahren. Zum Beispiel mit der Deutschen Bahn!“

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