Schnauze

14 01 2019

„Und er hat tatsächlich gesagt, dass er sich die Kanzlerkandidatur zutraut?“ „Meine Güte, diese Springerschmierlappen haben ihn gefragt, da kann er schlecht nein sagen.“ „Warum eigentlich nicht?“ „Weil sonst die SPD endgültig weg ist.“ „Und was ist sie jetzt?“

„Ich verstehe ja, dass Sie das kritisch sehen, aber dann müssen Sie auch konkrete Vorschläge zur Verbesserung der Situation…“ „Nicht schon wieder die alte Leier!“ „Haben Sie Lösungsvorschläge, ja oder nein?“ „Den ganzen Laden in die Tonne treten, aber mich fragt ja wieder keiner.“ „So leicht dürfen wir es uns auch nicht machen, schließlich haben wir staatspolitische Verantwortung.“ „Für die SPD?“ „Nein, für… ach, ist ja auch egal jetzt.“ „Dann sagen Sie’s halt, ich meine, Sie glauben doch noch an das Wunder von Berlin, oder?“ „Erstmal müssen wir uns erneuern, das sagen doch alle.“ „Sehen Sie es mal positiv, wenn wir das eh nicht schaffen, dann sollten wir es wenigstens glaubwürdig beenden.“ „Wie das denn?“ „Na gucken Sie, Scholz gibt uns das gute Gefühl, mit diesem Kandidaten tun wir alles für eine Erneuerung – und wir verhindern gleichzeitig wirksam, dass sie stattfindet.“ „Sie meinen, das geht?“ „Das hat die SPD bisher mit dem Sozialismus auch hingekriegt.“

„Warum beißen sich jetzt alle an diesem Mann so fest?“ „Weil er dieses gewisse Etwas hat.“ „Wie bitte?“ „Naja, knapp unterhalb von Charisma.“ „Entschuldigen Sie mal, was haben Sie denn da wieder geraucht!?“ „Dann hören Sie sich mal an, was der sonst so von sich gibt. Wenn Sie nicht so genau hingucken, dann kann man den Eindruck kriegen, Schmidt hätte sich in der Hausnummer geirrt.“ „Oder in der Partei.“ „Ach was, das ist doch seine Masche.“ „Sie meinen, der macht das mit Absicht?“ „Alles.“ „Alles?“ „Zunächst: Hamburg. Wenn ein Kanzler irgendwo herkommt, dann aus der Hansestadt.“ „Die Merkel ist doch aber aus der Zone?“ „Und in Hamburg geboren.“ „Ach so.“ „Eben. Und dann dieses weltmännische Verstehen von Volkswirtschaft, da merkt man doch: der hat so einen preußischen Chic, der macht das nicht für Geld.“ „Der wandert hinterher in die Wirtschaft ab, darauf können Sie aber Gift nehmen.“ „Was er danach macht, ist schnurzegal. Und dies harte, man möchte sagen: männliche Durchgreifen in höchster Gefahr für seine Stadt!“ „Sie wollen jetzt nicht die Sturmflut 1962 mit dem Polizeieinsatz bei der Kapitalistenparty vergleichen?“ „Schmidt hat auch aufs Grundgesetz gepfiffen.“ „Aber doch nicht auf Artikel 1!“

„Wissen Sie, so eine Koalition mit der Union kann ganz lustig sein, man muss nur die richtige Konstellation finden.“ „Sie meinen ernsthaft, dass die SPD den Kanzler stellt und die CDU den Junior macht?“ „Andersrum will’s der Wähler nicht mehr, so viel steht schon mal fest.“ „Jetzt verlieren Sie langsam den Boden unter den Füßen.“ „Und mit der Sachpolitik machen wir es dann wie mit der Erneuerung.“ „Die findet also auch nicht statt?“ „Zumindest nicht so, wie sich die Opposition aus Grünen und Linken das vorstellt. Mit einem echten Wirtschaftskanzler kann man doch Hartz IV nicht abschaffen.“ „Wirtschaftskanzler?“ „Merz hätte das auch nicht gemacht.“ „Entschuldigen Sie mal, das ist doch Realsatire! Von einem SPD-Kanzler wird man erwarten, dass er sich um die Mieten kümmert und um die Löhne, um Kitas und Pflege und…“ „Macht er doch, jede Wette. Unsere Kampa wird der Knaller, sollen Sie mal sehen!“ „Also wieder nur ein Wahlkampfkanzler?“ „Denken Sie an sein Vorbild, wir werden ein politisches Beben sehen, das geradezu an einen Ruck erinnert. Jetzt erleben wir Scholz-Schnauze.“ „Schnauze?“ „Naja, die Schnittmenge mit Schmidt ist nicht gerade groß, aber irgendwo muss man doch anfangen.“ „Ich wäre sehr vorsichtig mit dem Spitznamen, gerade in Hamburg hat man seinen Brechmitteleinsatz gegen Kleinkriminelle immer noch gut im Gedächtnis.“ „Das wäre eher eine parteiinterne Bezeichnung.“

„Wenn ich das richtig verstanden habe, ist er innerhalb der eigenen Partei auch umstritten.“ „Das kann man so sehen, es halten sich ja noch andere für kanzlertauglich.“ „Weil?“ „Na, aus Gründen halt.“ „Nein, ich meine… ach, vergessen Sie’s.“ „Schauen Sie mal, in dieser Hinsicht ist doch Scholz ein absolutes Multifunktionswerkzeug.“ „Das verstehe ich nicht.“ „Klar, das muss man auch erlebt haben, aber…“ „Nein, nicht so.“ „Sehen Sie, der Sozialismus, politische Inhalte, die Erneuerung, und jetzt auch noch die Kanzlerschaft – das ist ein Zukunftsmodell für die Sozialdemokratie!“ „Also wir träumen von der Kanzlerschaft, aber wir wissen genau: mit dem Mann kann man sich das langfristig in die Haare schmieren.“ „Jawohl, und dann kommt erst die Zukunft: wir haben eine Perspektive, von Wahl zu Wahl.“ „Von Ewigkeit zu Ewigkeit, das wollten Sie doch sagen?“ „Oder so, jedenfalls ist mit solchen Kanzlerkandidaten ausgeschlossen, dass wir je auch nur in die Nähe der politischen Verantwortung geraten.“ „Ab jetzt Ausruhen auf der Oppositionsbank?“ „Für den Rest des Lebens, oder wenigstens solange, wie es die SPD noch gibt.“ „Und danach?“ „Wie, danach?“ „Das muss ja nicht unbedingt zusammenfallen.“ „Stimmt, aber wenn man erstmal die richtige Erfahrung gesammelt hat, ein Profil, ein Image, verstehen Sie, was sich auch in der Öffentlichkeit gut verkaufen lässt, dann kann man das doch wirklich auch mal einsetzen und sich für die Gesellschaft, also die Wirtschaft, verstehen Sie, die braucht solche Köpfe immer.“ „Was soll ich in der Wirtschaft?“ „Wer redet denn von Ihnen? Ich rede von Olaf Scholz!“