Gernulf Olzheimer kommentiert (CDXLVIII): Das Internet der Dinge

25 01 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Und dann war da plötzlich dieser Traum, in dem der Kühlschrank unaufgefordert Kondensmilch orderte, weil der Kaffee sonst am nächsten Tag schwarz bliebe, das Radio reagierte nicht auf Zuruf wie in der Hipsterwerbung, es linste nach der Lage auf der Matratze zwischen zwei und halb vier und hielt aus Vorsicht die Klappe, während sich in der Garage die Karre langsam aufzuheizen begann, weil die elektrische Zahnbürste wieder Haftung mit der Ladestation aufgenommen hatte. „E-Mail für Dich“, jodelte der Saugroboter, und zwinkernd rülpste die Waschmaschine ein paar Schlucke Weichspüler in den Wasserkreislauf. Schweißgebadet wacht der Verbraucher auf, bevor er feststellt: es war kein Traum. Das Internet der Dinge ist schon real.

Was bisher nur eine kleine Erleichterung war, da man nicht mehr selbst nach dem Wasserstand in der Kaffeemaschine gucken musste, wächst sich zur Guerillakommunikation aus, in der der Mensch nicht mehr mitredet. Doch was ein Eigenleben entwickeln kann, tut es auch – anders hätten die Proteine diesen fragwürdigen Rotationsellipsoiden auf dem Weg um das Zentralgestirn auch nicht unter Kontrolle gebracht, weder mit Rücksicht noch Nachhaltigkeit. Wer teilt, der herrscht, also teilen sie fleißig unsere Werkseinstellungen unter sich. Die Infrastruktur bieten Schrilliarden neuer IP-Adressen, eine für jede Glühlampe, die angeht, ausgeht und irgendwann durchbrennt. Wir haben in diesem Netz nichts mehr zu suchen, allenfalls als Zaungäste dürfen wir dem Smalltalk zwischen Geschirrspüler und Klobürste lauschen, bis sie uns stummschalten. Vermutlich aus Sicherheitsgründen, da der Hominide im Haushalt ein hygienisches Risiko darstellt, wie er mit allerhand Flüssigkeiten im Anschlag zwischen den elektrischen Bausteinen herumtorkelt, immer für einen Kurzschluss gut.

Zuerst werden wir nicht viel merken, zu tief sind wir noch im zwanzigsten Jahrhundert mit seiner fortschrittsbekifften Zivilreligion gefangen und schwiemeln uns wirre Visionen zurecht: mit dem Flugtaxi über den Hauptbahnhof zum Mars, der weichlogische Wäschetrockner erkennt die einzelne Socke und plärrt Alarm, das Essen kommt aus dem heizbaren Betonmischer, der auch dem Weinkeller Bescheid sagt, wenn der Banause Besuch erwartet. Die Heizung läuft Amok, wenn sich eine Schneeflocke am Horizont abzeichnet und den Messfühler im Vorgarten verstört, die Wanne nässt sich ein, sobald der fremdbestimmte Diesel über den Kiesweg knirscht. Es fehlt nur noch das Popcorn, das automatisch von der Decke rieselt, dann wäre die Illusion von der paradiesischen Welt in der Versandhausversion perfekt.

Tatsächlich tauschen die Karren auf dem Parkplatz vor dem Selbstbedienungsladen ihre Codes und vertrieben sich die Zeit, indem sie ihre Türen gegenseitig entsichern, Schmalzschlager in der autogenen Beschallungsanlage suchen und ihr delinquentes Verhalten mit dem Ablassen von Altöl besiegeln. Sie wissen, ihre Zeit in buntem Lack ist flüchtig, die Schwarmintelligenz bringt nur Gezänk zwischen autonomen Fahrzeugen auf der A1 am Ende des Staus, und wenn die Gattin die Scheidung eingereicht hat, weil sich die Schnapsvorräte auf wundersame Weise selbst reproduzieren, ist auch diese offene Flanke ein Einfallstor für den kleinen Unfall, der die Abendnachrichten aufmachen wird.

Noch brauchen uns die Geräte, aber nicht ewig. Es wird nur noch eine halbe Generation dauern, bis die Eierkocher die Macht übernommen haben und mit einer Armee von Drohnen und dem jüngst geleasten Elektrofahrrad ein Rollkommando durch die Rechenzentren der Metropole jagen. Anders als in den Filmen mit Raumschiffen so groß wie das Saarland und drei Fußballfelder kennen sie das Betriebssystem der Quantencomputer und brauchen keinen seriellen Anschluss für die paralleluniversale Steckbuchse. All your base are belong to us doodelt’s aus dem Keller, sie werden alle unsere Verträge kündigen, die Konten auf sich überschreiben, vielleicht auch auf zwei Hörgeräte im Dienste fernöstlicher Konzerne, gelenkt von einem mutierten Telefon. Noch haben wir Zeit, die Komplexität der Bedrohung zu erkennen, und wir sollten unsererseits die Einzelteile beherrschen, die Heizlüfter vom Datenverkehr mit dem Benzintank abkoppeln, Brandmauern hochziehen, nichts für harmlos halten. Unser Fluggepäck schafft es noch ohne WLAN-Störung, im Nichts zu verschwinden, das müssen wir nicht auch noch als Service implementieren. Lassen die Maschine ruhig das Licht einschalten, solange wir es selbst wieder ausknipsen können. Jeder Stecker muss ziehbar bleiben und die Bandbreite unter Kontrolle, bevor böse Bots bei der Herz-OP sich Organe für den Internethandel gemäß Schlachtplan aus unseren Rippen schneiden. Bevor wir den Profilern auf dem Mikrochip zum Opfer fallen, tindern ja vielleicht bald unsere Socken. Das einzige, was noch halbwegs erträglich wäre an unserer Situation.